Niedersachsen

Was wir für 190 Euro von Pferden über uns lernen können

Das Team „Coaching mit Pferden“: der Hannoveraner Levarino, Kerstin von Ewegen (l.) und Annegret Conow sowie Dark George (v. l.), ein deutsches Reitpony.

Das Team „Coaching mit Pferden“: der Hannoveraner Levarino, Kerstin von Ewegen (l.) und Annegret Conow sowie Dark George (v. l.), ein deutsches Reitpony.

Foto: Mark Sandten / MARK SANDTEN / FUNKE FOTO SERVICES

Immer mehr Menschen, die etwas verändern wollen, vertrauen beim Coaching auf die Hilfe der Tiere. Ein Selbstversuch.

Hanstedt.  Der erste Eindruck? Alter Schwede, ist der groß! Aber Levarino prahlt mit seiner 750 Kilo schweren körperlichen Überlegenheit nicht beim ersten Aufeinandertreffen, im Gegenteil. Neugierig-gelassen steht der Hannoveraner (Widerristhöhe 1,80 Meter) in der Reithalle der Reitsportanlage „Scuderia“ in Hanstedt, schnuppert kurz an der noch etwas zaghaft ausgestreckten Hand und beginnt wie ein kleines Kätzchen daran zu schlecken. Beruhigend. Der Start ist schon mal gelungen.

Für die nächsten 60 Minuten werden wir ein Team bilden, eine Einheit. Auf der einen Seite der Abendblatt-Sportreporter, der zwar eine grundsätzliche Zuneigung zu Tieren empfindet, für den Pferde aber zur Kategorie der unbekannten Wesen gehören. Und auf der anderen Seite der 14-jährige Wallach, der seit Februar 2018 auf der Anlage im Landkreis Harburg lebt.

Thema Stress für das Coaching

„Wo stehen Sie? Wohin soll es für Sie gehen? Was möchten Sie erreichen?“, nennt Anne Conow (52) drei beispielhafte Fragestellungen für das „pferdegestützte Coaching“, das sie gemeinsam mit Kerstin von Ewegen (51) anbietet. Als Zielgruppe darf sich jeder angesprochen fühlen, der etwas in seinem Privat- oder Berufsleben verändern oder sich weiterentwickeln möchte. Oder der einfach sein Ich besser verstehen möchte: Wo sind meine Stärken und Schwächen?

Kinder, Jugendliche und alle, die eine kleinere Pferdeversion bevorzugen, können mit dem halb so großen deutschen Reitpony Dark George „arbeiten“, bei Pferdebesitzern bietet sich natürlich das eigene Tier an.

Um sich vertraut zu machen und eine Verbindung aufzubauen, gehen wir ein paar Schritte auf dem weichen, mit Sand bedeckten Boden in der Halle. Levarino folgt auf das leichte Ziehen am Strick, der am Halfter eingehängt ist, bereitwillig. Für das Coaching habe ich mir das Thema Stress ausgesucht, weil so viele Menschen in ihrem Arbeitsleben damit in Berührung kommen, natürlich auch Journalisten, wenn sie beispielsweise unter extremem Zeitdruck abends Texte fertigen müssen. Ich bin gespannt, ob ich mithilfe meines vierbeinigen Partners herausfinde, wie stark sich der Stress bei mir breitgemacht hat und welche Lösungen präsentiert werden.

Pferde erkennen jedes Täuschungsmanöver sofort

„Was ist denn jetzt die Aufgabe meines Begleiters?“, frage ich während dieses einführenden Spaziergangs, der auf mich eine sehr entspannende Wirkung hat. Levarino bleibt nahe an meiner Seite, auch als ich den Strick locker hängen lasse. „Pferde sind ihrem Wesen nach aufmerksame Herden- und Fluchttiere und deshalb hochsensibel“, erklärt von Ewegen. „Ob Sie Arzt sind, Beamter oder Journalist, ist dem Tier völlig egal. Sie lassen sich auf die Signale des Menschen ein, nehmen ihre Energie auf und spiegeln die Verhaltensweisen und Gedanken ohne jeden Filter wider.“ Zu versuchen, eine tatsächlich vorhandene Nervosität und Anspannung zu vertuschen, funktioniere nicht.

