Lüneburger Heide

"Statistischer Zufall"? Zwei Kutschenunfälle an zwei Tagen

An dieser Weggabelung bei Schneverdingen geschah das Unglück. Am Mittwoch hatte sich in Egestorf ein ganz ähnliches Drama abgespielt. 

An dieser Weggabelung bei Schneverdingen geschah das Unglück. Am Mittwoch hatte sich in Egestorf ein ganz ähnliches Drama abgespielt. 

Foto: Joto / JOTO

Erneut schweres Unglück mit Planwagen und mehreren Verletzten, diesmal in Schneverdingen. Eine Seniorin schwebte in Lebensgefahr.

Schneverdingen/Egestorf. Die Bilder gleichen sich, die Schilderungen vom Ablauf der Geschehnisse sind nahezu austauschbar: Nur einen Tag nach dem schweren Kutschenunfall in Egestorf hat es am Donnerstag erneut einen Unfall mit einer Pferdekutsche in der Lüneburger Heide gegeben, diesmal im kaum 20 Kilometer entfernten Schneverdingen.

Erneut war die Kutsche auf einer abschüssigen Strecke unterwegs, erneut versagte offenbar die Bremse. Erneut kam das Gefährt nach rechts von der Straße ab und kippte auf die linke Seite. Und wieder gab es einen Großeinsatz für die Rettungskräfte. Die Bilanz des gestrigen Unglücks: eine 79-Jährige schwebte bis zum Freitag in Lebensgefahr, ihr Zustand wird inzwischen als stabil beschreiben. Fünf weitere Senioren wurden schwer, zwölf leichter verletzt. Am Mittwoch in Egestorf hatte es 13 Verletzte gegeben, vier von ihnen schwer.

Zehn Jahre lang kein schwerer Unfall

Mehr als zehn Jahre lang hatte sich in der Ausflugsregion Lüneburger Heide kein solch schwerer Kutschenunfall ereignet, nun gleich zwei an zwei aufeinanderfolgenden Tagen. Ob auch hier ein Bremsseil gerissen war, stand am Donnerstag noch nicht fest. Fakt ist: Die Kutsche beschleunigte auch in diesem Fall unkon­trollierbar – auf einer abschüssigen Wegstrecke. Die 38 Jahre alte Kutscherin – sie gilt als erfahren und ist seit einem halben Jahr beim betroffenen Kutschenbetrieb beschäftigt – steuerte das massige Gefährt auf dem Heideweg nach rechts, so, wie es auch die 51 Jahre alte Kollegin am Mittwoch gemacht hatte.

In Schneverdingen war es ein großer Feldstein, der das Umkippen der Kutsche verursachte. In Egestorf war es eine Böschung gewesen. Die Ausflügler fielen zu Boden, zogen sich Knochenbrüche, Schürfwunden und Quetschungen zu. Polizeieinsatz­leiterin Wiebke Hennig sagte an der Unfallstelle: „Die Kutscherin betätigte die Fußbremse, doch die reagierte offenbar nicht wie gewohnt.“ Dass sich zwei solche Vorfälle an zwei Tagen hintereinander ereignen, ordnet Wiebke Hennig als „statistischen Zufall“ ein: „Für uns ist es eine absolute Seltenheit.“

Polizeieinsatzleiterin: Es bleibt ein Restrisiko

Für gewöhnlich gelten Kutschfahrten in der Lüneburger Heide als sicher: Die Fahrzeuge sind gefedert und im Schritttempo unterwegs, werden meist von zwei erfahrenen und ruhigen Pferden gezogen. Polizeieinsatzleiterin Wiebke Hennig: „Die Fahrzeuge werden regelmäßig vom TÜV überprüft, die Fahrer müssen ihre Befähigung nachweisen. Dennoch bleibt im Umgang mit Pferden natürlich immer ein Restrisiko. Die Mitfahrer in diesen Kutschen sind auch nicht angeschnallt. Doch generell ist das eigentlich eine sichere Sache.“

Tödlicher Unfall auf Ohlsdorfer Friedhof

Rund 30 Kutschenbetriebe sind in den Landkreisen Harburg und Heidekreis in zwei Vereinen organisiert. Rund 100 Kutscher sind während der Saison in der Heide unterwegs. Sie sind zugleich Touristenführer. Bundesweit hat es allerdings laut der Tierrechtsorganisation Peta im Jahr 2018 insgesamt 33 Kutschenunfälle gegeben – mit zehn Toten und 62 Verletzten.

Auch auf dem Ohlsdorfer Friedhof hatte sich in diesem Jahr bereits ein tödlicher Kutschenunfall ereignet. Eine 78-jährige Frau war ums Leben gekommen, zwei weitere Menschen sind schwer und zwei leicht verletzt worden. Vermutlich hatte sich das Zaumzeug gelöst, was bei einem der Pferde Panik auslöste. Das Gespann ging durch, die Kutsche kippte um. Gegen die Kutscherin ermittelt die Staatsanwaltschaft weiterhin wegen fahrlässiger Tötung.

Bei den Touristen, die in Schneverdingen verunglückten, handelte es sich um eine lose Gruppe von Ausflüglern aus der Region Hannover. Sie waren offenbar mit Reisebussen in die Heide gekommen und hatten eine Tour mit zwei großen Kutschen unternommen. Am Mittwoch in Egestorf waren es Hamburger Reisende gewesen, möglicherweise ein Kegelclub.

Konsequenzen für die Heidekutschen?

Der Unfall am Donnerstag ereignete sich am frühen Nachmittag gegen 14.20 Uhr an einer Weggabelung vor einem Kiosk. Nachdem die Kutsche umgekippt war, richteten Ersthelfer sie wieder auf, woraufhin sie in einen Graben rollte. Die Kutscherin erlitt leichte Verletzungen. Ihre Kollegin aus Egestorf war am Mittwoch mit Ausnahme von Schocksymptomen nicht verletzt worden. Polizeisprecherin Hennig schildert: „Das Unglück ereignete sich im Ausflugsgebiet Höpen, unweit der Freilichtbühne, auf der jedes Jahr die Heidekönigin gekrönt wird.

Ob das Unglück unmittel­bare Folgen für die Heide-Kutschfahrten haben wird, stand am Donnerstag noch nicht fest. Die polizeilichen Ermittlungen laufen. Nach dem Unglück auf dem Ohlsdorfer Friedhof waren dort Kutschfahrten eingestellt worden. Eine ähnliche Konsequenz ist für die Heidekutschen indes kaum denkbar. Zu wichtig sind sie für den wachsenden Tourismus-Markt in der gesamten Region.

Der Kutschunfall von Egestorf: