Ernährung

Grünkohl: So gesund ist der „Ginseng des Nordens“

Ist von der Wirkkraft des Grünkohls begeistert: Dr. Henning Vollert in seinem Labor in Bad Segeberg.

Ist von der Wirkkraft des Grünkohls begeistert: Dr. Henning Vollert in seinem Labor in Bad Segeberg.

Foto: Andreas Burgmayer

Ein Forscher aus Bad Segeberg entwickelt aus dem Gemüse Präparate gegen Augenleiden, Diabetes, Osteoporose und Schlaflosigkeit.

Hamburg. W ie zu erwarten kennt der Neurobiologe Henning Vollert aus Bad Segeberg jeden schlechten Witz, den sich die Menschen so ausdenken, wenn sie mit Grünkohl-Präparaten konfrontiert werden. „Gröönkohl? Geev dat auch Swiensback, Kassler un Rookwust dorbie?“ Nein, selbstredend nicht. Denn wer den Grünkohl stundenlang im Topf mit salzigem Fleisch und Fett köcheln lässt, kann nicht erwarten, dass die gesundheitsfördernden Inhaltsstoffe des Kohls – das Lutein oder Vitamin K1 – noch in nennenswerten Konzentrationen vorhanden sind.

Vollert sagt, er habe es sich gut überlegt, seinen Job in der Herz-Kreislauf- und Diabetes-Forschung bei einem Pharma-Unternehmen aufzugeben und sich stattdessen als Forscher im wissenschaftlichen Graubereich der Nahrungsergänzungsmittel selbstständig zu machen. Doch es war die Erkenntnis über den Grünkohl und seine Wirkkraft, die ihn das Wagnis eingehen ließ. Vollert ist überzeugt vom „Ginseng des Nordens“, wie er sagt. Ob bei Augenerkrankungen, Hautalterung oder Osteoporose – Grünkohl kann helfen, sagt Vollert. Derzeit erforscht er gemeinsam mit der Universität Lübeck, ob das auch für leichte Schlafstörungen gilt.

Der Hype um das „Superfood Cabbage“ in den USA habe dem Grünkohl in der öffentlichen Wahrnehmung weitergeholfen, sagt Vollert. Ernährungs-Hipster zwischen New York und Los Angeles schlürfen seit Jahren Cabbage-Smoo­thies, kochen Cabbage-Detox-Süppchen und schwören auf das Kohlgemüse, das im Norden immer noch eher mit Oma am Herd, kulinarischen Erlebnissen bei CDU-Ortsverbandstreffen und schwerem Völlegefühl verbunden wird.

Olivenöl entlockt die inneren Werte

Vollert kam zum Grünkohl, weil sein 70-jähriger Vater an Makula-Degeneration erkrankte und plötzlich nicht mehr richtig sehen konnte. Vollert kannte Studien, die belegten, dass Lutein, ein Farbpigment, den Verlauf der Krankheit und das Absterben von Netzhautzellen verlangsamt. „Lutein ist ein Carotinoid und kommt eigentlich in allen Gemüsen vor, besonders in den grünen und ganz besonders im Grünkohl“, sagt Vollert. Auf dem Pharma-Markt findet der Segeberger allerdings nur Lutein-Präparate, die mit giftigen, organischen Lösungsmitteln extrahiert wurden. Sein Forschergeist ist geweckt: Vollert will ein rein natürliches Präparat entwickeln, mit dem Null-Chemie-Status.

Im Labor des Grünkohl-Forschers in einem Privathaus in Bad Segeberg kann man miterleben, wie das geht. Die Lösung wirkt irgendwie simpel und weckt Assoziationen zu einem Teller Spaghetti mit Pesto alla Genovese. In einem großen Stahlbottich hat eine Mitarbeiterin Vollerts gehäckselten Grünkohl mit Oliven-, Raps- und Sanddornöl zu einer frisch-herb duftenden grünen Sauce verarbeitet und füllt diese in verschraubbare Plastikzylinder. Die wiederum landen in einer Zentrifuge, und wenn diese ihr Hochgeschwindigkeitswerk getan und die Schwerkraft gewirkt hat, bleiben in den Zylindern, fein getrennt, Grünkohlwasser mit wertvollen Bitterstoffen, Grünkohlöl mit Lutein und andere die Gesundheit fördernde Inhaltsstoffe wie Karotin, Lycopin und Zeaxanthin, und schließlich am Boden die faserige Grünkohl-Maische übrig.

