Von Pelzerhaken bis Büsum

Immer mit der Ruhe – Silent Walk an der Ostsee

Britta Sommer leitet die Teilnehmerinnen des Silent Walks an der Ostseeküste in Pelzerhaken an. Es funktioniert bei jedem Wetter.

Britta Sommer leitet die Teilnehmerinnen des Silent Walks an der Ostseeküste in Pelzerhaken an. Es funktioniert bei jedem Wetter.

Foto: Roland Magunia

Ob Silent Walk, Lamatrekking oder Yoga – die Küstenorte haben jede Menge Ruheangebote für Herbst- und Wintertage.

Pelzerhaken.  Dass es für mitteilsame Menschen heftig werden würde, war klar. Aber dass es so schwer ist, in einer Gruppe bei einem gemeinsamen Strandspaziergang nicht zu sprechen, ist doch überraschend. Immer ist da dieser Impuls, sich mitzuteilen, den Mitmenschen zu sagen, wie schön dieser Morgen am Strand von Pelzerhaken ist. Beim kostenlosen Silent Walk aber geht es darum, sich auf seinen Körper und die Umgebung zu konzentrieren und zu schweigen. Ganz im Sinne der Achtsamkeit. Und diese Form der Wahrnehmung und Konzentration im Einklang mit der Natur liegt an Nord- und Ostsee im Trend. Entsprechend groß ist das Angebot.

„Der Silent Walk ist eine Gehmeditation“, sagt Britta Sommer, die die Gruppe – alles Frauen – an diesem Sonntagmorgen begleitet und führt. Ziel wird es in den kommenden eineinhalb Stunden sein, die Gedanken bei sich zu halten, den Atem zu fokussieren, fließen zu lassen und einfach bei sich zu sein. „Es geht darum, den alltäglichen Stress, die alltäglichen Gewohnheiten, die wir haben, für diese Zeit loszulassen“, sagt Britta Sommer.

Teilnehmer halten sich an das Sprechverbot

Dazwischen macht die Pilates-, Yoga- und Fitnesstrainerin mit der Gruppe kleine Meditations -und Bewegungseinheiten. Mal schließen wir die Augen, und sie führt uns in einer langen Schlange über den unebenen Strand, mal stehen wir auf einem Bein und üben unser Gleichgewicht. Britta darf dann reden, wir müssen schweigen. „Meistens halten sich auch alle Teilnehmer daran“, sagt sie. Ist eine Gruppe doch geschwätzig, legt Britta sich einfach ihre Finger auf ihren Mund – das Zeichen zum Schweigen genügt dann.

Wir aber halten uns an das Sprechverbot. Meistens. Wir bleiben auch dann still, als eine große Hündin, die auf den Namen Luna hört, ihren Besitzern davonläuft und während unserer Bewegungsübungen mit Blick auf die Ostsee zwischen uns herumwuselt. „Wasser steht für Neubeginn und loslassen“, sagt Britta. Wir sollen einmal in uns hineinspüren, wie salzig und algig die Luft riecht oder sogar schmeckt. Wir drehen unsere Oberkörper mit ausgestreckten Armen von links nach rechts und wieder zurück. „Die Rotation wärmt unsere Körper“, sagt Britta wieder mit ihrer sanften dunklen Stimme. Bei knapp vier Grad tut die Rotation gut.

Symbol für unsere Wünsche

Als eine Teilnehmerin niest, fällt es schwer, nicht „Gesundheit“ zu sagen. Aber was unhöflich erscheint, ist heute und hier erlaubt. Ich darf die Menschen um mich herum ignorieren, ich muss nichts sagen, keine Fragen stellen und darf mit mir und meinen Gedanken allein in der Gruppe sein, auch wenn ich ständig das eine oder andere Wort auf der Zunge habe. Nur als der elfjährige Marlon, der mit seiner Mutter eine dreiwöchige Kur in Pelzerhaken macht, einen toten Fisch am Spülsaum entdeckt, rutschen ihm ein paar Sätze heraus. Genau wie Teilnehmerin Ines Riebesehl (52) sich ein „ist das nicht schön?“ nicht verkneifen kann. Sie guckt mich dabei an, ich lächele nur und schweige und möchte doch am liebsten sofort ins Gespräch einsteigen. Aber zum Ende der Tour fällt das Schweigen leichter, und als wir wieder reden dürfen, hören sich die ersten Worte laut und ungewohnt an.

