EHEC-Keim:

Kampf gegen den Erreger führt an die Belastungsgrenzen

Die Ursache der EHEC-Epidemie ist völlig unklar, die Therapien wenig erforscht. Die EHEC-Krise führt an Belastungsgrenzen – Ärzte und Pflegepersonal, Patienten und deren Angehörige.

Kiel. „Es ist völliges Neuland. Etwas Ähnliches haben wir noch nie erlebt“, sagt Michaela Kiemes, Stationsleiterin am Kieler Universitätsklinikum. Die 44-Jährige und ihre Kollegen betreuen seit fast zwei Wochen Patienten mit dem EHEC-Erreger, dessen beängstigende Auswirkungen sie täglich hautnah mitbekommen. „Wir schlafen schlecht, träumen schlecht. Man kriegt die Bilder der leidenden Patienten nicht aus dem Kopf“, erzählt sie leise. Vor allem die neurologischen Ausfälle der Patienten machen Sorgen: „Wenn sich ihr Zustand verschlechtert, dann wird es dramatisch.“

Allein das Universitätsklinikum behandelt in Kiel und Lübeck rund 180 EHEC-Patienten stationär, darunter 95 mit dem lebensbedrohlichen hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Etwa jeder zweite von ihnen bekommt zum Teil sehr schwere neurologische Komplikationen.

Dabei werden die Patienten zum Beispiel desorientiert, haben Wortfindungsstörungen, unkontrollierte Muskelzuckungen, zum Teil sind sie apathisch, zum Teil stoßen sie seltsame Laute aus. Manche haben derart starke Krampfanfälle, dass sie vorübergehend fixiert werden müssen, berichtet Kiemes.

Seit die ersten EHEC-Patienten in die Klinik kamen, herrscht in den betroffenen Stationen „absolute Ausnahmesituation“, schildert die 44-Jährige. Ärzte und Mitarbeiter verzichten auf Wochenenden und freie Tage, verschieben den Urlaub – um zu helfen. In täglichen Krisensitzungen wird die Lage fächerübergreifend besprochen.

Die Erkrankten „machen sich wahnsinnig viele Gedanken“, erzählt Kiemes. „Sie sind psychisch sehr angeschlagen, weil sie nicht wissen, was EHEC ist, woher die Krankheit kommt und wie es weiter geht.“ Ganz schlimm werde es, wenn Patienten mitbekommen, dass die besonders schweren Fälle auf die Intensivstation verlegt werden: „Dann ist die Angst da, ob sie von dort wieder zurückkommen und was mit ihnen selbst wird.“

Ein Alptraum ist die Situation auch für Angehörige. Wie Ärzte und Pflegepersonal müssen auch sie sich beim Betreten der Stationen die Hände desinfizieren, müssen den grünen Schutzkittel, Handschuhe und Mundschutz anlegen. Bei jedem Besuch in den Krankenzimmern muss die Schutzkleidung drinnen zurückgelassen werden. Draußen auf dem Flur muss man dann gleich wieder neue anziehen, um Ansteckungen zu vermeiden.

Die Frage einer Mutter klingt bang und macht betroffen: „Geht es ihr schlechter?“, fragt sie leise, als sie ihre Tochter nicht im gewohnten Zimmer findet. Die 40-Jährige wurde auf die Intensivstation verlegt. Ihr Lebensgefährte schleppt zwei blaue Plastikbeutel mit ihren Sachen aus dem Raum. „Die Ungewissheit ist schrecklich“, sagen die Mutter und der Lebensgefährte. Sie sind bedrückt, dass sie nicht wissen, wie es zur Ansteckung kam – und ob die Therapie wirkt.

Denn überraschend für die Mediziner ist die lange Krankheitsdauer und der unberechenbare Verlauf. Der Gastroenterologe Prof. Stefan Schreiber klagt, dass es trotz intensiver Befragungen zu den Essgewohnheiten noch keinen „Aha“-Effekt gebe. „Vorbei ist es erst, wenn die Infektionsquelle gefunden ist und wir zwei, drei Wochen keine neuen Erkrankungen haben. Es ärgert mich, dass die Ursache noch nicht gefunden ist.“ Schreiber glaubt, dass die Ursache in der Verunreinigung massenhaft erzeugter, möglichst preiswerter Lebensmittel zu finden ist. „Das schafft Schwachstellen.“