Norderstedt
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40 Jahre: Die Exoten aus dem Pflegeheim

Gernot Maaß und Evelin Veljovic helfen einer Bewohnerin vom Bett in den Lift und dann in den Rollstuhl

Gernot Maaß und Evelin Veljovic helfen einer Bewohnerin vom Bett in den Lift und dann in den Rollstuhl

Foto: Michael Schick

Evelin Veljovic und Gernot Maaß sind seit 40 Jahren Altenpfleger – eine Rarität in einer Branche mit hoher Fluktuation.

Norderstedt.  Gernot Maaß hilft beim Aufrichten im Bett. Evelin Veljovic holt den Transportlift, beide bugsieren die Seniorin in den motorisierten Helfer, dann in den Rollstuhl. Die Handgriffe sitzen, unaufgeregt und routiniert erledigen die beiden ihre Arbeit – Maaß und seine Kollegin verdienen ihr Geld als Altenpfleger und sind Exoten in einer Branche, die von hoher Fluktuation gekennzeichnet ist. 40 Jahre lang pflegen beide alte Menschen, ein seltenes Dienstjubiläum.

„Die Regel ist, dass Beschäftigte in der Altenpflege alle fünf Jahre die Einrichtung wechseln, eine Pause einlegen oder ganz aufhören“, sagt Gunnar Löwe, der zusammen mit seiner Schwester Siri Kudelka das Altenpflegeheim Scheel in Norderstedt leitet, die Einrichtung, in der es Gernot Maaß und Evelin Veljovic nun schon Jahrzehnte aushalten. Und das ohne körperliche oder psychische Schäden und immer noch mit viel Freude am Job. „Für unsere Arbeit trifft der Spruch vom Beruf, der Berufung ist, zu“, sagt Maaß, der seine Berufung über Umwege gefunden hat. Biologie hat er studiert, nebenbei Geld im Schichtdienst an einer Sonderschule für geistig behinderte Kinder verdient. Doch da war irgendwann Schluss, der Norderstedter wechselte zum Altenpflegeheim, wo er studienbegleitend Nachtwachen übernahm. Er habe gemerkt, dass das „mein Ding war, etwas, was mir gefallen hat“.

Sein Engagement hat auch den Verantwortlichen der Einrichtung gefallen, also blieb er. Maaß scherte in den normalen Pflegedienst ein. Ungelernt zwar, aber mit dem menschlichen Körper kannte er sich aus, Anatomie war Studieninhalt. „Ich habe Zeit meines Lebens gelernt“, sagt der Quereinsteiger, der sich aneignete, was er brauchte. „Früher war das kein Problem, da gab es noch keine Fachkraftquote“, sagt Siri Kudelka, heute muss die Hälfte der Pflegekräfte ein Examen in der Tasche haben.

Ein Team für sechs bis acht Heimbewohner

Evelin Veljovic hat die ersten Jahre in einer anderen Einrichtung gearbeitet, gehört inzwischen aber bei Scheel ebenfalls „zum Inventar“. Beide fühlen sich gut aufgehoben: „Die Arbeitsbedingungen, die Wertschätzung und der Umgang miteinander sind enorm wichtig und stimmen hier einfach“, sagt Evelin Veljovic. Trotz rund 100 Kollegen sei die Atmosphäre familiär. Die beiden Pflegeroutiniers wissen die Fünf-Tage-Woche zu schätzen. „Das ist schon ein schwerer Beruf, der Zeit für die Regeneration braucht“, sagt die 64-Jährige. Ein freier Tag pro Woche und jedes zweite Wochenende frei – das sind weitere Fixpunkte im Arbeitsleben, das im Zweischichtbetrieb abläuft: von 6 bis 14 Uhr und von 13 bis 21 Uhr. Mittags ist Übergabe.

Jedes Pflegeteam ist zuständig für sechs bis acht Heimbewohner. Die müssen gewaschen und angezogen werden. „Dazu kommen hausfrauliche Tätigkeiten: Betten machen, Zimmer lüften“, sagt Evelin Veljovic.

