Massenpanik im Bremer Weserstadion

HSV-Fan Sven Findeisen: Aus dem Koma zurück ins Leben

Foto: HA / A.Laible / Laible

Der 44-Jährige wurde bei einer Massenpanik nach dem Bundesliga-Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV fast zu Tode getrampelt.

Wrist. An den Moment , der sein Leben für immer verändert hat, kann sich Sven Findeisen partout nicht mehr erinnern. Vergessen wird der 44-Jährige das Geschehen, das sich am 25. September zugetragen haben soll, aber auch nie wieder. Freunde haben ihm später berichtet, was genau im Anschluss an das Bundesliga-Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV passiert war. Sie haben von einem großen Gedränge erzählt, von zu engen Fluchtwegen aus dem Weserstadion, von einer Polizeisperre und von einer Massenpanik. Irgendwie klang alles nach den Vorkommnissen bei der Loveparade in Duisburg, nach einem tragischen Unfall, aber nicht nach etwas, dass ihm tatsächlich passiert sein kann. Und wenn in so einem Moment mal Zweifel aufkommen, ob das alles nicht ein schrecklicher Albtraum war, muss Findeisen nur über die sechs Zentimeter lange Narbe oberhalb seines Herzens streichen. Spätestens dann weiß der Neumünsteraner, dass er verdammt viel Glück im Unglück hatte. Es hätte nicht viel gefehlt und der 25. September wäre Findeisens letzter Tag gewesen.

Sven Findeisen, ein 2,03-Meter-Hüne, der so aussieht, als ob ihn so schnell nichts umhauen könnte, sitzt im Wohnzimmer seiner Schwester Manuela in Wrist nahe Bad Bramstedt und erzählt seine Geschichte. Besser gesagt: Er rekonstruiert seine Geschichte. Denn nach dem Unfall, der ihn fast das Leben gekostet hätte, hatte Findeisen einen Gedächtnisverlust von rund fünf Tagen. "Ich erinnere mich noch, wie ich mit drei Freunden in Neumünster in den Zug nach Bremen eingestiegen bin. Danach ist alles weg", sagt der HSV-Fan.

Er erinnert sich nicht mehr daran, dass nach der 2:3-Niederlage gegen Werder die Bremer Polizei über Lautsprecher gesagt hat, dass alle HSV-Fans 20 Minuten lang in ihrem Block warten sollten. Auch der Ärger, der sich nach über einer halben Stunde unter den Hamburgern breitmachte, ist aus seinem Gedächtnis verschwunden. Die Ärzte im Krankenhaus Bremen-Mitte, wo er später hingebracht wurde, haben ihm berichtet, dass er im Gedränge wohl gefallen sei und Dutzende Fans über ihn rübergelaufen sein müssen. Sie haben ihn ins künstliche Koma versetzen müssen, sagten die Ärzte, als Findeisen fünf Tage nach dem Unfall wieder zurückgeholt werden konnte. "Ich wusste nicht, ob ich traurig oder glücklich sein sollte, als sie mir die ganze Geschichte erzählten", sagt er.

Findeisens Schwester Manuela war sich da schon sicherer: "Ich konnte das Glück gar nicht fassen, als Sven fünf Tage nach dem Spiel wieder bei Bewusstsein war." Am späten Abend nach dem Unfall wurde sie vom Chefarzt angerufen. "Mir wurde gesagt, dass Sven im Koma liegt, dass keiner weiß, wann, wie und ob er wieder aufwacht", erinnert sie sich. Am nächsten Morgen ist sie sofort zu ihm ins Krankenhaus gefahren, hat gehofft, gezittert und gebetet. "Als sich sein Zustand am Dienstag nach dem Spiel nicht gebessert hatte, hatte ich die Hoffnung aufgegeben. Ich dachte, dass es Sven nicht schaffen würde", sagt die 47-Jährige, die im Gegensatz zu ihrem Bruder auf psychologische Betreuung vorerst verzichten will.

Nach dem künstlichen Koma fingen die Strapazen erst so richtig an

Die Strapazen ihres Bruders waren nach der Stabilisierung seines Zustands aber noch lange nicht vorbei. Findeisen wurde ins Klinikum Links der Weser verlegt, dort umgehend am Herzen operiert. "Mir wurde ein Defibrillator eingesetzt", sagt der Kommissionierer für Lebensmittel. Knapp anderthalb Stunden dauerte die Operation, die Findeisen ein mehr oder weniger normales Leben garantieren soll. Nach drei Wochen durfte er kurz nach Hause, fing dann wenige Tage später seine Reha in Bad Segeberg an, die er am vergangenen Dienstag beendete. "Mir geht es den Umständen entsprechend gut", sagt Findeisen, der auf dem ersten Blick gesund wirkt, auf dem zweiten Blick aber sehr viel älter als 44 Jahre aussieht.

Ohne seine Schwester, da ist sich der HSV-Supporter sicher, hätte er das alles nicht so ohne Weiteres verkraftet. Manuela Pump war es, die in der ganzen Zeit den Kontakt zu den Ärzten, zum HSV, zu Werder Bremen, zur Polizei und zur Staatsanwaltschaft pflegte. "Besonders der HSV hat sich vorbildlich verhalten", sagt die 47-Jährige. Andreas Birnmeyer, Geschäftsführer der HSV-Supporters, habe sich alle zwei Tage nach ihrem Bruder erkundigt. Oliver Scheel, Vorstandsmitglied, habe ihn sofort im Krankenhaus besucht. Nur von Werder Bremen und von der Polizei sind Findeisen und seine Schwester enttäuscht. Werder-Manager Klaus Allofs sei zwar auch kurz im Krankenhaus gewesen, habe sich seitdem aber nicht mehr bei ihm gemeldet. Und von der Polizei und der Staatsanwaltschaft weiß er nur, dass die Ermittlungen laufen. Ernsthafte Resultate werden frühestens Ende des Monats erwartet.

"Uns ist wichtig, dass der Vorfall restlos aufgeklärt wird", sagt HSV-Vorstand Scheel, der in der kommenden Woche erneut bei Allofs vorstellig werden will. "Als Jurist weiß ich, dass sich die Untersuchungen der Staatsanwaltschaft und der Polizei hinziehen können", sagt Scheel. "Wichtig ist nur, dass sie auch zu einem Ergebnis führen." Das Gutachten des renommierten Panikforschers Michael Schreckenberg, das nach dem Zwischenfall in Auftrag gegeben wurde, wird in den kommenden zwei Wochen erwartet. "Gerade nach dem Vorfall in Duisburg ist mir wichtig, dass man aus dem Passierten auch etwas lernt", sagt Findeisen.

Im Krankenhaus erfuhr Findeisen, dass sein HSV 2:3 verloren hatte

Ob er selbst etwas gelernt hat, kann oder will er nicht beantworten. Zu Spielen des HSV würde er auf jeden Fall wieder gehen, sobald es ihm wieder besser geht. "Ich bin Fan, seit ich denken kann. Darauf will ich nicht verzichten", sagt Findeisen. Was ihn deswegen heute noch ärgert, ist, dass ihm ausgerechnet die Bremer Ärzte berichtet haben, dass sein HSV 2:3 verloren hatte. "Natürlich haben mich alle im Krankenhaus mit dem Ergebnis aufgezogen, schließlich wusste jeder, dass ich HSV-Fan bin", sagt Findeisen. Wirklich wichtig sei aber nur, dass er wieder gesund wird, sagt er laut, und fügt leise hinzu, dass es ja auch noch ein Rückspiel gebe.

Die Rückrunde seines Lebens hat am 25. September begonnen.