"Ich trage Adelina in meinem Herzen"

Kindermord: Am 28. Juni 2001, vor genau drei Jahren, wurde das damals zehnjährige Mädchen entführt und getötet, der Täter ist nicht gefasst. Dirk Siemering führte bis vor einem Jahr die Ermittlungen. Er kann und will nicht vergessen.

Bremen. Dirk Siemering atmet hörbar aus. Die rechte Hand hat er tief in der Tasche seiner braunen Jeans vergraben. Als müsse er sich an etwas fest halten. Sich festhalten, um nicht in den seelischen Graben zu stürzen, den das einfache, etwa 50 Zentimeter hohe Holzkreuz vor ihm urplötzlich wieder in ihm aufreißt. Dem Mann, der in seinem Leben mehr als 1000 Leichen gesehen hat, treten die Tränen in die Augen.

Das Kreuz steht im Pastorenwäldchen in der Gemeinde Leeste südlich von Bremen. Kniehohe Brennnesseln verdecken die beiden Stofftiere, die davor auf dem Boden liegen - eine weiße Maus mit braunen Knopfaugen und ein quietschbunter Hase mit sehr langen Ohren. Ein paar Blümchen ragen aus einem blauen Topf, davor eine rote Friedhofskerze. Auf dem Kreuz ist ein Name eingeschnitzt: Adelina.

Drei Jahre ist es her, dass das Mädchen von einem Sexualtäter ermordet wurde. Bis heute ist er nicht gefasst. Das Warum nagt an Siemering. Lässt ihm keine Ruhe. Dabei hat er den Fall abgegeben, hat sich längst versetzen lassen. Der Polizist sagt: "Ich trage Adelina in meinem Herzen."

Vor drei Jahren, am 28. Juni 2001, verschwand die damals Zehnjährige im Bremer Stadtteil Kattenturm spurlos. Siemering wurde Ermittlungsleiter einer 30-köpfigen Sonderkommission. Sie versuchte mit Hundertschaften, Hubschraubern, Hundestaffeln, zwei Aufrufen in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY . . . ungelöst", 60 000 Suchplakaten und sogar Tornado-Kampfjets mit Wärmebildkameras an Bord, das Kind wieder zu finden.

Vergebens. 100 Tage später, am 7. Oktober 2001, fand eine Pilzsammlerin im Pastorenwäldchen einen blauen Plastiksack. Darin steckte der stark verweste Leichnam eines Kindes - Adelina.

Der 53 Jahre alte Kriminalist kann den Blick nicht lösen von dem zugewucherten Ort, an dem das Mädchen sein grausiges Ende gefunden hatte. "Wenn man diesen kümmerlichen Rest in dem Sack gesehen hat, dann passiert was in einem." Er blickt auf seinen Unterarm und reibt mit der flachen Hand darüber. "Ich bekomme immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke." Siemering hat sich vor mehr als einem Jahr in den Innendienst versetzen lassen. 28 Jahre Mordermittlung, Leichen und Dauertrips in seelische Abgründe - das hinterlässt Spuren.

Und trotzdem: Der Fall lässt ihn nicht los. Weil die Sache nicht abgeschlossen ist. Sie ist, resümiert er bitter, "völlig unbefriedigend zu Ende gebracht". Er sagt das so, als würde er Anklage gegen sich selbst erheben. Als hätte er sich daran schuldig gemacht, dass Adelinas Mörder noch nicht gefasst ist. Wandelnde Zeitbomben nennt Siemering solche Menschen. "Wer so etwas macht", sagt er, "der macht das wieder."

Deshalb wird der Täter mit großer Wahrscheinlichkeit wieder Kinder entführen, sie missbrauchen und anschließend töten. Oder hat er das sogar schon getan? Die vermisste achtjährige Levke aus Cuxhaven, der Mord an dem neunjährigen Dennis aus Osterholz-Scharmbeck - hat der Bremer Täter etwas mit ihnen zu tun? Die Polizei prüft derzeit mögliche Parallelen der Fälle. Siemering glaubt aber nicht, dass nur ein Täter für alle Fälle verantwortlich ist.

Die Vorgehensweise von Adelinas Mörder sei anders gewesen. Der Täter - die Polizei geht von einem jungen mobilen Mann aus, der auf Kinder vertrauensvoll wirkt und in Bremen oder Umgebung wohnt - sei transvestitischer Fetischist. Das sind Männer, die sich Frauenkleider anziehen, um sich sexuell zu erregen. Nach der Befriedigung ziehen sie sich die Kleidung wieder aus. Und sie legen sie an einem Ort ab, der für sie rituelle Bedeutung hat.

