Insolvenz

Endspiel um das Marine-Schulschiff „Gorch Fock“

Die „Gorch Fock“, einstmals der Stolz der Bundesmarine, ist derzeit weit entfernt davon, Segelromantiker zu begeistern.

Die „Gorch Fock“, einstmals der Stolz der Bundesmarine, ist derzeit weit entfernt davon, Segelromantiker zu begeistern.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Werft hat nach Unregelmäßigkeiten Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen gehört einer Hamburger Stiftung.

Berlin.  Ob die „Gorch Fock“ je wieder in See stechen wird, ist seit Mittwoch unsicherer denn je. Der Vorstandschef der Elsflether Werft, Axel Birk, hat beim Amtsgericht Nordenham die Insolvenz beantragt. Rund 130 Arbeitsplätze stehen in der Traditionswerft auf dem Spiel. Mit der Insolvenz drohe die Sanierung des Schiffes „vollends aus dem Ruder zu laufen“, warnte der Grünen-Verteidigungsexperte Tobias Lindner.

Der Dreimaster liegt derzeit im Trockendock und ist nicht schwimmfähig. Er kann also weder verschrottet (das wäre eine Arbeit für Spezialunternehmen in Holland oder Großbritannien) noch zu einer anderen Werft in Deutschland gebracht werden, um dort instandgesetzt zu werden. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte, für die „Gorch Fock“ sei entscheidend, „was sich in diesen Tagen abspielt“. Sie lässt offen, ob die Arbeiten am Großsegler zu Ende gebracht werden oder die Bundeswehr das Geld weitgehend abschreiben muss, das sie bisher ausgegeben hat ­­– 69 Millionen Euro. Die Ministerin wartet ab, was das Gericht in Nordenham entscheiden wird. Denn Birk strebt ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung an.

„Wir werden es versuchen“, kündigte er an. Dann bliebe die Geschäftsleitung im Amt und könnte womöglich das Schiff zu Ende bauen. Setzt das Gericht hingegen einen Insolvenzverwalter ein, wird es schwieriger, weil die Firma dann nicht vor Vollstreckungen von Gläubigern geschützt ist.

Von der Leyen steckt in Dilemma

Von der Leyen steckt in einem Dilemma. Sie hatte um die Jahreswende alle Zahlungen eingestellt. Danach ließ sich die Lage des Unternehmens nicht länger kaschieren. Nach Abendblatt-Informationen schuldete die Werft Subunternehmen seit mehr als 130 Tagen rund 22 Millionen Euro. Wohlgemerkt: Für Leistungen, die längst erbracht und auch schon von der Bundeswehr bezahlt worden waren. Hätte von der Leyen weitergezahlt, wäre Geld der Steuerzahler in eine marode Firma geflossen.

„Die Gorch Fock gehört genauso außer Dienst gestellt wie die Ministerin“, sagte der Linken-Abgeordnete Matthias Höhn unserer Redaktion. Er argwöhnt, ohne „die überteuerten Gorch-Fock-Reparaturen“ wäre das Unternehmen „womöglich schon längst pleite“. Er rechnete aus, dass die „Gorch Fock“ in den vergangenen zwei Jahrzehnten 13 Jahre in der Werft war: 2000, 2001, 2004, 2006, 2008, 2010, 2012, 2013, 2015, 2016, 2017, 2018, 2019. Das Schiff wird seit Ende 2015 instandgesetzt. Seither sind die Kosten explodiert: von zehn auf 135 Millionen Euro.

Schieflage nach dem Tod von Barbara Rohden

Die Werft galt 2015 noch als solide. Angeblich ergab damals eine Bonitätsprüfung, dass sie noch über Rücklagen in Höhe von rund 30 Millionen Euro verfügte. Doch Anfang 2018 starb Barbara Rohden, die Hamburger Unternehmerin, Eigentümerin und Aufsichtsratsvorsitzende der Werft. Ihre Anteile an der Elsflether Werft AG vermachte sie der Sky Stiftung. Ihr hatte sie schon ein paar Jahre zuvor rund sechs Prozent der Werftanteile überschrieben.

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, die an der noblen Elbchaussee in Hamburg residiert, war damals Marcus Reinberg. Der Doktor der Jurisprudenz konnte als Rohdens Testamentsvollstrecker und neuer Aufsichtsratschef der Werft offenbar schalten und walten, wie er wollte. Die Staatsanwaltschaft Hamburg bestätigt, dass seit Oktober ein Ermittlungsverfahren gegen Reinberg anhängig ist – wegen des Verdachts der Untreue. Aktuell werde eine Übernahme des Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft Oldenburg geprüft.

Im Januar setzte die Justizbehörde Reinberg als Stiftungsvorstand ab. Nachfolger wurden zwei Hamburger, der Rechtsanwalt Stephan Schmanns und der Steuerberater Jörg Verstl. Sie stellten rasch fest, dass es um die Finanzen der Werft nicht zum Besten stand. Reinberg, nebenbei auch noch Honorarkonsul der Mongolei, hatte offenbar Geld, das aus einem Darlehen der Werft stammt, in eine Goldminenexploration in der Mongolei gesteckt. Weitere dubiose Geschäfte kamen hinzu. Die Rede ist von Darlehen in Höhe von insgesamt 17 Millionen Euro.

Der neue Vorstand um Axel Birk habe „sehr konstruktiv und professionell Licht ins Dunkel“ gebracht, lobt Verteidigungsministerin von der Leyen. Der Grünen-Wehrexperte Tobias Lindner sagte, „die Ministerin muss zwingend prüfen, ob es wirtschaftliche Alternativen zu dieser Koste-was-es-wolle-Instandsetzung gibt“. Er schätzt, dass die Fertigstellung mindestens weitere 50 bis 60 Millionen kosten würde und hält es für wirtschaftlicher, stattdessen ein neues Schiff zu bauen. Die Entscheidung der Bundeswehr, an der „Gorch Fock“ festzuhalten, sei mehr als fragwürdig.