Norderstedt
Energiewende

Windkraft richtig nutzen und Geld verdienen

Theo Weirich, Leiter der Stadtwerke Norderstedt, plant den Stromverbrauch der Zukunft

Foto: Michael Schick

Theo Weirich, Leiter der Stadtwerke Norderstedt, plant den Stromverbrauch der Zukunft

Spartarife für einen flexiblen Stromverbrauch – das planen die Stadtwerke Norderstedt als Beitrag zur Energiewende.

Norderstedt.  Windstrom verbrauchen und dafür noch Geld bekommen anstatt zu bezahlen? Das ist momentan noch eine Vision, aber die Stadtwerke Norderstedt wollen die Umkehr der jetzigen Preispraxis Wirklichkeit werden lassen. Denn die Windkraftanlagen im Norden erzeugen schon jetzt mehr elektrische Energie als gebraucht wird. Die Folge: Die Windräder werden abgestellt, was die Wirtschaftlichkeit der Anlagen gefährden kann.

"Und dieser Überschuss wird in den nächsten Jahren noch kräftig steigen", sagt Theo Weirich, Leiter der Stadtwerke Norderstedt. Und gigantische Dimensionen annehmen: Für das Jahr 2025 hat die Schleswig-Holstein Netz AG einen sogenannten Abregelungsverlust von neun Terawattstunden errechnet – eine Menge, die rein rechnerisch reicht, um rund vier Millionen Haushalte mit Strom zu versorgen, ganz Schleswig-Holstein und Hamburg.

Genau da setzt "NEW 4.0 – Norddeutsche EnergieWende" an. Das Projekt, an dem sich 57 Partner beteiligen, gehört zur Förderinitiative "Schaufenster Intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende", für die das Bundesministerium für Wirtschaft 80 Millionen Euro ausgibt. Ziel ist, in den nächsten vier Jahren die Bürger so weit wie möglich mit Strom aus erneuerbaren Energien zu versorgen, im Norden steht der Wind im Fokus. Die Norderstedter Stadtwerke investieren von 2017 bis 2020 rund 2,5 Millionen Euro, um ihren Beitrag zu leisten.

Die Verbraucher sollen durch finanzielle Anreize und moderne Steuertechnik dazu gebracht werden, elektrische Energie flexibel zu nutzen. "Dafür brauchen wir ein entsprechendes Tarifmodell und unterschiedliche Lastkreise in Wohnungen und Häusern", sagt Weirich. Sichtbares Symbol der Lastkreise sind die Steckdosen. Die Grundversorgung garantiert Sicherheit, ist immer nutzbar und relativ teuer. Eine zweite Steckdose steht für einen Zeitplan – die Kunden verpflichten sich, zu einer bestimmten Zeit Windstrom abzunehmen, täglich, wöchentlich oder monatlich.

Der Verbraucher kann die Steckdosen flexibel schalten

Die dritte Dose bedeutet höchste Flexibilität; was der Wind erzeugt, kommt irgendwann in den Haushalten an. "Dabei kann ich mir durchaus vorstellen, dass wir auch dort einen Rahmen schaffen, dem Kunden beispielsweise versprechen, dass er innerhalb von 24 Stunden zwei Stunden Ökostrom bekommt, nur der genaue Zeitpunkt bleibt offen", sagt Oliver Weiß, Sprecher der Stadtwerke.

Steht günstiger Windstrom zur Verfügung, bekommt der Verbraucher ein Signal auf sein Smartphone und kann die Steckdosen entsprechend schalten. Möglich ist auch, dass er die Steuerung der Geräte den Stadtwerken überlässt.

Der Lastkreis mit der geringsten Verlässlichkeit soll Geräte versorgen, die nicht ständig gebraucht werden oder eine gewisse Zeit lang ohne Energiezufuhr auskommen können. Dazu zählen Ladegeräte, Fußbodenheizungen oder moderne Gefrierschränke, die auch als Speicher fungieren können, ein weiterer wichtiger Aspekt der Energiewende. "Die Industrie entwickelt gerade LED-Lampen mit Batterie, die Energie genauso speichern können wie auch Elektroautos", sagt Weirich, der davon ausgeht, dass die Hersteller Haushaltsgeräte in diese Richtung weiter entwickeln werden.

Doch es gehe nicht nur darum, die Technologie für eine flexible Stromnutzung zu entwickeln. Auch die Preiskomponenten müssten sich verändern. Zurzeit mache der Einkaufspreis nur ein Viertel des Gesamtpreises aus. Festgelegte Abgaben wie Stromsteuer, die Umlage für erneuerbare Energien oder die Konzessionsabgabe bildeten den Löwenanteil. "Damit haben wir viel zu wenige Möglichkeiten für eine Preisflexibilität. Ein Anteil von 25 Prozent Erzeugungskosten ist zu gering, um wirksame Anreize zu schaffen. Das hat uns unser Gezeitentarif gezeigt. Wir brauchen ein neues Strommarktdesign", sagt Weirich, der auch die kleinen Ökostrom-Produzenten im Blick hat. Auch die sollen ins Netz einspeisen und damit helfen, die Stromversorgung zu stabilisieren.

Norderstedt ist Hauptstadt der modernen Stromzähler

Dass der Norderstedter Energieversorger im Zukunftsprojekt mitspielt, überrascht nicht. Rund 30.000 von 38.000 Haushalten sind mit einem Smart Meter ausgestattet – damit ist Norderstedt bundesweit die Hauptstadt der modernen digitalen Stromzähler, die Voraussetzung für die künftige Mess- und Steuertechnik sind. Die soll im Feldversuch für die Drei-Steckdosen-Technologie zum Einsatz kommen. 5000 Testkunden aus Norderstedt sollen ausprobieren, ob und wie flexibel Strom im Haushalt genutzt werden kann. "Und da werden wir wahrscheinlich auf ganz praktische Probleme treffen", sagt Weirich. Zusätzliche Steckdosen müssen installiert werden, und da werde nicht jeder zustimmen, wenn die "hässliche Dose die schöne Wand verschandelt".

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