Norderstedt
Schließung: Die Bundeswehr verlässt die Lettow-Vorbeck-Kaserne in Bad Segeberg

"Panzergrenadierbatallion 182: Wegtreten - für immer!"

Die Segeberger Kaserne an der B 206 ist Geschichte. Bis zu 1000 Panzergrenadiere leisteten hier ihren Dienst. Nun sind fast alle fort, die Gebäude können für zivile Aufgaben genutzt werden. Vier Kameraden und die Verwalterin Gerda Jensen halten noch die Stellung. Einige verbinden ihr halbes Leben mit der Kaserne.

Bad Segeberg. Die Panzer sind längst weg, die Waffenkammern geräumt, die meisten Soldaten haben die Lettow-Vorbeck-Kaserne bereits verlassen. Einsam geht es auf dem Riesengelände zu. Nur zwei, drei Dutzend Leute schieben hier noch Dienst: Und der besteht aus Sichten, Sortieren, Sichern und Wegschmeißen.

Die Fahrzeughallen: leer; die Sporthalle: leer; die Mannschaftsunterkünfte: leer; das Kasino: leer. Letzte Woche wurde hier das letzte Essen an die Soldaten ausgegeben. Es gab paniertes Kotelett mit Kroketten und Mischgemüse.

Das letzte Mahl: Kotelett mit Kroketten und Mischgemüse Offiziell ist an der Bundesstraße 206 am Jahresende Schluss. Doch tatsächlich sind in ein paar Tagen nur noch Gerda Jensen und einige Mitarbeiter bis März 2009 hier, um den Rest abzuwickeln. Der Chefin der Zivilverwaltung ist es vorbehalten, als Letzte das Licht auszumachen und die Hausschlüssel an den neuen Eigentümer zu übergeben - wenn es den denn gibt.

Fast 1000 Soldaten waren in den Hochzeiten des Panzergrenadierbataillons 182 (Schlachtruf: "Ran - Rauf - Rüber!") in der Lettow-Vorbeck-Kaserne stationiert. Wer jetzt noch da ist, der ist bereits "ausgekleidet", soll heißen, er geht entweder in (Vor-)Ruhestand oder scheidet aus der Truppe aus, trägt also zivil. Die anderen etwa zehn Männer werden später woanders ihren Dienst versehen. So wie Hauptmann Volker Wittstock (29), der ranghöchste Soldat der verbliebenen 182er. Er wird 2009 in Munster stationiert sein.

Stabsfeldwebel auf Jobsuche - nach 31 Jahren beim Bund Sein Kamerad Bernd Nohr (51) geht nach 31 Dienstjahren beim Bund in den Vorruhestand. Und dann? "Als erstes räume ich meinen Keller auf, dann renoviere ich die Küche", sagt er. Und dann will sich der Hamburger einen Job suchen. Mit 51 sieht sich der Stabsfeldwebel noch nicht auf dem Altenteil. Stabsgefreiter Benjamin Prüß, der sich als "Bataillons-Opa der Mannschaftsdienstgrade" bezeichnet - er ist gerade mal 29 Jahre alt - ist gelernter Bäcker und will nach der Zeit beim "Barras" Servicetechniker für Windkraftanlagen auf Fehmarn werden. Von den Brötchen zur Windmühle. Und Jan Rose, 24-jähriger Stabsgefreiter aus Hamburg, will zum Berufsförderungsdienst, wo er in sieben Monaten auf das Berufsleben vorbereitet wird. "Nach vier Jahren beim Bund bin ich aus meinem Beruf des Stahl- und Betonbauers ziemlich 'raus", sagt er.

Die vier Männer sitzen in einem verräucherten Raum, dessen Fenster bereits abgeschlossen ist. Wo der Schlüssel ist, weiß keiner. Vielleicht hängt der schon an Gerda Jensens Schlüsselbund. Daran müssen Tausende von Schlüsseln hängen. Die 46-Jährige wird alle Türen verschließen und das Schlüsselbund dann dem neuen Herrn des Kasernengeländes übergeben. Bis ein Käufer gefunden ist, wird dies das Bundesfinanzministerium sein, der Eigentümer der 29 Hektar großen Immobilie.

Überall sieht es nach der Endphase eines Umzugs aus. Einzelne Kistenstapel auf den Gängen, im Computerraum türmen sich die Rechner. Die alten Panzerhallen sind mit Sperrmüll vorgestellt. Von den vier Männern ist Mohr mit 15 Jahren in Bad Segeberg der Dienstälteste. Aber nicht nur bei ihm kommt Wehmut auf, "wenn hier alles platt gemacht wird". Damit rechnen sie fest. Wer will schon die alten Gebäude, die zwar ganz gut in Schuss sind, aber eben Baujahr '62. Wenn die Häuser fallen, ist auch von den Menschen, die hier gelebt und gearbeitet haben, nichts mehr nach, sagt Wittstock. "Wenn ich hier durchgehe, werde ich melancholisch."

Hier lachten die Soldaten. Und brachen in Tränen aus. Abgewetztes Linoleum auf den Gängen. Man meint noch die lauten Rufe der Soldaten, ja die schweren Tritte ihrer Stiefel zu hören. Hier gibt es keinen Stubenappell mehr. Bilder, die früher an den Wänden hingen - weg. Wittstock: "Alles, was ein Zuhausegefühl vermittelt hat, ist weg. Das tut weh." Und Nohr ergänzt: "Die Blöcke haben sich in den letzten zwei Monaten total verändert: Sie sind tot. Viele, die hier waren, sagen: Segeberg ist wie eine Familie gewesen." Hier habe es alle Emotionen gegeben, die Menschen überhaupt haben können, meint der Hauptmann nachdenklich. In den verlassenen Räumen haben Soldaten gelacht - und sind auch in Tränen ausgebrochen.

"Es wird ein bisschen einsam, wenn sie alle weg sind", befürchtet Gerda Jensen. Die Bezirksverwalterin der Bundeswehr - die ranghöchste Zivilistin - hatte sich zu Beginn ihres Berufslebens nicht träumen lassen, dass sie einmal eine ganze Kaserne abwickeln muss - "das ist nicht gerade prickelnd". Zum 1. April 2009 muss sie alles an das Haus Steinbrück besenrein übergeben. Frei von Altlasten. "Das Gelände ist sauber, das habe ich amtlich. Wir sind ja auch im Grunde nichts anderes gewesen als eine große Jugendherberge", sagt Jensen. Hauptmann Volker Wittstock will protestieren, sagt dann aber doch nichts. Dass das keine Jugendherberge war, zeigt sich tief unten in den ABC-Bunkern unter den Häusern. Dokumente der Angst im Kalten Krieg. Es hallt. Im fahlen Licht der Neonröhren steht ein uraltes Plumpsklo. Die Pritschen stehen dicht an dicht, nur mit einer Gummihaut bezogen. Schutzräume, gebaut in den 60er-Jahren, als die Angst vor den Russen allgegenwärtig war, als ständig mit atomaren, biologischen oder chemischen Bomben gerechnet wurde. Unter jedem Block befinden sich je drei Schutzkeller, in denen je 50 Menschen ABC-Angriffe wochenlang überleben können. Etagenbetten - jeweils drei übereinander - stehen dicht an dicht. Die Kellerdecken in den Bunkern sind so stabil, es wäre ein Riesenaufwand, die Bunker bei einem eventuellen Abriss der Häuser wegzuräumen. Einfach zuschütten, schlägt die Bezirksverwalterin Gerda Jensen vor. So können die bedrückenden Relikte des Kalten Krieges auch für die Ewigkeit konserviert werden.