Atomendlager Asse

Probebohrung in der Asse: "Eine komplizierte Sache"

Seit einer Woche läuft im maroden Atomendlager Asse die zweite Probebohrung. Damit sollen Erkenntnisse über den Zustand der Abfälle gewonnen werden.

Wolfenbüttel. Wenn die Bergleute im maroden Atomendlager Asse ihre Fahrzeuge unter Tage parken, geschieht das immer in Fluchtrichtung. Es gibt nur einen richtigen Schacht nach oben, und das ehemalige Salzbergwerk ist einsturzgefährdet, zudem drohen unkontrollierbare Wassereinbrüche. Immerhin: Seit einer Woche läuft die zweite Probebohrung in eine der Lagerkammern. Sie ist eine von vielen Voraussetzungen dafür, um zu erfahren, ob es überhaupt gelingen kann, rund 126.000 Fässer mit schwach- und mittelaktivem Müll rauszuholen.

Am Montagnachmittag hatte sich der Bohrer in 740 Meter Tiefe rund 13 Meter weit durch Salz und Bitumen gefressen - in Richtung Kammer 7. Nach 23 Metern soll er dann, möglichst ohne die radioaktiven Abfälle selbst anzubohren, in der Kammer landen. Dann wird ein umfangreiches Mess- und Sondierungsprogramm gestartet, um zu erfahren, in welchem Zustand die Fässer sind, ob sich gefährliche Gase in der Luft befinden, und wie es um die Stabilität der Kammer bestellt ist.

Es wird viele Jahre dauern, ehe überhaupt klar ist, ob die Abfälle wieder geborgen werden können. Mit der Verabschiedung des Asse-Gesetzes durch den Bundestag im März sind immerhin die Chancen gestiegen, in überschaubarer Zeit Klarheit zu gewinnen. Das Gesetz hat es der Asse GmbH bereits ermöglicht, radioaktiv belastete Salzlösungen vor einer Einlagerungskammer zu entfernen. 80.000 Liter werden inzwischen zu Spezialbeton verarbeitet und in andere abgelegene Teile des alten und maroden Bergwerks Asse gebracht.

Flexibler sind künftig auch die Genehmigungsverfahren für die Vorbereitungsmaßnahmen, arbeiten darf die Asse GmbH künftig schon, ehe die positive Entscheidung des zuständigen niedersächsischen Umweltministeriums überhaupt vorliegt. Ein Punkt, der den diversen Bürgerinitiativen in der Samtgemeinde Asse und der Region Wolfenbüttel besonders wichtig war: Die "Lex Asse" regelt eine umfangreiche intensive Information der Öffentlichkeit. Und auch für den Fall, dass die Rückholung scheitert, gibt es umfassende Informationspflichten.

Dreh- und Angelpunkt aller Planungen ist im Moment der Bau eines neuen Schachtes. Das riesige unterirdische Grubengebäude ist bislang nur durch einen Schacht sowie einen schmalen Notschacht erschlossen. Der Schacht reicht zudem nicht bis in die untersten Bereiche der Stollen, im Falle eines unkontrollierten Wassereinbruchs bedeutet dies eine besondere Gefährdung der Bergleute. Deren Zahl unter Tage ist deswegen derzeit auf 120 beschränkt.

In diesen Wochen laufen die Vorbereitungsarbeiten für eine Probebohrung mit 65 Zentimeter Durchmesser für den neuen Schacht. Rund 500 Meter entfernt von der Schachtanlage - und damit in respektvollem Abstand von dem wie Schweizer Käse durchlöcherten Grubengebäude - soll der neue Schacht abgeteuft werden. In 574 Meter und in 700 Meter Tiefe ist dann geplant, den Schacht durch neue Stollen mit dem alten Salzbergwerk zu verbinden.

Jens Köhler, Technischer Geschäftsführer der Asse GmbH, hat am längsten Eisenbahntunnel der Welt, dem Gotthard-Basistunnel in der Schweiz, mitgebohrt. Er verweist nun auf die Gebirgsstrukturen im Bereich der Asse, vor allem auf die wasserführenden Schichten: "Diese Aufgabe ist genauso komplex wie am Gotthard." Gelingt der Schachtbau, kann das Bergwerk endlich im Umluftverfahren mit frischer Luft versorgt werden, und mehr Bergleute können gleichzeitig unter Tage arbeiten. Vor allem aber gibt es dann auch einen alternativen Fluchtweg.

Und der neue Schacht wird einen Innendurchmesser von acht Metern bekommen, beim alten Schacht sind es an der schmalsten Stelle gerade vier Meter. Über den neuen Schacht soll letztlich auch der radioaktive Abfall wieder ans Tageslicht befördert werden.

Am vergangenen Wochenende hat in Wolfenbüttel die Asse-Begleitgruppe getagt, die Experten der Asse GmbH aber auch des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) informierten und wurden mit Fragen gelöchert. Diskutiert wurde dabei auch die "Rückholskizze", die so etwas werden könnte wie ein ungefährer Zeitplan dafür, wie und wann es weitergeht in der maroden Asse.

Klar ist: Es geht um Jahrzehnte und es geht um Milliarden von Euro. Nie zuvor ist auf der Erde der Versuch unternommen worden, riesige Mengen von Atommüll wieder auszugraben und dann für eine erneute Lagerung neu zu verpacken.

Immerhin: Hinter dem Versuch, genau dies zu schaffen, steht der gesamte Bundestag. Das entsprechende Gesetz ist von allen Fraktionen getragen worden. Und dieses Gesetz regelt eben auch ganz konkret, dass mit dem Bau des Schachts jetzt begonnen werden kann, obwohl die sogenannte Faktenerhebung noch gar nicht abgeschlossen ist. Sie soll Antwort geben, ob die Mammutaufgabe technisch überhaupt machbar ist. Deswegen fährt das Bundesamt weiter zweigleisig und hat natürlich auch Pläne entwickelt für den Fall, dass die Antwort "Nein" lautet - oder dass das Bergwerk absäuft.