Das Pastorenwäldchen vielleicht. Im Umkreis von 15 Metern um Adelinas Leiche fanden die Kriminalisten fünf Badeanzüge, eine Umstandsmiederhose, einen Body, drei Strumpfhosen - im Boden verscharrt. Eine Kultstätte? Es gibt nur Vermutungen. Die Beamten tappen im Dunkeln.

1700 Spuren haben die Ermittler bislang gesammelt und ausgewertet. Das "entscheidende Ergebnis", sagt Siemering, war nicht dabei. Entscheidend ist für ihn nur, was zur Ergreifung des Täters führt. Und wenn das nie passiert? "Das wäre schlimm", sagt er. "Auch für hier." Dabei tippt er mit der rechten Hand auf die Stelle, an der beim Menschen das Herz liegt. "Adelina wird immer mit mir verbunden bleiben. Eineinhalb Jahre bin ich mit dem Gedanken an sie eingeschlafen und am Morgen mit dem Gedanken an sie wieder aufgewacht."

Siemering steht auf dem Feldweg am Rande des Wäldchens, 50 Meter von dem schaurigen Ort entfernt. Er raucht. Dabei deutet der Polizist über weitläufige Ackerflächen und Baumgruppen auf die schemenhaften Umrisse von Häusern am Horizont. "Das ist Kattenturm", erklärt er. "Drei Kilometer Luftlinie von hier. Warum haben wir das Wäldchen nicht gleich nach Adelinas Verschwinden durchsucht? Warum hat keiner den Täter gesehen, als er hier die Leiche abgelegt hat?"

Er bläst den Rauch aus, zuckt mit den Schultern. Das Warum. Darum geht es ihm. Warum tut ein Mensch so etwas Grauenhaftes? Warum hat niemand etwas gesehen? Warum kam ausgerechnet bei seinem Fall "Kommissar Zufall" nicht zu Hilfe?

Theodor-Billroth-Straße Nummer 48, Stadtteil Kattenturm. Ein schmuckloser Wohnklotz mit 189 Mietparteien. Davor ein Platz mit sechs Meter hoher Plastik in der Mitte, eine kleine Ladenzeile. Der Ort, an dem sich an einem regnerischen Donnerstag Ende Juni 2001 Adelinas Spur verloren hat. Die Zehnjährige hat ihren Urgroßvater im 11. Stock besucht. Um 17.30 Uhr macht sie sich auf den Rückweg zu den Eltern, die nur ein paar Straßen weiter wohnen. Dort ist sie nie angekommen.

Siemering hat den Kopf in den Nacken gelegt, blickt zur Wohnung des Urgroßvaters hinauf. Kopfschüttelnd murmelt er: "Niemand will etwas gesehen haben. Wir haben mehrmals alle Bewohner befragt." Dabei muss der Täter das Mädchen im oder beim Verlassen des Hauses angesprochen haben. Er habe die Gunst der Stunde genützt, so Siemering.

Kein Zeuge hat sich gemeldet. Genauso wie im April 2003. Ein neunjähriges Mädchen wurde damals unweit des Wohnkomplexes in der Theodor-Billroth-Straße von einem 22-jährigen Mann in einen weißen Renault gezerrt. Der Mann hatte das Kind gefesselt, in ein Kleingartengebiet entführt und belästigt. Zwei Stunden später ließ er es wieder frei. Durch die Täterbeschreibung des Mädchens konnte die Polizei den Mann fassen.

Damals war Dirk Siemering wie elektrisiert. War das endlich der Schlüssel zu allen Rätseln? Der Lohn für die jahrelange Arbeit? Parallelen zum Fall Adelina waren da: Ein Mädchen, das am helllichten Tag in ein Auto gezerrt, gefesselt und in ein Kleingartengebiet entführt wird. Dass die Neunjährige freikommt, ist nur dem Zufall zu verdanken. Weil ein anderes Auto vorbeifährt, lässt der Mann von dem Kind ab.

Nicht wenige bei der Bremer Polizei glauben, dass dieser Mann auch Adelina getötet hat. Kripo-Veteran Siemering sagt nur: "Er bestreitet die Tat, ist derzeit auf freiem Fuß." Vor allem: Die Polizei hat keinen Beweis, der einen Zusammenhang mit dem Fall Adelina herstellt.

Das ist das Schlimmste für den Ermittler. Keinen Anhaltspunkt zu haben. Keinen Hebel, an dem anzusetzen ist. "Das zermürbt", sagt Siemering. Was ihm bleibt, ist die Hoffnung. Wenn er eines gelernt hat in seinen 28 Dienstjahren, dann, dass es nichts Unvorstellbares gibt. Viel zu oft habe er erlebt, dass sich in scheinbar ausweglosen Situationen noch ein Lösungsweg aufgetan hat. "Man muss sich in Extreme versetzen", sagt Siemering, "weil die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, extrem sind."