Innere Unruhe beim Abendblatt-Reporter

Wir beginnen mit dem Coaching. Während mich Anne Conow filmt, wie ich meinen „Feedback-Geber“ Levarino durch einen kleinen Parcours führen soll, vertieft ihre Kollegin Kerstin von Ewegen das Thema Stress und fordert mich auf, an Situationen zu denken, die Stress auslösen. Mir fällt spontan eine Spätschicht ein, in der sich das Redaktionssystem ausgerechnet kurz vor der Freigabe der aktuellen Sportseite instabil zeigte. Ich merke, wie ich innerlich etwas unruhig werde, doch das Pferd scheint nicht zu reagieren. Später auf der Aufnahme werde ich jedoch erkennen, wie es genau in diesem Moment den Körper streckt und die Ohren spitzt.

Pferde für Coachings oder Therapien einzusetzen, ist in Deutschland längst nichts Exotisches mehr. Landesweit gibt es Ausbildungszentren zum zertifizierten pferdegestützten Coach. Gerade Führungskräfte kennen die Arbeit mit den Tieren aus Seminaren. Der Ansatz aber, dass sich gleich zwei Coaches um mich als privaten Kunden kümmern, ist selten – und durchaus herausfordernd für mich. Schnell werde ich aus meiner Routine herausbefördert.

Die Gefühle in einer konkreten Stresssituation zu beschreiben, lautet eine Aufgabe, die ich nur unbefriedigend bewältigen kann. Überhaupt widerstrebt es mir, die total entspannte Atmosphäre zwischen dem Pferd und mir mit negativen Gedanken zu gefährden. Scheinbar spontan entwickelt sich die Unterhaltung plötzlich in eine unerwartete Richtung: Wir reden, das Pferd immer an meiner Seite, über die Bereitschaft, sich intensiv mit sich selbst zu beschäftigen, sich auch einmal aus seiner Komfortzone zu wagen, auch schwere Emotionen zuzulassen. Während wir eigentlich ganz entspannt mitten in der Halle stehen, stellt sich der bisher so geduldige Levarino immer wieder zwischen die Coaches und mich. Ganz so, als ob er mich vor den nicht immer einfachen Fragen beschützen möchte.

„Es ist völlig normal, dass während des Gesprächs ein neues Thema auftaucht“, sagt Conow später, als wir im Restaurant der Reitanlage sitzen. „Oft kommen Menschen zu uns, die gar nicht genau wissen, was mit ihnen los ist und es herausfinden wollen.“ Sie und von Ewegen kennen sich seit 15 Jahren. Während ihre Kollegin sich auch intensiv mit Yoga, Prana Heilung (eine ganzheitliche Heilmethode) und Prana Psychotherapie beschäftigt hat, widmete sich Conow, eine gelernte Heilerziehungspflegerin, dem Studium zur Heilpädagogin und der Transaktionsanalyse. Eines Tages erkannten sie die Vorteile, ihre Begabungen zu kombinieren.

Die Kunden bekommen Übungen mit nach Hause

Was aber passiert, wenn ein Thema gefunden und klar definiert ist? „Da wir zusammenarbeiten, können wir Impulse und Ideen aus zwei unterschiedlichen Perspektiven geben, zwei Profis sehen mehr“, sagt von Ewegen. „Sie bekommen Übungen mit nach Hause, also richtige Hausaufgaben, um Verhaltensweisen umzuprogrammieren, die Sie ändern möchten.“ Der weitere Verlauf sei individuell: Entweder man kommt wieder, um noch einmal mit dem Pferd zu arbeiten oder bucht ein Einzelcoaching für weitere Gespräche. „Es kam aber auch schon vor, dass unsere Gäste mit einer Sitzung ausreichend versorgt waren und zum Beispiel in der Lage waren, eine Prüfung zu bewältigen, vor der sie Angst hatten.“

Die Nachbesprechung nach der beispielhaften Vorführung ist vorbei, wir verabschieden uns. 190 Euro kostet so eine Begegnung mit Pferd und zwei Coaches. Doch noch Tage später hallt der Besuch bei Levarino nach. Er hat neugierig gemacht. Und bei der nächsten Spätschicht habe ich an grasende Pferde auf einer Weide gedacht.

Informationen zum Coaching von Anne Conow und Kerstin von Ewegen: pferdegestuetztes-coaching-nordheide.com; www.entdecke-die-sinne.com/