100 Fragen des Lebens

Was ist gesund?

Experten beantworten Fragen. Teil 4: Was ist gesund? Von unsinnigen Superfoods, teurem Urin und den Tricks der Lebensmittel-Industrie.

Die beiden passen hervorragend zusammen: Der eine mag nur die roten und blauen Gummibärchen, der andere isst ausschließlich die gelben. „Dann machen wir uns ja keine Konkurrenz“, sagt Prof. Klaus-Michael Braumann (68) vor unserem Gespräch zu Prof. Sascha Rohn (44). Beide Mediziner wissen eigentlich genau, dass Gummibärchen Gift sind, aber sie können auch erklären, warum wir alle sie dennoch essen. Außerdem erzählen sie, dass Topfpflanzen, Erbsen und Schweiß unser Leben verlängern, womit wir uns vergiften, wie wenig Kalorien beim Sport verbrannt werden, weshalb wir an Pillen glauben, warum manche Ärzte keine EKGs mehr lesen können, wo man Waldbaden praktiziert, und dass man Sex ruhig als Bewegungsritual in den Alltag einbauen sollte.

Gesund essen, nicht rauchen, wenig Alkohol, regelmäßig Bewegung und gut schlafen – warum weiß nicht längst jeder, wie man gesund lebt?

Professor Sascha Rohn: Ich glaube, es ist tatsächlich einfach, aber das Einfache ist dem Menschen oft zu einfach, und das Komplizierte ist ihm zu kompliziert. Viele Leute sind zufrieden so, wie sie leben – und sich dann verändern zu lassen nach den Regeln irgendwelcher Wissenschaftler oder anderer Experten, dafür muss man seinen inneren Schweinehund erst einmal überwinden.

Prof. Klaus-Michael Braumann: Es gibt so etwas wie die kognitive Dissonanz. Man weiß eigentlich, was man machen müsste, aber man macht es nicht. Der Leidensdruck ist bei vielen Menschen auch nicht groß genug, denn viele Krankheiten tauchen erst später auf. Ich merke das immer wieder, wenn ich mit jungen Menschen spreche und sie darauf hinweise, was bei ihrem Lebenswandel passieren kann, wenn sie Mitte 50 sind. Diese Zeiträume liegen außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

Die Studie „Zukunft Gesundheit“ hat gezeigt, dass das Gesundheitswissen der Deutschen schlecht ist. Wo sind die größten Lücken?

Rohn: Die Lücken sind nicht so groß, es hapert einfach an der Umsetzung. Daran scheitern viele Menschen wie an den guten Vorsätzen. Jeder hat sie, und jeder möchte sie umsetzen, aber wie lange man das durchhält, das steht auf einem anderen Blatt.

Braumann: Es mangelt an einer adäquaten Kommunikation, diesem Problem müsste man sich auch in der Medizinerausbildung einmal widmen. Es gilt, komplexe Sachverhalte verständlich zu vermitteln. Ich bekomme immer ein Fremdschämen, wenn an sich gute Ratschläge von Ärzten auf einem verschwurbelten Niveau stattfinden, anstatt sie klar zu formulieren. Diese Verständlichkeit scheint schwierig, darum hakt es.

Rohn: Wir als Lebensmittel- und Ernährungsexperten finden eigentlich selten Gehör, denn jeder ist sein eigener Experte, jeder muss essen und trinken und glaubt, mitreden zu können.

Wir Verbraucher hören also nicht gut genug zu?

Rohn: Ganz genau. Wir glauben an unsinniges gefährliches Fett und Legenden über Superfoods. Ich beobachte häufig eine Diskrepanz: Leute, die viel rauchen, sorgen sich trotzdem darum, ob da zu viel Fett in ihrer Salami ist. Ein seltsames Risikobewusstsein. Die Leute fürchten sich vor Pestiziden, Zusatzstoffen und Farbstoffen, ihre Lebensmittel­hygiene in der eigenen Küche ist aber mangelhaft. Da wird das rohe Fleisch neben dem rohen Salat zubereitet. Arbeitsfläche und Utensilien müssen unbedingt sauber gehalten werden. Wenigen scheint bewusst, dass Salmonellen und Listerien nicht nur Durchfall erzeugen, sondern in manchen Fällen tödlich sein können.

