Norderstedt
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Zeugin: „Ich bin alt, aber nicht dement“

Gemeinsam mit zwei Komplizen soll der Angeklagte die Senioren betrogen haben

Gemeinsam mit zwei Komplizen soll der Angeklagte die Senioren betrogen haben

Foto: Michael Rauhe

82-Jährige ist Kronzeugin im Prozess gegen Mann, der sie um 3500 Euro betrogen haben soll. Angeklagter verweigert die Aussage.

Norderstedt.  Die 82-Jährige entspricht so gar nicht dem Klischee der gutgläubigen Rentnerin, die von gewissenlosen Betrügern überrumpelt und ausgenommen wird. Kerzengerade, hellwach und konzentriert sitzt Gertrud M. vor dem Schöffengericht Norderstedt und fragt sich bis heute, warum sie damals auf die drei Männer hereingefallen ist. „Ich bin“, wundert sich die lebhafte Zeugin, „normalerweise nicht so naiv. Aber damals war ich wohl offenbar richtig bescheuert.“

Verhandelt wird wegen Betrugs. Laut Anklage haben Michael H. sowie zwei bislang unbekannte Mittäter der allein im Haus lebenden Seniorin angeboten, die Auffahrt ihres Grundstückes in Henstedt-Ulzburg mittels Hochdruckreiniger zu säubern und die Steine anschließend zu versiegeln. Als Lohn seien mehrere Tausend Euro vereinbart worden. Nachdem Gertrud M. dem Auftrag zugestimmt hatte, hob sie in Begleitung des Angeklagten den vereinbarten Arbeitslohn bei ihrer Bank ab und übergab das Geld. Danach seien die Männer davongefahren.

Dieser Ablauf wiederholte sich am übernächsten Tag. Laut Anklage bat der Angeklagte um eine weitere Zahlung, um die Kaution für eine Maschine zahlen zu können. Wieder sei die Rentnerin mit dem Angeklagten zur Bank gefahren. Nach der erneuten Geldübergabe waren die Männer nicht mehr zurückgekehrt.

Zum Anklagevorwurf verweigert der 26 Jahre alte Angeklagte die Aussage. Er habe seit einer Woche eine schwere Grippe und akute Kreislaufprobleme, ließ er seinen Verteidiger sagen. Dessen Antrag, die Hauptverhandlung deshalb auszusetzen, lehnte das Schöffengericht ab. Schon vor zwei Wochen musste der ursprüngliche Prozessbeginn verschoben werden, weil der Angeklagte damals behauptet hatte, die staatsanwaltliche Anklage nicht erhalten zu haben.

Dafür redete Gertrud M, die als Kronzeugin der Anklage auftrat. Insgesamt 3500 Euro hat sie gezahlt, davon 500 in bar. Freundlich hätten ihr die Männer Prospekte gezeigt, um zu zeigen, wie schön die Auffahrt ihres Grundstückes hinterher sein würde. „Wir machen es auch sehr günstig“, habe ihr der Angeklagte versprochen. Weil der offenbar obskure Arbeitsauftrag zwei Jahre zurückliegt, kann sich Gertrud M. nicht mehr an Details erinnern. Ungeduldig attackiert Michael H.s Verteidiger die betagte Zeugin mit weiteren Fragen. Daraufhin meinte Gertrud M. sehr laut zum Verteidiger: „Ich bin zwar alt, aber nicht dement.“

Für die Witwe ist es ein Rätsel, warum sie von Anfang an nicht misstrauisch geworden ist. Sie hätte sich zum Beispiel Quittungen geben lassen müssen. Stutzig wurde sie erst, weil sich die Männer mit ihrer Arbeit so viel Zeit ließen. Deshalb notierte sie sich auch das Kennzeichen des Lieferwagens. Damit ging sie dann zur Polizei. Gertrud M. hofft auf eine Bestrafung des Angeklagten, ahnt aber, dass sie ihr Geld nie mehr wiedersehen wird. Der Prozess wird am 29. April um 14 Uhr im Amtsgericht Norderstedt fortgesetzt.