Mordprozess

Giftmord an Vermieter: Angeklagtem droht lebenslange Haft

Die Angeklagte Laura S. berät sich mit ihrem Verteidiger Frank Brand vor Verhandlungsbeginn.

Die Angeklagte Laura S. berät sich mit ihrem Verteidiger Frank Brand vor Verhandlungsbeginn.

Foto: Filip Schwen

E 605 im Portwein: Haupttäter soll seinen Vermieter vergiftet haben. Aufgezeichneter Notruf schockiert Prozessteilnehmer.

Lütjensee/Lübeck. „Ich habe aus einer Flasche getrunken. Es riecht ganz übel, mein Magen rebelliert. Ich glaube, jemand hat da etwas reingemischt“, schildert Klaus M. dem Rettungsdienst am Telefon. Wenige Minuten später ist er tot. Noch im Rettungswagen stirbt der 56-Jährige, vergiftet mit dem Pflanzenschutzmittel E 605. Die Angehörigen können ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, als die Richterin am Donnerstag den Mitschnitt des Notrufs vom Morgen des 19. Februars 2019 abspielen lässt.

Angeklagter: „Wollte ihm nur einen Denkzettel verpassen“

Es ist der zweite Verhandlungstag im Prozess um einen Giftanschlag des 23-jährigen Niklas K. (alle Namen geändert) auf seinen Vermieter in Lütjensee (Kreis Stormarn) am Landgericht Lübeck. In Handschellen und grüner Gefängniskleidung wird er in den Saal geführt. Die Staatsanwaltschaft wirft K. heimtückischen Mord vor: Er soll das E 605 in eine Portweinflasche seines Vermieters gegeben haben. Am nächsten Morgen nahm der 56-Jährige einen Schluck aus der Flasche. Kurz darauf stellten sich starke Magenschmerzen und Schweißausbrüche ein. Der Notarzt konnte dem Lütjenseer nicht mehr helfen.

„Ich wollte ihm nur einen Denkzettel verpassen“, beteuert Niklas K. immer wieder. Bereits zu Prozessauftakt hatte K. die Tat eingeräumt: „Ja, die Tat gestehe ich.“ Doch eine Tötungsabsicht bestreitet der 23-Jährige. „Ich ging von Bauchschmerzen und Durchfall aus“, sagte er mit gesenktem Blick. Nur wenn die Richterin ihm Fragen stellt, hebt er den Kopf. Der Vermieter habe ihn regelmäßig verspottet und beleidigt. Im Streit soll es um Mietschulden gegangen sein. Auch habe Klaus M. ihn wiederholt des Diebstahls bezichtigt.

Mitangeklagte sollen von der Tat gewusst haben

Die Staatsanwaltschaft glaubt hingegen, dass Niklas K. den Tod des Vermieters billigend in Kauf genommen hat. „Der Angeklagte wusste, dass der Geschädigte Alkoholiker und durch eine Magenerkrankung vorbelastet war.“ Mit K. müssen sich auch seine 19 Jahre alten ehemaligen Mitbewohner Laura S. und deren Freund Tim B. vor Gericht verantworten. Die Drei bewohnten zur Tatzeit eine Zweizimmerwohnung im Dachgeschoss des Einfamilienhauses von Klaus M. in Lütjensee. Die Staatsanwaltschaft hat sie wegen Nichtanzeigens einer Straftat angeklagt. Wirft ihnen vor, von der vergifteten Weinflasche gewusst, aber weder das Opfer gewarnt noch die Polizei informiert zu haben.