Das klingt ja dramatisch, ich kann mich zu Hause also selbst vergiften?

Rohn: Allerdings. Und das sollte im Bewusstsein der Verbraucher präsent sein.

Braumann: Die Diskrepanz im Risikoverhalten erlebe ich ebenfalls häufig. Für mich ist das so, als würde man jeden Tag sein Auto hübsch polieren, dabei fallen die Räder unten schon ab. Das Tuning an Feinteilen bringt einfach nichts.

Kann das etwas damit zu tun haben, dass wir unser Körpergefühl verloren haben? Fast 50 Prozent aller Patienten, die in eine Arztpraxis kommen, haben nicht das, was sie glauben zu haben.

Braumann: Das verlorene Körpergefühl erkennt man schon im Straßenbild. Menschen können gar nicht so übergewichtig werden, wenn sie ein intaktes Körperbild hätten. Da würde man rechtzeitig intervenieren. Für mich scheint es schwer vorstellbar, mich so gehen zu lassen.

Rohn: Unsere allgemeine Trägheit und Bequemlichkeit sind schuld. Warum sollte ich meinen Lebensstil ändern, wenn ich glaube, alles durch eine Pille kompensieren zu können? Wir lieben diese Wunschvorstellung, weiter sündigen zu dürfen wie bisher dank einer Kompensationstablette. Die passt gut zu unserem schnellen Lifestyle. Auch interessant: In unserer Gesellschaft sind wir so schnell unterwegs, aber Bewegung und Schnelligkeit sind leider zwei verschiedene Paar Schuhe.

Braumann: Ich bekomme dafür zwar Ärger mit befreundeten Ernährungswissenschaftlern, aber ich vertrete die These: Man kann essen, so viel man will, solange man sich bewegt.

Rohn: Wir Ernährungswissenschaftler unterstützen diese These.

Aber das kann doch nicht stimmen. Wenn ich mir Nudeln, Eis und ein Glas Rotwein reinschiebe und anschließend eine halbe Stunde schwimmen gehe, dann habe ich das niemals ausgeglichen. Ich sehe im Fitnessstudio auf den Cardiogeräten ja genau, wie schmerzlich wenig Kalorien in einer Stunde verbrannt werden.

Braumann: Unser Körper ist eben ökonomisch exzellent. Das kann frustrierend sein. Sie müssen 20-mal um die Alster laufen, um ein Kilo Fett zu verbrennen. Durch Spaziergänge allein wird man nie abnehmen.

Rohn: Wir reden hier tatsächlich über harte körperliche Anstrengung. Ich will nicht bis zu den Jägern und Sammlern zurückgehen, aber früher hatten die Leute ein Tagespensum von 40 Kilometern.

Also jeden Tag ein Marathon, dann darf ich mal eine Pizza essen.

Rohn: Sogar zwei.

Wann gilt man offiziell als dick?

Braumann: Ab einem BMI von 25 gilt man per medizinischer Definition als übergewichtig, aber Sie müssen gar nicht groß rechnen: Wenn Sie nicht mehr bequem in den Flugzeugsitz passen, dann sind Sie zu dick. In Ländern, in denen sich durch technologische Entwicklung körperliche Arbeit schnell reduziert hat, gibt es die meisten Probleme. In der arabischen Welt beispielsweise explodiert das Übergewicht, es ist sehr schwer, diese Patienten davon zu überzeugen, dass sie kein Pfund Reis am Tag mehr essen müssen. Übergewichtig muss aber nicht zwangsläufig krank bedeuten, wenn eine gewisse körperliche Grundfitness erhalten bleibt. Dann gilt: Lieber fett und fit als schlank und schlapp.

Gehen Gesundheit und Glück Hand in Hand, oder gilt nur die Parallele: nicht gesund gleich nicht glücklich?