Um 8.30 Uhr sitzen diejenigen, die ihr Bett verlassen können, im Essraum. „Wir versuchen, möglicht viele unserer Bewohner in die Gemeinschaft einzubeziehen und sie nach ihren Fähigkeiten zu gruppieren“, sagt Siri Kudelka. Auch beim Essen sind Gernot Maaß und Evelin Veljovic gefordert. Sie portionieren die Speisen, zerteilen den adventlichen Bratapfel, der an diesem Nachmittag auf dem Speiseplan steht, füllen Becher mit Tee und reichen an, was die Bewohner genießen sollen.

„Manche gucken uns bei der Arbeit zu und buttjern durchs Haus. Das entspannt sie“, sagt Evelin Veljovic. Siri Kudelka spricht von der „Chance auf Passivität“ – wer kognitiv eingeschränkt ist, könne die Konzentration maximal zehn Minuten auf Höchsttouren laufen lassen.

Die Bewohner zu aktivieren und zu mobilisieren, gehört nicht zu den Aufgaben von Gernot Maaß und seiner Kollegin. Dafür gibt es das Betreuungs-Team, das Diplom-Psychologe Peter Böttcher leitet – auch seit mehr als 25 Jahren an Bord des Altenpflegeheims. Spielen, Singen, Bewegung, Ausflüge: „Es muss immer was los sein bei uns“, sagt er. Die Pfleger kommen ins Spiel, wenn es darum geht, welches Angebot für welchen Bewohner geeignet ist.

„Das gehört zur Pflegeplanung“, sagt Maaß. Welche Interessen und Fähigkeiten sind vorhanden? Der eine Bewohner liebt Tierfilme im TV, eine andere möchte am Gottesdienst teilnehmen, wieder andere „Mensch ärgere Dich nicht“ oder „Bingo“ spielen, sich bei einer Aromatherapie oder Klangmassage wohlfühlen. Die Pflegeplanung ist Teil der Dokumentation, lange eine lästige Pflichtaufgabe, die Zeit für die eigentliche Arbeit, die Betreuung der Bewohner, geraubt hat. Inzwischen erleichtert es ein neues System, die wiederkehrenden Tätigkeiten im PC festzuhalten. Hinzu kommen Gespräche mit den Angehörigen, die wissen wollen, wie es Vater. Mutter oder Partner geht, was er braucht, wie sie helfen können.

„Geduld ist der Schlüssel zu den Bewohnern“, sagt Evelin Veljovic. Sie habe in vier Jahrzehnten gelernt, dass es Zeit braucht, um das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen. Und: Sie und ihre Kollegen müssten die Menschen, die ihnen anvertraut sind, nehmen, wie sie sind, freundlich bleiben, auch wenn ihnen anfangs Ablehnung entgegenschlage. „Manchmal braucht es zehn Minuten, bis das Eis gebrochen ist, manchmal auch länger“, sagt Evelin Veljovic. Jeder Pfleger, jede Pflegerin bringe ihre eigene Persönlichkeit mit. Maaß beschreibt sich als kumpelhaft, ruhig und liebevoll, dennoch: „Es ist schon vorgekommen, dass der Funke einfach nicht überspringt“, sagt er. Vielleicht habe er die Bewohnerin an ein negatives Erlebnis erinnert, an einen Menschen, mit dem sie Ärger hatte. Dann hilft es, wenn ein Kollege oder eine Kollegin einspringt.

Im Laufe der Zeit baut sich nicht nur Vertrauen auf, „man gewinnt die Menschen regelrecht lieb“, sagt Evelin Veljovic. Da fällt es schwer zu ertragen, wie sie verfallen, vielleicht leiden müssen, schließlich sterben. Die Bilder, die Traurigkeit, die Verzweiflung – all das habe sie anfangs mit nach Hause genommen. Auf Dauer funktioniere das nicht, sie musste lernen, die Emotionen an der Tür des Altenpflegeheims abzugeben, wenn sie Feierabend hat.

Was ist die Motivation dafür, morgens immer wieder die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken? „Wir bekommen so viel zurück, ein Blick, ein Lächeln, eine Hand, die sich uns entgegenstreckt – was viele Menschen nicht mal wahrnehmen, ist für uns Lohn und Ansporn wie der Applaus für einen Künstler“, sagen beide. Dieser oft flüchtige Lohn und der Dank der Angehörigen bewegen Evelin Verljovic sogar dazu, den anstehenden Ruhestand zu ignorieren und weiterzuarbeiten, auch für Gernot Maaß ein Denkmodell.