Norderstedt
Jagd

Die gefiederte Luftwaffe des Flughafens aus Alveslohe

Mit Greifvögeln sorgen Jagdbeauftragter Markus Musser und der Alvesloher Falkner Herbert Boger für Sicherheit auf dem Hamburger Gelände des Airports.

Alveslohe/Hamburg. „Das ist unser Kurzstreckenjäger“, sagt Markus Musser. Er meint damit nicht Herbert Boger aus Alveslohe, der neben ihm steht, sondern den Greifvogel, der friedlich auf dessen linker Hand hockt. Ein Lederhandschuh mit langen Stulpen schützt vor den scharfen Krallen des Tieres. Schauplatz der Zusammenkunft ist eine Grasfläche auf dem Hamburger Flughafen. Dass etwa 100 Meter entfernt gerade eine riesige Boeing 777 von Emirates Airlines mit donnernden Triebwerken auf der Startbahn beschleunigt und abhebt, stört die Männer und den Vogel nicht.

Bei Bogers Kurzstreckenjäger handelt es sich um eine Vogeldame. Sally heißt der Wüstenbussard im eleganten braun-rötlichen Federkleid. Dessen englische Bezeichnung Harris Hawk klingt fast schon wie der Name eines Kampfjets. Die in den USA und Mittelamerika beheimateten Vögel gehören zur Gruppe der Habichtartigen. Sie stehen unter Artenschutz.

Dr sogenannte Vogelschlag kann die Sicherheit des Flugbetriebs gefährden

Sally ist mit ihrem Besitzer regelmäßig zu Gast bei Markus Musser. Der 35 Jahre alte studierte Forstwirtschaftler und Jäger aus Heede bei Barmstedt ist bei der Flughafen Hamburg GmbH als Jagdbeauftragter angestellt. Zu Mussers Job gehört es, dafür zu sorgen, dass auf dem Flugplatz und im Luftraum darüber die lebendigen Vogelscharen gegenüber den großen Kollegen mit Düsen- oder Propellerantrieb nicht überhand nehmen. Denn der Vogelschlag, der Zusammenprall von Vögeln mit Flugzeugen in der Start- oder Landephase, kann die Sicherheit des Flugbetriebs erheblich gefährden.

Musser und Boger sind beide ausgebildete Falkner. Doch der Jagdbeauftragte hält keine eigenen Greifvögel. Umso mehr verlässt er sich bei den Einsätzen auf dem Airport-Areal auf den Alvesloher Kollegen und dessen gefiederte Flugbereitschaft. Boger ist mit einem seiner fünf Greifvögel, darunter auch Wanderfalken und Sakerfalken, die zu den größten Exemplaren ihrer Art zählen, zwei- bis dreimal die Woche auf dem Hamburger Flughafen unterwegs.

Als selbstständiger Dienstleister ist der 52-jährige Falkner mit seiner mobilen Luftwaffe bei den Vogelschwärmen gefürchtet. Gemeinsam haben Musser und Boger ein Konzept entwickelt, um den Airport für Rabenkrähen, Möwen, Tauben, Stare und andere fliegende Artgenossen zu einem unattraktiven Revier zu machen. „Ziel ist die Vergrämung der Vögel durch Abschreckung”, sagt der Jagdbeauftragte.

Bei 143.000 Flugbewegungen gibt es etwa 35 Zwischenfälle mit Vögeln

Genau diesen Zweck erfüllen Sally und ihre Teamkollegen. Seit einem Jahr sind die beiden Männer mit den Greifvögeln auf dem 470 Hektar großen Gelände im Einsatz – und das höchst erfolgreich. „Es ist uns gelungen, allein die Zahl der Rabenkrähen von etwa 600 bis 700 Stück auf unter 100 Exemplare zu verringern“, sagt Musser. Der Hamburger Flughafen zählt damit zu den Airports mit einem geringen Vogelschlag-Risiko. Bei jährlich etwa 143.000 Flugbewegungen gibt es im Mittel nur 35 Fälle. Meist handelt es sich um Treffer am Rumpf der Flugzeuge.

