Insolvenz

Ein Hamburger will die „Gorch Fock“ retten

Das Schiff ist ein Sanierungsfall, die Werft nun auch – die „Gorch Fock“ ist längst zum Problem geworden.

Das Schiff ist ein Sanierungsfall, die Werft nun auch – die „Gorch Fock“ ist längst zum Problem geworden.

Foto: Christian Charisius / dpa

Pieter Wasmuth ist neuer Aufsichtsratschef der Elsflether Werft. Die soll das Segelschulschiff der Bundesmarine komplett sanieren.

Elsfleth/Hamburg.  Die Hansestadt Hamburg ist seit alters mit Stiftungen gesegnet. Viele dieser gemeinnützigen Organisationen tun gern Gutes und reden ebenso gern darüber. Die Sky Stiftung gehörte bislang nicht dazu. Doch nun macht sie von sich reden. Denn sie ist Eigentümerin einer veritablen Werft, und in dieser Werft liegt ein zumindest einstmals veritables Schiff: die „Gorch Fock“. Sie ist der „Stolz der Bundesmarine“, Deutschlands „Botschafter der Weltmeere“ – um nur einige der klangvollen Bezeichnungen zu nennen, die den Dreimaster ehren sollen, allerdings auch zur Belastung werden können. Hamburger Anwälte und Unternehmer haben sich jetzt auf den Weg gemacht, um die einst blütenweißen Segel der „Gorch Fock“ von dem Schmutz zu befreien, der sich auf sie gelegt hat: Korruptionsverdacht, dubiose Geldflüsse, staatsanwaltliche Ermittlungen, Insolvenzantrag.

Pieter Wasmuth, Vattenfall-Generalbevollmächtigter für Hamburg und Norddeutschland, hat das Ruder übernommen. Seit Ende Januar ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Elsflether Werft, die seit mehr als drei Jahren an der „Gorch Fock“ herumsaniert. Der Hamburger Steuerberater Jörg Verstl hat ihn ins Boot geholt. Verstl wiederum war kurz vorher von der Hamburger Stiftungsaufsicht als neuer Sky-Chef eingesetzt worden – gemeinsam mit dem Hamburger Rechtsanwalt Stephan Schmanns. Vom Vorgänger in diesem Amt, dem ebenfalls Hamburger Anwalt Marcus R., wird noch zu reden sein.

Extreme Kostensteigerungen

„An einem Sonntagmorgen hat mich Dr. Verstl gebeten, bei der Werft mitzuhelfen“, erzählt Wasmuth. Er überlegt nicht lange. „Die Motivation war die ,Gorch Fock‘“, sagt Wasmuth, „beim Küstenmotorschiff ,Karl‘ hätte ich es wohl nicht getan.“ Die Ausgangssituation war da schon nicht besonders gut – und sie sollte noch schlechter werden. Die Elsflether Werft hatte bereits mehrere Fertigstellungstermine gerissen.

Zudem war es bei der Grundsanierung der „Gorch Fock“ zu extremen Kostensteigerungen gekommen. Statt ursprünglich zehn Millionen Euro soll das Bauvorhaben mittlerweile 128 Millionen Euro kosten. In Berlin machte die Opposition im Bundestag gegen die „Gorch Fock“ mobil. Im Dezember hatte das Bundesverteidigungsministerium einen Zahlungsstopp ausgesprochen. Kurz davor hatte ein Mitarbeiter des Marinearsenals, der die Rechnungen der Werft kontrollierte, eingestanden, von ebenjener Werft ein Darlehen in Höhe von 800.000 Euro bekommen zu haben. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft Oldenburg.

Unter diesen Vorzeichen machten sich Wasmuth und Axel Birk, der neue Geschäftsführer der Werft, an die Arbeit. „Wir stießen auf einen Sumpf“, sagt Wasmuth. Die Firma hatte nicht nur ein Darlehen vergeben. „Vier Werftmitarbeiter hatten ebenfalls Darlehen bekommen. Vertragliche Regelungen dazu gab es nicht“, sagte Wasmuth. „Der Vorstand hat diese Mitarbeiter freigestellt.“

Gute Verbindungen zum Verteidigungsministerium

Auch die ehemaligen Geschäftsführer Klaus W. und Marcus R. stehen im Zwielicht. Auch hier ermittelt die Staatsanwaltschaft. R. machte mehrere Jobs gleichzeitig. Er war nicht nur Chef der Stiftung, die die Anteile der Werft hält, sondern auch noch Testamentsvollstrecker von Brigitte Rohden, der Anfang 2018 verstorbenen Hamburger Eigentümerin der Werft. Diese hatte ihre Anteile der Stiftung vermacht. Marcus R. selbst besaß mehrere Firmen – und soll diesen nun in seiner Position als Werftchef mehrere Kredite genehmigt haben. Er sah in dem Schiffbauer offenbar eine Goldgrube – das Geld floss unter anderem in eine Goldgrube in der Mongolei.

Andere seiner Firmen erwarben angeblich Betriebsgrundstücke von der Werft, die diese dann offenbar für viel Geld zurückpachten musste. Rund 17 Millionen Euro, sagt Wasmuth, seien in dieses Firmengeflecht geflossen. Im Zentrum: eine Firma mit Sitzen in Elsfleth und am Glockengießerwall in Hamburg. „Die Firma hat nach unserem derzeitigen Kenntnisstand 19 Untergesellschaften“, sagt Wasmuth. Eine von ihnen hat ihren Sitz in Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Das Land sei „gesegnet mit Bodenschätzen“, schwärmte R. einmal bei anderer Gelegenheit. Das Abendblatt versuchte ihn gestern zu erreichen – vergeblich.

Der Anwalt hatte stets gute Verbindungen zum Verteidigungsministerium. Er ist Reserveoffizier der Bundeswehr und wurde lange als Reserve-Attaché eingesetzt, machte also Urlaubsvertretungen für Verteidigungsattachés an deutschen Botschaften im Ausland. Eine Vertrauensposition.

Rechnungen über rund 20 Millionen Euro

In Elsfleth hatten die neuen Chefs nun allerdings entschieden den Eindruck, dass man R. nicht vertrauen könne. Wasmuth versuchte, wenigstens einen Teil des Geldes, das an die Firma in Elsfleth und Hamburg abgeflossen war, zurückzubekommen. Es gab mehrere Gespräche mit R. und W., die sich stets von Strafverteidigern begleiten ließen. Am Ende kaufte die Werft die Firma auf – für einen Euro. Möglicherweise ein Akt der Schadensbegrenzung, der R. und W. in einem Gerichtsverfahren einen Vorteil verschaffen könnte.

Doch durch die Darlehen ist die Elsflether Werft in Schieflage geraten. Rechnungen über rund 20 Millionen Euro können nicht beglichen werden. Birk und Wasmuth zogen die Reißleine: Insolvenzantrag. Ein gerichtlich bestellter Sachwalter steht der Werft von nun an zur Seite: der Hamburger Rechtsanwalt Per Hendrik Heerma. Wasmuth hofft, dass das Ministerium den Zahlungsstopp in den kommenden Tagen wieder aufheben wird. Er kämpft um die „Gorch Fock“. „Ich bin überzeugt davon, dass wir das Schiff fertigbauen können“, sagt er. Die Rettung der „Gorch Fock“ – sie könnte aus Hamburg kommen.