Pseudowissenschaftliche Präparate

„Aus dem öligen Lutein-Extrakt stellte ich Kapseln zum Einnehmen her. Damit konnte ich meinen Vater behandeln – mit Erfolg“, sagt Vollert. Und zwar so großem, dass die Innovationsstiftung Schleswig-Holstein die Entwicklung des Präparats finanziell unterstützte und die Universität Lübeck Vollert den Innovationspreis verlieh. Klar, dass die Nachricht vom Heil bringenden Grünkohl-Präparat große mediale Kreise zog und Vollert schon im ersten Geschäftsjahr seiner neu gegründeten Firma Bioactiv Food eine schwarze Null in der Bilanz bescherte. 90 Kapseln des Nahrungsergänzungsmittels „Lutex Vision“ kosten 29,90 Euro und verkaufen sich bis heute gut.

Und sofort drängt dem kritischen Geist sich die Frage auf, ob es hier nicht vielleicht nur darum geht: um den schnöden Umsatz mit großmundigen Heilsversprechen, um das Geschäft mit dem Wunsch der Menschen, komplizierte Krankheitsbilder mit simplen Hausmittelchen zu bekämpfen. Zwei Pillen Grünkohl, schlucken und alles wird gut?

Auf dem Markt der Nahrungsergänzungsmittel stehen die Bauernfänger mit Hunderten solcher pseudo-wissenschaftlichen Präparate parat. Genau diese unliebsame Konkurrenz meint Henning Vollert, wenn er von seinen anfänglichen Bedenken gegen den Einstieg in die Branche spricht. „Es gibt sehr viele Scharlatane in meinem Metier, das will ich gar nicht bestreiten“, sagt Vollert. „Genau aus diesem Grund haben Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland ja mittlerweile einen so schlechten Ruf.“ Gleichzeitig würden die Deutschen aber immer noch viel zu wenig Gemüse und Salat essen. „Aber nur so kommen wir an Vitamin D, das der Mensch nicht selber bilden kann. Also sollte man Nahrungsergänzung nicht grundsätzlich verteufeln.“

Es geht um Prophylaxe

Bei der Erforschung und Entwicklung der Grünkohl-Präparate gehe es ihm nicht darum, zu reparieren, sondern anzugreifen, ehe es zu Krankheiten kommt. Prophylaxe also. „Ich habe es nicht nötig, meine Präparate als Wundermittel anzupreisen“, sagt Vollert. Sich schlecht zu ernähren, zu rauchen, zu trinken und sich wenig zu bewegen – dagegen sind Grünkohl-Extrakte und alle Nahrungsergänzungsmittelchen dieser Welt vollumfänglich machtlos. Nur wessen Lebenswandel ohnehin schon positiv ist, darf sich einen zusätzlichen Effekt von Vollerts Präparaten erhoffen.

Und das nicht nur bei den Augen. Henning Vollert hat Grünkohl-Präparate gegen die Hautalterung entwickelt, finanziell unterstützt vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Letzteres fördert auch Vollerts Zusammenarbeit mit den Universitäten in Kiel und Flensburg bei der Entwicklung eines Präparats aus Apfel- und Grünkohl­extrakt zur Bekämpfung von Diabetes (Typ II). Und zum Schutz vor Osteoporose hat der Segeberger Grünkohl mit pasteurisierter Hefe kombiniert.

In seinem neuesten Forschungsprojekt will Vollert mit dem Tausendsassa Grünkohl auf ein riesiges, neues Terrain in der Gesundheitsförderung vorstoßen: die Schlafstörungen, unter denen geschätzt 25 Millionen Deutsche leiden. „Wir nehmen an, dass der Grünkohl die Schlafqualität des Menschen verbessern kann“, sagt Vollert. Der Grünkohl wirke da ganz ähnlich wie Baldrian. Was aber ist erst möglich, wenn man beide kombiniert – zu einem „Baldrian Booster“, so Vollerts Arbeitstitel für das Präparat? „Ich sage nicht, dass man krankhafte Schlafstörungen damit beheben kann. Aber leichte Einschlaf- und Durchschlafprobleme durchaus.“

