Neue Stromleitung

Die Verlierer der Energiewende in Alveslohe

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Helge Buttkereit

Für die Mohrs kommt es knüppeldick. Die neue 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung soll neben ihrem Haus an der Autobahn 7 gebaut werden.

Alveslohe . Die Autobahn stört Antje Mohr kaum, und in ihrem Wohnzimmer ist sie auch fast gar nicht zu hören. Die Alvesloherin hat gelernt, mit der A 7, über die täglich 70.000 Fahrzeuge knattern, zu leben. Schließlich wohnt sie seit 1968 an der Kadener Allee - die Autobahn wurde wenige Jahre später in einer Entfernung von etwa 150 Meter fertiggestellt. Antje Mohr bereitet zurzeit etwas ganz anderes großes Kopfzerbrechen - die Energiewende: "Das Problem ist für uns die Leitung", sagt sie. Keine 100 Meter von ihrem Haus entfernt soll die neue 380-Kilovolt-Höchstspannungsleitung von Audorf bei Rendsburg zum Umspannwerk Hamburg-Nord im Norden Norderstedts verlaufen.

Antje Mohr sorgt sich um ihre beiden herzkranken Söhne

Mit der neuen Leitung soll unter anderem der Windstrom aus Schleswig-Holstein in den Süden geleitet werden, der an den Küsten erzeugt wird und dessen Ableitung große Probleme bereitet. Die aktuelle Trasse mit einer Spannung von 220 Kilovolt verläuft durch Henstedt-Ulzburg, direkt an der Olzeborchschule vorbei und über Feuerwehr und Wohnhäuser hinweg. Um die Belastung zu verringern, will der Stromnetzbetreiber Tennet die neue Leitung ab Lentföhrden an der Autobahn 7 entlangführen. Hier wohnen viel weniger Menschen als beispielsweise in Henstedt-Ulzburg. Aber hier wohnt Antje Mohr.

Insbesondere um ihre beiden erwachsenen Söhne macht sie sich Sorgen. Sie leben mit ihren Familien jeweils in eigenen Wohnungen im Haus und haben beide wegen offenbar angeborenen Herzrhythmusstörungen vor einigen Jahren Defibrillatoren implantiert bekommen. "Ob die sich mit dem Strom vertragen, ist fraglich", sagt Mohr. "Man bekommt das Haus nicht mehr verkauft, und hier leben können wir auch nicht mehr." Erst kürzlich habe sie das Haus mit dem Geld von Landverkäufen umgebaut. "Das ist dann alles weg", sagt sie. "Wir wollen die Leitung nicht haben."

Tom Wagner, Pressesprecher des Stromnetzbetreibers Tennet, kann die Familie Mohr verstehen. Da ein Teil der Leitung über deren Grundstück verlaufen und die Leitung dann etwa 90 Meter vom Haus entfernt gespannt sein wird, werde eine Entschädigung gezahlt. Diese richtet sich nach dem geschätzten Verkehrswert des Hauses, der durch die Leitung verringert wird.

Der Netzbetreiber will helfen, aber keinen Präzedenzfall schaffen

Das Unternehmen würde die Familie auch gerne "freikaufen", andererseits wolle man keinen Präzedenzfall schaffen. Gleichwohl befindet sich Tennet in Gesprächen mit der Familie und der Gemeinde. Deren Bürgermeister Peter Kroll stellt klar, dass Alveslohes Gemeindevertretung sich gegen den Trassenverlauf auf ihrem Gebiet ausgesprochen hat. Insgesamt 20 Bürger sind direkt von der Leitung betroffen, am härtesten treffe es die Mohrs. "Wir können sie nur moralisch unterstützen", sagt Kroll. Rechtlich müssten sich die Betroffenen selbst wehren.

Antje Mohr hofft, dass ihre Rechtsschutzversicherung die Kosten für einen Anwalt übernimmt. Sie selbst könne das nicht bezahlen. Niemand mochte oder konnte ihr und ihren Söhnen bislang sagen, ob die elektrischen und magnetischen Felder der Stromleitung die Herzprobleme der Söhne verstärken würden oder gar die implantierten Geräte beeinträchtigen könnten. "Wir sind auf jeden Fall die großen Verlierer der Energiewende", klagt sie und verweist auf die Menschen in Henstedt-Ulzburg, die entlastet werden. "Die haben aber an die Leitung rangebaut. Unser Haus steht seit 1904."

Die Nachbargemeinde will sich trotz dieser Entlastung nicht beteiligen. "Wir haben nie Geld von Alveslohe dafür bekommen, dass dort keine Leitung verläuft", sagt Henstedt-Ulzburgs Bürgervorsteher Carsten Schäfer und dreht den Spieß um. Die Großgemeinde sei von Alveslohe zu einer Stellungnahme in dieser Sache aufgefordert worden, die Henstedt-Ulzburger Kommunalpolitiker haben dies jedoch abgelehnt. "Wir haben gar nicht beantragt, dass die Leitung wegkommt. Wir waren freudig überrascht", sagt Schäfer.

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