Kirchengemeinde Sülfeld zeigt ihren Schatz

Foto: Bernd-Olaf Struppek

Anlässlich eines Festgottesdienstes können sich die Bürgerinnen und Bürger den restaurierten Band mit Lutherschriften aus dem Jahr 1559 ansehen

Feste drauf!" Man mag, voller Ehrfurcht angesichts der Tatsache, dass dieses Buch mehr als 500 Jahre buchstäblich auf dem Buckel hat, der jovialen Aufforderung von Ulrich Bärwald so gar nicht nachkommen. Und doch: Wer das historische Druckwerk "aufschlagen" (!) will, der muss mit der flachen Hand auf den Einband aus Schweinsleder klopfen, wie es der Kirchenvorstandsvorsitzende vormacht.

Dann springen die Metallspangen auf, die Diplom-Buchrestaurator Bugoslaw Radis aus Lübeck wiederhergestellt hat - und es öffnet sich ein großer Schatz der Kirchengemeinde Sülfeld. Es handelt sich um den ersten Band von insgesamt acht Folianten mit Schriften von Kirchen-Reformator Luther (siehe nebenstehenden Text), der aufwendig restauriert worden ist. Die Werke aus der Werkstatt des in seiner Zeit bekannten Druckers Hans Lufft stammen aus den Jahren um 1560.

Dieser ganz besondere Schatz der Sülfelder Kirchengemeinde mit ihren 2300 Gläubigen wird am Sonntag, 31. Oktober, also am Reformationstag, in der örtlichen Kirche am Markt allen Interessierten präsentiert. Anlässlich eines Festgottesdienstes zu Ehren von Reformator Luther, der um 9.30 Uhr beginnt, wird der restaurierte Band mit Lutherschriften aus dem Jahr 1559 gezeigt. In dem Buch mit dem Titel "Der Zwelfte und letzte Teil der Bücher des Ehrnwirdigen Herren: D. Mart. Lutheri" finden sich beeindruckende Holzdrucke in Schwarz-Rot. Die rund 2000 Euro teure Aufarbeitung des ersten Bandes durch Boguslaw Radis wurde insbesondere durch eine Spende des Rotary Clubs Bad Oldesloe finanziert.

Kirchenvorstand und Ortsarchivar Ulrich Bärwald (53) ist direkt neben dem Pastorat nahe der Kirche aufgewachsen. Er erinnert sich noch an die Aufregung im Jahr 1965, als bei Abbrucharbeiten im alten Pastorat die jahrhundertealten Bücher in einer Zwischendecke aus Holz wiedergefunden wurden. Irgendwann zwischen 1773, als dieses Gemäuer gebaut wurde, und 1965 muss also jemand die Lutherschriften (Tischreden, Predigten, Briefe) versteckt haben. Wer dies tat und warum, darüber liegt weiter das Dunkel der Geschichte.

Hell leuchtet derweil das überarbeitete Schweinsleder, in das die altdeutschen und lateinischen Texte, darunter auch eine Chronik weltlicher wie geistlicher Ereignisse, eingebunden sind. Dank der Restauration sind wieder die feinen Ornamente zu erkennen, die ins Leder eingeprägt sind.

Die Seiten selbst waren, im Gegensatz zu den Einbänden, in erstaunlich gutem Zustand. Teils wirken die Textseiten wie frisch aus der Druckerpresse. Handschriftliche Einträge von früheren Pastoren, wie sie sich sonst häufig in solchen Lutherschriften fänden, so Bärwald, gebe es in den Sülfelder Bänden nur ganz wenige. Er geht davon aus, dass die Bücher um 1570 vom Gutsherren zu Borstel als Kirchenpatron dem Kirchspiel geschenkt wurden - und eher einem repräsentativen Zweck dienten, und weniger als "Arbeitsbücher" der Geistlichen.

Die Kirchengemeinde Sülfeld sucht weiter nach Unterstützern und Sponsoren, die helfen, die Restauration der anderen sieben Bände zu finanzieren. Das große Ziel lautet, dass bis 2017, wenn sich zum 500.Mal das Anschlagen von Luthers Thesen an die Kirchentür zu Wittenberg jährt, alle Lutherschriften in neuem Glanz leuchten. Wenn sich zum Beispiel eine Firma fände, die eine Restauration spendiere, sagt der Kirchenvorstandsvorsitzende, könne das Unternehmen den Band gerne für eine Zeit in seinen Räumen ausstellen.

Verkaufen aber werde die Kirchengemeinde ihren Schatz niemals, der seit den 70er-Jahren bis 2008 im Kreis Segeberger Kirchenarchiv geschlummert hatte, unterstreicht Bärwald. Den materiellen (Sammler-)Wert der Lutherschriften schätzt er auf "nur" jeweils ein paar Tausend Euro, der ideelle Wert für die Sülfelder aber sei unermesslich hoch: "Wir verkaufen die Bände für kein Geld der Welt! Denn sie sind ein Teil unserer Geschichte."