Wenn es gilt, beispielsweise eine Krähenschar zu vergrämen, nähert sich Boger mit seinem Greifvogel dem Schwarm. Dann löst der Falkner die Riemen der Ledermanschetten an den Beinen des Wüstenbussards. Sally jagt los und erbeutet bestenfalls im Luftkampf eine der Krähen. Das klappt bei zehn Starts meist nur einmal. Doch die Panikschreie der Krähen bewirken bei den Artgenossen bereits eine derartige Abschreckung, dass diese sich davonmachen. „Selbst wenn der Greifvogel keine Beute macht, genügt das Erscheinen, um die Krähen oder Möwen zu vergrämen“, sagt Musser. Vor allem Rabenkrähen seien sehr intelligente und kommunikative Tiere, die sich untereinander vor solchen unliebsamen Jägern warnen und das Revier verlassen.

Sally oder einer ihrer Kollegen kehrt nach dem Einsatz zum Boden zurück und lässt sich mit einer Fleischration vom Falkner belohnen. Wüstenbussarde sind für den Luftraum bis etwa zehn Meter Höhe geeignet. Weiter oben werden größere Greifvögel wie Wanderfalken eingesetzt. Bei denen genügt oft schon die Silhouette am Himmel, um Vogelschwärme, die den Flugbetrieb stören könnten, zu vertreiben.

Ergänzend setzen die Kollegen der Verkehrsaufsicht des Flughafens Schreckschusswaffen und Pyrotechnik ein. Allerdings hat Musser die Erfahrung gemacht, dass sich die Vögel an die Geräusche gewöhnen. Dagegen sei der Einsatz der Greifvögel nachhaltiger wirksam. Sally ist inzwischen beim Flughafenpersonal sowie bei vielen Piloten und Stewardessen bekannt und beliebt.

Füchse sind willkommen – sie halten auf dem Airport-Areal die Mäuse in Schach

Dass es mit der Falknerei überhaupt funktioniert, basiert auf der guten Zusammenarbeit zwischen Mensch und Tier. „Der Vogel hat eine persönliche Bindung zu mir”, beschreibt Herbert Boger das antrainierte Vertrauensverhältnis. Falkner sprechen vom Abtragen. Damit ist die Phase gemeint, in der Jungvögel, angelockt mit Futter, daran gewöhnt werden, sich auf dem Falknerhandschuh tragen zu lassen. Dabei lasse sich eine Beziehung aufbauen. „Sally weiß, dass sie mit mir gemeinsam erfolgreicher bei der Jagd nach Nahrung ist“, sagt der Alvesloher. Ein gutes Händchen für den Umgang mit Tieren hat der Falkner auch in seinem Zweitberuf als sogenannter Bereiter: Boger, einst selbst im Reitsport erfolgreich, trainiert im Kreis Pinneberg Dressurreiter.

Markus Musser, der seit 2004 beim Airport Hamburg angestellt ist, hat in seinem nicht alltäglichen Jagdrevier nicht nur die fliegende Abteilung im Blick. Auch bodenständige Bewohner wie Kaninchen, Wühlmäuse und weiteres Kleingetier sind auf dem Flughafengelände heimisch. Zwei komplette Fuchsfamilien mit 13 Tieren sind die Krönung des Wildbestands und besonders willkommen. Denn sie halten die Zahl der Wühlmäuse in Grenzen.

Doch zu Mussers Aufgabengebiet gehört noch ein ganz spezieller Außenposten, nicht weit von seinem Wohnsitz Heede entfernt: Der Jagdbeauftragte bewirtschaftet 750 Hektar Wald auf dem Gelände des einst geplanten und dann gescheiterten Großflughafens Kaltenkirchen. Auch wenn das Projekt längst gestorben ist, die Flächen im Kreis Segeberg und im nördlichen Kreis Pinneberg sind noch immer Eigentum der Hamburger Flughafen GmbH.

Für Markus Musser bildet das Areal ein in Schleswig-Holstein einzigartiges erhaltenswertes Naturrefugium. Doch das ist die private Meinung des Mannes, der sich neben seinem Beruf in seiner Freizeit ehrenamtlich einsetzt. So ist er Vorsitzender des Rotwildrings Hasselbusch und engagiert sich in der Kreisjägerschaft Pinneberg für die Ausbildung von Jungjägern.