Der Lebenswandel ist wichtig

Wobei er auch in diesem Fall darauf hinweist: Mittel einwerfen und schlafen ist nicht. „Wer vor dem Schlafengehen zum Beispiel Alkohol trinkt, wird das sofort an der Schlafqualität merken.“ Lebenswandel geht also auch hier vor, das Nahrungsergänzungsmittel unterstützt lediglich. Ob der „Baldrian Booster“ Zukunft hat, testet Vollert über einen Zeitraum von zwei Jahren bis Februar 2020 in Zusammenarbeit mit Professor Klaus Junghanns, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter der schlafmedizinischen Station des UKSH Lübeck. 100.000 Euro gab es für das Projekt aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

„Wir haben 30 Probanden im Alter zwischen 20 und 30 Jahren für eine Studie ausgesucht“, sagt Junghanns. Zurzeit kommen die Probanden einmal die Woche für eine Nacht ins Schlaflabor. „Jeder muss ein Schlafprotokoll erstellen, damit wir seine Schlafgewohnheiten kennenlernen. Wir wollen wissen, was der früheste Zeitpunkt ist, zu dem sie alltags ins Bett gehen“, sagt Junghanns. Im Schlaflabor müssen sie dann eine Stunde vor diesem Zeitraum ins Bett steigen. „Für manche bedeutet das 20 Uhr, für andere 23 Uhr.“ Schlafgewohnheiten sollen so bewusst durchbrochen werden – zusätzlich zum fremden Bett in fremder Umgebung.

Alle Probanden schlucken vor dem Einschlafen Pillen – nach dem Doppelblind-Verfahren. „Sie nehmen mal Placebos, mal Baldrian oder Hopfen, dann Baldrian mit Grünkohl. Sie wissen nicht, was sie nehmen – und wir auch nicht“, sagt Junghanns. Erst nachdem die Auswertungen der Nächte vorliegen, erfahren die Forscher, welcher Proband welches Mittel eingenommen hat.

Nur Ware von Dithmarscher Kohlbauern

Ob Grünkohl sich positiv auf den Schlaf auswirkt, erkennen die Forscher daran, wie schnell die Probanden von der Schlaf-Phase 1 (wegdösen) über die Phase 2 (flacher Schlaf und grübeln) in die Phase 3 (REM-Tiefschlaf) gelangen. Henning Vollert sagt, man müsse dazu Gehirnwellen messen. „Morgens sorgen Alpha-Wellen für entspannte Wachheit. Abends sollten es Delta- oder Tetra-Wellen sein.“ Baldrian und Grünkohl sorgen seiner Ansicht nach für die richtige Schwingung. „Gerade für Menschen, die im Schichtbetrieb arbeiten, könnte der Baldrian-Booster eine echte Hilfe sein, um seinen Schlafrhythmus zu verbessern“, sagt Professor Junghanns. Erste Ergebnisse aus dem Schlaflabor werde es Anfang 2019 geben.

Während in Lübeck die Probanden schlummern, herrscht in Henning ­Vollerts Labor in Bad Segeberg Hochbetrieb. Jetzt wird der Grünkohl geerntet, und Vollert produziert seinen Grünkohl­öl-Vorrat für kommende Monate. Er bezieht ausschließlich Ware in Bio- und Demeter-Qualität. Etwa von Bauer Jan Groth aus Schülp in Dithmarschen. „Der Kohl aus Dithmarschen hat besonders viel Karotin, den verwenden wir hauptsächlich für die Kosmetik-Produkte. Aber ich beziehe auch welchen aus Horst bei Elmshorn – der hat viele wertvolle Bitterstoffe.“ Apropos Bitterstoffe.

Der Volksmund sagt ja, mit dem Gröönkohl kummt de Tofredenheit int Hus – na den eersten Frost! Vollert seufzt: „Herrjeh, das muss ich mir auch dreimal am Tag anhören. Nein, Frost spielt keine Rolle. der sorgt nur dafür, dass Zucker im Kohl entsteht und die Bitterstoffe geschmacklich ausgleicht.“ Für die Gesundheit ist Grünkohl in all seinen Wachstumsstadien ausgezeichnet.