Stade/Buxtehude. Krankenhäuser in Stade und Buxtehude starten Pilotprojekt: Pflegekräfte arbeiten in Zehnstundenschichten. Was sie selbst dazu sagen.

Selbstbestimmt und sinnerfüllt arbeiten: Für viele Menschen ist das heute keine Traumvorstellung mehr, sondern eine konkrete Anspruchshaltung an den eigenen Job. Aber zumindest in der Pflege dürfte das schwierig werden – so die generelle Wahrnehmung.

Aber tatsächlich sind flexible Arbeitszeitmodelle in der Pflege kein neues Phänomen – und ausgerechnet zwei kleinere Krankenhäuser auf dem Land entwickeln sich in der Metropolregion Hamburg zu Vorreitern der New-Work-Bewegung: Seit dem 1. September 2023 läuft in der Klinik für Neurologie in Stade ein Pilotprojekt, in dem das Pflegepersonal bis Ende März die Arbeit in Zehnstundenschichten testen kann. Die eigene Arbeitszeit teilt sich damit – je nach Wochenarbeitszeit – auf drei bis vier Tage pro Woche auf.

New Work in der Pflege: „Zehnstundenschicht bringt für mich nur Vorteile“

„Wir wissen, dass nicht alle Mitarbeitenden in der Lage sind, die üblichen Früh-, Spät- und Nachtdienste zu leisten. Das klassische Beispiel sind alleinerziehende Eltern,“ sagt Bernd Lambrecht, Pflegedirektor der Elbe Kliniken Stade-Buxtehude. Aus diesem Grund wurde bereits vor Jahren nach Lösungen gesucht, um flexible Arbeitszeitmodelle zu ermöglichen und gleichzeitig die Patientenversorgung sicherzustellen. „Wir versuchen, die Wünsche der Mitarbeitenden so umzusetzen, dass sie Familie und Beruf optimal vereinbaren können“, fasst es Lambrecht zusammen.

Mathias Hedwig ist als Obernachtwache im Elbe Klinikum Stade tätig – er arbeitet inzwischen ausschließlich im Nachtdienst.
Mathias Hedwig ist als Obernachtwache im Elbe Klinikum Stade tätig – er arbeitet inzwischen ausschließlich im Nachtdienst. © HA | Elbe Kliniken/Kati Meyer-Thiedig

So kommt es, dass Mitarbeitende in der Pflege in ganz unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen tätig sind: Von ausschließlich Früh-, Spät- oder Nachtdienst über späten Spätdienst bis hin zu halben Diensten oder reinem Wochenenddienst.

Getestet wird das neue Modell auf rein freiwilliger Basis

Einer von ihnen ist Mathias Hedwig. Er ist als Obernachtwache im Elbe Klinikum Stade tätig, arbeitet Vollzeit und ausschließlich im Nachtdienst. „Dieses Modell hat für mich nur Vorteile: Die Kinderbetreuung ist gewährleistet, und es ist viel einfacher Termine mit Behörden oder Handwerkern zu vereinbaren.“ Überdies schätze er die ruhigere Arbeitsatmosphäre in der Nacht.

Die Klinik für Neurologie testet das Zehnstunden-Modell auf freiwilliger Basis – mit entsprechendem Freizeitausgleich. Das Pilotprojekt sei gut angelaufen: In der allgemeinen Neurologie beteiligt sich etwa ein Drittel der Pflegefachkräfte; auf der Stroke Unit, also der Schlaganfalleinheit, sogar die Hälfte.

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Beatrix Ahlf und Ann-Kathrin Tepaß gehören zu denjenigen, die seit September im Zehnstundenschichtmodell arbeiten. Beide wirken begeistert: Beatrix Ahlf schätzt vor allem das Mehr an Freizeitausgleich und die Tatsache, dass der direkte Wechsel vom Spät- in den Frühdienst entfällt.

