Tradition

Lauenburger Schifferbrüder sind strengen Regeln verpflichtet

| Lesedauer: 5 Minuten
Elke Richel
In traditioneller Kleidung, die Spitze der Lauenburger Schifferbrüderschaft von 1635: Rainer Haase (2. Ältermann), Bernd Bollhorn (1. Ältermann) und Schriftführer Andreas Panz (von links). Derzeit zählt die Brüderschaft 135 Mitglieder.

In traditioneller Kleidung, die Spitze der Lauenburger Schifferbrüderschaft von 1635: Rainer Haase (2. Ältermann), Bernd Bollhorn (1. Ältermann) und Schriftführer Andreas Panz (von links). Derzeit zählt die Brüderschaft 135 Mitglieder.

Foto: Dirk Palapies

Die Schipperhöge fällt der Pandemie zum Opfer. Auch das Einzahlen der Beiträge an der Lade ist fraglich. Was geht überhaupt noch?

Lauenburg.  Es scheint Ironie des Schicksals zu sein: Die Lauenburger Schifferbrüderschaft – gegründet, als die Pest die Welt im Würgegriff hielt – erlebt in der derzeitigen Corona-Pandemie eine der größten Krisen in ihrer Geschichte. Nicht nur der traditionelle Umzug mit der Lustigen Person und den Clowns muss abgesagt werden, auch die anderen uralten Traditionen der Brüderschaft stehen in diesem Jahr auf der Kippe .

„Wan Gott der Herr über unß sündige Menschen seine Pestilentische Zorn richte, oder andere giftige Seuche und Plagen verhengete ... so haben sich Ehrsame Männer vereinbaret, dass sie die vorige Löbliche Ordnung mit Hilfe einer Hohen Obrigkeit mögen wieder erlangen und habhaft werden.“ Was für uns heute etwas mühsam zu lesen ist, steht im „schweinsledernen Buch“ aus der Gründungszeit der Lauenburger Schifferbrüderschaft im Jahre 1635.

Lauenburger Schifferbrüder unterliegen einer strengen Ordnung

Damals wütete der „Schwarze Tod“ und forderte viele Opfer, auch unter den Schiffern. Um die hohen Kosten von Beerdigungen aufbringen zu können, schlossen sich die einfachen Bootsleute Lauenburgs zu einer Sterbekassenbrüderschaft zusammen. Von den Beiträgen wurden Dielen für die Särge gekauft. Die Mitglieder trugen ihre Verstorbenen zu Grabe, zahlten Hinterbliebenen ein Sterbegeld aus. Diese Versicherung auf Gegenseitigkeit wird noch heute aufrecht erhalten.

Die Angelegenheiten der Brüderschaft wurden auf der jährlichen Zusammenkunft geregelt - immer in den ersten Wochen des neuen Jahres und das nach strenger Ordnung. In der uralten Satzung heißt es dazu: „So soll umb zehn Uhr vor Mittag die Versammlung geschehen, und wer nicht auf den Glockenschlag erscheint, es sey dann er wehre unpäßlich, oder hätte sonsten nohtwendige Geschäfte zu verrichten, soll in Zwey Schilling Strafe verfallen sein. Kömpt er gar nicht, und hat sich auch nicht entschuldigen lassen, soll er der Laden einen Ohrtthaler entrichten.“

Beiträge werden vor der offenen Lade entrichtet – so will es die Tradition

In Anlehnung an diese Regel geht es heute übrigens ähnlich streng zu, wenn die Schifferbrüder ihre Beiträge bar vor der geöffneten Lade einzahlen. Nicht denkbar, dass davon abgewichen wird. „Wir können die Beiträge nicht mal eben auf das Konto überweisen. Das würde den Statuten widersprechen“, erklärt Andreas Panz, Schriftführer der Brüderschaft. Wie in diesem Jahr die Mitglieder ihre Beiträge entrichten – und ob überhaupt, ist deshalb noch völlig unklar. „Wir überlegen, ob wir vielleicht nicht doch eine Möglichkeit finden können, die Beiträge in einer Form zu kassieren, die den derzeit geltenden Abstands- und Hygieneregeln entspricht“, sagt Panz.

Was den traditionsbewussten Lauenburger Schifferbrüdern schon heute zusätzliche Sorgenfalten auf die Stirn treibt: Was passiert eigentlich, wenn es irgendwann kein Bargeld mehr geben sollte?

Umzug mit der Lustigen Person und den bunten Clowns muss ausfallen

Der Corona-Pandemie zum Opfer fällt im nächsten Jahr auf jeden Fall der Umzug mit der Lustigen Person – neben dem Ball und der Zusammenkunft ein eigentlich unverzichtbarer Bestandteil der Schipperhöge (Schifferfreude). Gefeiert wird diese immer am zweiten Wochenende im Januar, früher herrschte zu der Jahreszeit aufgrund von Eisgang meistens Ruhe in der Schifffahrt. Die Schiffer waren zu Hause und konnten ihr großes Fest begehen

Die Lustige Person im bunten Flickenumhang zieht seit mehr als 250 Jahren bei der Schipperhöge durch die Stadt. Dabei werden die Schifferbrüder besucht und Geschäfte angesteuert. Mit „Immer Lustig! Hurra!“ wirft die Lustige Person von den Besuchten spendierte Bonbons in die Menge.

Mitlaufende Clowns sorgen mit „Gehorsamshölzern“ für Ordnung. Traditionell haben die Kinder in Lauenburg schulfrei während des Umzugs. Das war schon zu alten Zeiten so, – nur in diesem Jahr nicht. Überhaupt: In der langen Geschichte sei die Höge nur während der beiden Weltkriege ausgefallen, weiß Panz.

Gelebte Traditionen – und ein Zugeständnis an die neue Zeit

Leicht tun sich die Schifferbrüder nicht damit, an den strengen Regeln zu rütteln. Noch heute werden in die Brüderschaft nur Männer aufgenommen. Obwohl dieses Thema immer mal wieder auf die Tagesordnung kommt, hat sich bisher die Ansicht durchgesetzt, dass es wichtig sei, den Zusammenschluss in der Art zu erhalten, wie es seit Jahrhunderten der Fall ist.

Das heißt jedoch nicht, dass es nicht doch Zugeständnisse an die neue Zeit geben könnte. „Wir überlegen, die jährliche Zusammenkunft als Videokonferenz zu organisieren“, sagt Panz. Gut, dass davon in dem „schweinsledernen Buch“ von 1635 kein Wort zu lesen ist.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Lauenburg