Kunst

Bremer Ausstellung zeigt Bilder von Paula Modersohn-Becker

Vom Sonntag an und bis zum 6. Juli werden in der Retrospektive „Paula Modersohn-Becker – Berlin - Worpswede - Paris“ mehr als 120 Werke der Malerin zu sehen sein.

Bremen. Die alte Frau hat den Kopf gesenkt, unter ihrer Haut zeichnen sich die Rippenbögen ab. Ihre nackte Brust ist radikal angeschnitten auf dem frühen Studienblatt von Paula Modersohn-Becker (1876-1907). Das Bild lässt bereits die Begeisterung der Künstlerin für ungewöhnliche Menschentypen erkennen. Zu sehen ist es von Sonntag an in einer Ausstellung in Bremen: Dort werden bis zum 6. Juli mehr als 120 Werke der Malerin gezeigt. „Wir zeigen, wie sich diese Künstlerin von allen Konventionen befreit“, sagt der Leiter des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen, Frank Laukötter.

Die Retrospektive „Paula Modersohn-Becker: Berlin – Worpswede - Paris“ präsentiert auch selten gezeigte Werke wie den „Kinderkopf mit weißem Kopftuch“. Anlass für die Ausstellung ist das Jubiläum der Malerkolonie Worpswede, die vor 125 Jahren gegründet wurde.

Um 1890 waren Frauen in der Regel von Kunstakademien ausgeschlossen

In der Inszenierung fehlen Stillleben und Landschaften, das Ausstellungsteam hat sich auf Akte, Porträts und Selbstbildnisse konzentriert. Der Grund: „Die Figurenbilder zeigen besonders deutlich den Weg der Künstlerin von ihren anfänglichen Experimenten zwischen Jugendstil, Impressionismus und Realismus bis zur ihrer Paris-Zeit mit der großen Einfachheit von Form und Farbe“, sagt Kuratorin Simone Ewald. In Bremen wird die Besucher gerade das selten ausgestellte Frühwerk überraschen.

Um 1890 waren Frauen in der Regel von Kunstakademien ausgeschlossen. Auch nach Aktmodellen sollten sie nicht zeichnen. Die 20-jährige Paula Becker schaffte es trotzdem. In Kursen einer privaten Malschule in Berlin hielt sie mit dem Kohlestift nackte Männer und Frauen fest. Mit dieser professionellen Ausbildung war sie als Frau die Ausnahme.

Ein Selbstbildnis zeigt die Wahl-Berlin damals mit rotem Haar vor türkisfarbenem Grund, entschlossen, ihren künstlerischen Weg auch gegen Widerstände der eigenen Familie zu gehen. In dieser Zeit war die Malerin nach Angaben von Museumsdirektor Laukötter eine Suchende: „Wir zeigen, dass auch diese Frau nicht als Genie geboren wurde. Genau wie Picasso brauchte sie Ausbildung, Freunde, die sie fördern, und die Begegnung mit Künstlern wie Cézanne, van Gogh, Gauguin und Munch.“

„Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares“, schreibt sie 1903 in ihr Tagebuch

Im September 1898 zieht die Malerin nach Worpswede, in das Künstlerdorf im Teufelsmoor. Sie trifft auf Gleichgesinnte, die sie schon bald überflügelt. „Für sie ist Worpswede zu retro“, sagt Laukötter. Die junge Frau habe nicht so erzählerisch gearbeitet wie noch ihr Lehrer Fritz Mackensen. Paula Modersohn-Becker konzentriert sich auf Hände, die etwa eine Kamillenblume halten, oder auf das „Kind auf rotgewürfeltem Kissen“. „Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares“, schreibt sie 1903 in ihr Tagebuch.

In zwei Räumen der Bremer Ausstellung dreht sich alles um Paris. Dort kam die Malerin Silvester 1900 an, zur Jahrtausendwende. Es war eine Flucht nach dem Misserfolg ihrer ersten Ausstellung in der Kunsthalle Bremen. „Das wird ein lieblich Stündlein geben, wenn ich diesen Bremer Staub von den Füßen schüttele“, schreibt sie in einem Brief.

In der Kunstmetropole wird sie mit einer Medaille ausgezeichnet. Wichtiger als Straßenmotive wie ein „Pariser Pferdeomnibus“ bleiben nach Angaben von Kuratorin Ewald weiterhin die Selbstbildnisse für sie. Mit dem Pinselstiel zerfurcht das Ausnahmetalent 1903 die noch feuchte Farbe, um ihr mädchenhaftes Gesicht lebendiger zu gestalten. Ihr späteres „Selbstbildnis mit Zitrone“ gilt als Echo auf ägyptische Mumienporträts, die Paula Modersohn-Becker im Louvre studierte.

Zu Lebzeiten hatte die in bescheidenen Verhältnissen lebende Künstlerin nach Angaben von Museumsdirektor Laukötter gerade mal drei ihrer mehr als 740 Gemälde verkauft. Heute gilt sie als Star – und ihre Werke sind Millionen wert.