Weil ein Silent Walk auch etwas Tiefes, etwas Esoterisches hat, sollen wir uns am Ende einen Stein oder eine Muschel suchen und diesen Gegenstand als Symbol für unsere Wünsche mit nach Hause nehmen. Mehr Schweigen und Fokussierung und weniger Multitasking, das würde im Alltag sicherlich häufig helfen­. Die nächsten Silent Walks sind am 9. Februar und 8. März von 10 bis 11.30 Uhr, Treffpunkt an der Seebrücke in Rettin­. Weitere Informationen unter www.luebecker-bucht-ostsee.de

Menschen sehnen sich nach Achtsamkeit

Weil immer mehr Menschen sich nach dieser Achtsamkeit sehnen, sich etwas Gutes tun wollen, haben die Küstenorte darauf reagiert. An der Lübecker Bucht gibt es die Kampagne „Komm zu dir“ mit Erlebnisangeboten (www.luebecker-bucht-ostsee.de). Doris Wilmer-Huperz von der Tourismusagentur Lübecker Bucht: „Unsere Kampagne fußt auf drei Säulen: achtsam bewegen, Retreats­ und Wellness.“ Zu den Angeboten von Scharbeutz bis Neustadt gehören neben den Silent Walks auch Trekkingtouren am Strand mit Lamas, Workshops zum achtsamen Bogenbau, achtsamer Biathlon, Yoga oder Qigong am Strand.

Die Touristiker sind zufrieden: „Von anfänglichen 17 Terminen beim Kampagnenstart 2017 sind es mittlerweile 30 Termine“, so Doris Wilmer-Huperz. „Wegen der hohen Nachfrage haben wir aufstocken müssen und bieten nun doppelt so viele Lamawanderungen an.“ Es sind überwiegend Frauen zwischen Mitte 30 und Mitte 50, die diese Angebote wahrnehmen. Die Gründe: „Mehrheitlich verlangt ihnen der Alltag viel ab – ob im Job oder in der Familiensituation – meist beides“, sagt Wilmer-Huperz. Sie wollen zu neuer Kraft kommen und weniger durchgetaktet sein. „Meiner Beobachtung nach sind Kaviar und Champagner schon lange keine Luxussymbole mehr, sondern vielmehr ist es individuell und frei gestaltete Zeit.“

Gesundes Essen und Saunanächte

„Im Beach Motel Heiligenhafen haben wir unsere sogenannten „Feel Good Weeks“, in denen wir Yoga und Meditation bündeln mit gesundem Essen und Saunanächten – das kommt immer gut bei den Gästen an“, sagt Christian Sroka von den Heimathafen Hotels.

Auch auf Fehmarn ist der Achtsamkeitstrend angekommen. „Auf Fehmarn gibt es sowohl Ferienhöfe, die sich auf Yoga und Achtsamkeit spezialisiert haben, als auch einzelne Kursangebote. Zudem bieten viele Campingplätze in der Hauptsaison Yoga-Kurse an“, sagt Kim Sophie Böckmann vom Tourismus-Service Fehmarn. Das Bewusstsein für das Thema Gesundheit wachse. „Hier erreichen wir auch neue Zielgruppen, zum Beispiel Menschen, die das Bedürfnis haben nach Erholung für Körper, Seele und Geist.“ Zum Beispiel auf dem Osterhof in Dänschendorf: Hier steht Gesundheitsurlaub mit Ayurveda, Yoga und Achtsamkeit im Mittelpunkt (nächster Termin vom 26. Februar bis zum 1. März, Infos: www.osterhof-fehmarn.de): „Eine Reise zu deinem Ursprung“. Auch der Biohof von Familie Albert widmet sich ganz der Seelenpflege inklusive Meditationen, Yoga, Massagen oder Coachings zur bewussten Lebensführung. Infos: www.biohof-fehmarn.de.

Fasten und Wellness

„Das Thema Achtsamkeit spielen wir schon seit Jahren“, sagt Malte Keller vom Nordseetourismus. Das Projekt dazu heißt „Empowerment“. An der Nordsee geht es bei diversen Kursen um Stressbewältigung, Zu-sich-selbst-Finden und darum, den hektischen Alltag hinter sich zu lassen. Es gibt Workshops zu Themen, wie Achtsamkeitstraining und Stressresilienz. Ins Beachmotel St. Peter-Ording lädt Coach und Personal Trainer Kai Kaufmann vom 16. bis zum 17. März zum Seminar „Resilienz und Meditation – so stärken Sie Ihre seelische Widerstandskraft“ ein, mit Yoga-Übungen. Kosten: 790 Euro. Informationen erhalten Sie unter www.yoga-life-coach­.com

In Büsum lädt Inge Nagel zu Fasten und Wellness ein. Im Angebot unter anderem: Heilfasten, Yoga und Meditation, Aromatherapie, Feng-Shui oder Meditationsbilder malen (Informationen unter www.ingenagel.de). Die Urlauberseelsorge Büsum bietet meditative Spaziergänge an. Informationen unter www. urlauberseelsorge­-buesum.de

Auf Sylt, Föhr und Amrum gibt es regelmäßig Fastenwanderungen, Infos: https://www.gesunder-neuanfang.de/fas tenwandern-auf-sylt-foehr-und-amrum/