„Es gab immer wieder Probleme mit Herrn K. als Mieter“, sagte ein enger Freund und Arbeitskollege vor Gericht. „Klaus wollte ihn aus der Wohnung raushaben.“ Doch habe M. Angst vor Niklas K. gehabt. Sich nicht getraut, den Untermieter vor die Tür zu setzen. „Klaus sagte, dass er das nicht mehr aushalten könne, gerade seien ihm wieder 1000 Euro gestohlen worden“, erinnert sich der Zeuge. Daraufhin habe er Klaus M. mit weiteren Freunden nach Hause begleitet, um K. zum Auszug aufzufordern. Der Vorfall ereignete sich nur drei Tage vor der Tat. „Herr M. kam mit drei weiteren Männern stark angetrunken in unsere Wohnung und warf mich raus“, schilderte K. Letzlich durfte er dort bleiben.

Am Abend der Tat habe Niklas K. seinen Mietvertrag in M.s Wohnung gesucht, sei dann auf eine Flasche mit einer blauen Flüssigkeit und der Aufschrift „E 605 – Gift“ gestoßen, hatte Tim B. den Tathergang am ersten Prozesstag geschildert. „Er hat etwas von dem Inhalt in die Flasche mit einem kleinen Rest Wein gegeben.“ B.: „Wir haben gesagt, dass er das nicht machen soll.“ K. habe gesagt: „Wenn es nicht wirkt, weiß ich, dass es zu wenig war.“ Außerdem habe K. nach einer Spritze gefragt, um Gift in Lebensmittel zu spritzen.

Der Täter weigerte sich, Miete an das Opfer zu zahlen

„Niklas hat oft davon gesprochen, Herrn M. zu töten“, erzählt Laura S. „Ich habe das für Spaß gehalten“, so die 19-Jährige. Immer wieder kämpft die junge Frau mit den Tränen. „Niklas war wütend, dass er anders als Tim und ich Miete zahlen sollte“, sagt sie zum Motiv. Zunächst habe das Jobcenter für Niklas K. gezahlt. Als er Arbeit fand, habe er dennoch nicht selbst gezahlt.

Ein ganz anderes Bild von Niklas K. zeichnet dessen Arbeitgeber vor Gericht. „Niklas war ein zuverlässiger Mitarbeiter, sehr nett und hilfsbereit“, beschreibt dieser den jungen Mann. „Ich habe Niklas eine Wohnung in Aussicht gestellt, dort hätte er im April einziehen können.“ Auch einen Lehrvertrag habe er dem 23-Jährigen angeboten, sagte der Parkettlegermeister fassungslos.

„Ich wollte ihn nicht umbringen, ich wollte weder sein Leben ruinieren noch meines“, hatte Niklas K. der Polizei im Verhör unter Tränen gesagt. Vor Gericht gibt er sich gefasster. Immer wieder beteuert der blasse junge Mann, nur einen Tropfen des Gifts in die Weinflasche gegeben zu haben.

Gutachter bezweifeln die Aussage des Angeklagten

Doch das bezweifeln drei Gutachter, die das Gericht geladen hatte. „Wir haben die 33- bis 50-fache Menge von dem, was die Toxikologie unter einem Tropfen versteht, in der Weinflasche nachgewiesen“, so LKA-Experte Folker Westphal am ersten Verhandlungstag. Die Flüssigkeit, die unter Chemikern als Parathion bekannt ist, hemmt die Reizübertragung von Nerven- auf Muskelzellen und führt zu Krämpfen und Atemstillstand. Sie ist geruchs- und farblos, ihr wird Farb- und Geruchsstoff zugesetzt, um Verwechslungen zu vermeiden.

„Es lassen sich keine Aussagen dazu machen, ob es weitere Aufnahmen von E 605 außer der akuten gegeben hat“, gab Gertrud Rochholz bekannt, die als forensische Toxikologin den Leichnam auf Giftrückstände untersucht hatte. Analysen hatten zuvor vermuten lassen, dass Klaus M. über längere Zeit wiederholt E 605 zugeführt wurde.

Die Gutachterin hatte E 605 in Haarproben des Opfers festgestellt. „Dort reichern sich Substanzen in der Regel erst drei Monate nach der Einnahme an“, sagt die Expertin. Das Urteil soll am kommenden Donnerstag fallen. Niklas K. droht eine lebenslange Haftstrafe.