Ann-Kathrin Tepaß betont, dass insgesamt eine entspanntere Grundstimmung im Team herrsche, da Überlappungszeiten länger seien und sich die Kolleginnen so untereinander in stressigen Phasen besser gegenseitig unterstützen können.

Der Betriebsratsvorsitzende unterstützt das Projekt – aus Gründen

Aber wie kam es zu dem Projekt? „Wir wollen signalisieren, dass wir die Bedürfnisse unserer Kollegen ernst nehmen,“ erläutert Patrick Royeck, stellvertretender Stationsleiter.

Michaela Hühnke, Stationsleitung, mit ihren Stellvertretern Alexandra Martienß und Patrick Royeck (v.l.), ermöglichen ihrem Team aus Pflegefachkräften die Arbeit in Zehnstundenschichten.
Michaela Hühnke, Stationsleitung, mit ihren Stellvertretern Alexandra Martienß und Patrick Royeck (v.l.), ermöglichen ihrem Team aus Pflegefachkräften die Arbeit in Zehnstundenschichten. © HA | Elbe Kliniken/Kati Meyer-Thiedig

Das Leitungsteam, bestehend aus Michaela Hühnke, Alexandra Martienß und Patrick Royeck, fragte zunächst im Team ab, ob grundsätzliches Interesse bestehe. Anschließend stellten sie die Idee der Pflegedienstleitung vor, banden die Personalabteilung sowie den Betriebsrat ein. Der Betriebsratsvorsitzende war spontan für das Projekt – eben weil die Initiative aus der Belegschaft kam.

Mehr freie Tage, längere Erholungsphasen: Die positiven Effekte überwiegen

„Wir müssen uns bei Arbeitszeitmodellen bewegen“, sagt Kai Holm. Gerade Flexibilität und Offenheit seien dem Leitungsteam wichtig – nur so könne man Fachkräfte halten. Dem stimmt auch Holm zu: „Wir können und wollen niemanden zwingen, denn Zehnstundenschichten sind eine Herausforderung,“ gibt er zu bedenken. Doch die positiven Effekte – mehr freie Tage, längere Erholungszeiträume – sieht auch er als große Chance für die Pflege.

Es zeichnet sich ab, dass wir das Angebot der Zehnstundenschichten dauerhaft in unsere Arbeitszeitmodelle aufnehmen werden.
Bernd Lambrecht, - Pflegedirektor der Elbe Kliniken

Ein genereller Generationenunterschied sei dabei nicht feststellbar. „Nicht nur jüngere Kollegen schätzen den Freizeitausgleich sehr, sondern auch ältere können den längeren Regenerationsphasen viel abgewinnen,“ beobachtet Michaela Hühnke.

Arbeiten in Zehnstundenschichten: Eine weitere Station hat Interesse bekundet

Der Ausgang des Projekts ist noch offen. Nach Ablauf der Pilotphase im März wird evaluiert, ob die Vor- oder Nachteile überwiegen. „Es zeichnet sich jedoch ab, dass wir das Angebot der Zehnstundenschichten dauerhaft in unsere Arbeitszeitmodelle aufnehmen werden,“ sagt Pflegedirektor Bernd Lambrecht. Eine weitere Station habe bereits Interesse bekundet.

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„Unser Ziel ist es, darüber hinaus einen Flexi-Pool einzurichten, in dem sich Mitarbeitende befinden, die nur bestimmte Dienstzeiten abdecken können. Sie erklären sich im Gegenzug bereit, flexibel in unterschiedlichen Bereichen zu arbeiten,“ erläutert Lambrecht. Das bedeute konkret, dass eine Pflegekraft angibt, welche Dienstzeiten sie abdecken kann und sie daraufhin zum Beispiel eine Woche lang auf der Station für Orthopädie und eine Woche lang auf der Urologischen Station eingesetzt werde.

„Diese Einsätze richten sich jeweils nach dem Bedarf im Rahmen des Ausfallmanagements“, so Lambrecht. Voraussetzung sei hierfür die entsprechende erforderliche Qualifikation.