Braumann: Unser Glücksgefühl wird durch Krankheit nicht zwangsläufig beeinträchtigt. Es gibt viele Menschen, die nicht gesund sind und quietschvergnügt leben.

Rohn: Ich würde sogar sagen, dass der Gesundheitsdruck, das allgemeine Schönheitsideal, uns oft suggeriert, wir seien nicht gesund genug und zu wenig aktiv. Vor Jahren gab es beispielsweise das Krankheitsbild Orthorexie noch nicht. Ein Orthorektiker fürchtet, nicht gesund genug zu essen. Er wird zum Ernährungsfanatiker, und das kann wiederum sehr unglücklich machen.

Leiden wir unter einem Optimierungswahn?

Rohn: Ganz genau. Dabei gibt es drei einfache Regeln: gesunde Ernährung, viel bewegen, auf seinen Körper hören. Klingt so einfach, hält sich aber niemand dran. Nehmen Sie mich selbst: Ich würde mich auch gern mehr bewegen, aber der Arzt ist immer sein schlechtester Patient. Ich weiß genau, wie es besser geht, dennoch will ich auf die Gummibärchen am Abend ungern verzichten.

Das heißt ja: Alles Wissen nützt nichts, denn der innere Schweinehund gewinnt jeden Kampf.

Braumann: Leider. Der Transfer des Wissens und die Motivation, dieses Wissen umzusetzen, gehen selten Hand in Hand gehen. Wie man einen Zugangsweg zu unserer Motivation findet, darüber streiten sich die Experten. Wer diesen Weg entdeckt, der erhält mit Sicherheit einen Preis.

Müsste man dann nicht so früh wie möglich ansetzen und zum Beispiel an Schulen das Fach Gesundheit einführen?

Braumann: Selbstverständlich wäre das hilfreich, aber fangen Sie ruhig eher an: Sehen Sie sich die Situation in den Kindergärten an. Da gab es eine Studie in München, die das Ernährungsverhalten der Bezugspersonen untersuchte: 60 Prozent der Erzieher hatten einen BMI von über 30, diese übergewichtigen Personen dienen als Vorbild für Drei- bis Sechsjährige, nicht gerade ideal.

Werden Singles öfter krank, oder weniger überspitzt gefragt: Helfen Beziehungen beim Gesundbleiben?

Rohn: Jein. Wenn man als Paar eine gemeinsame Leidenschaft fürs Kochen pflegt, dann könnte das auch dazu führen, im Alltag zu viel zu essen. Stimmt man sich aber in einer Beziehung über das Ernährungsverhalten und den Einkauf ab, dann geht man mit dem Thema bewusster um als ein Single, der häufig von der Hand in den Mund lebt.

Braumann: Der eine kann der Coach des anderen sein. Dafür bedarf es keiner Liebesbeziehung. Es hilft, sich mit Freunden zu verabreden und eine Art Zielvereinbarung zu machen: Wir laufen drei Stunde pro Woche zum Beispiel. Das wäre ein kleiner, extrem effektiver Trick. Neben der Gruppendynamik spielt die Ritualisierung eine große Rolle. Gerade bei Menschen, die viele Termine haben. Die sollten den Sport von vornherein in ihre Wochenplanung einbauen, sonst wird das nichts. Man würde immer den Bewegungstermin zugunsten eines vermeintlich wichtigeren Jobtermins streichen. Gucken Sie mal in Managerseminaren, wer unter all den Gestressten ganz entspannt dasitzt. Das sind immer die, die ein Sport-Ritual pflegen. Man darf die Wettkampfsituation im Berufsleben nur nicht ins Fitnessstudio verlagern, das wäre kontraproduktiv. Wer einmal am Tag schwitzt, der lebt auf jeden Fall gesünder und wird 100 Jahre alt, sagt eine alte Bauernregel. Aber auch ein 15-minütiger Spaziergang täglich kann die Sterblichkeitsrate um mehr als 30 Prozent reduzieren.

Ein Bewegungsritual könnte ja Sex sein.

Braumann: Mit Sicherheit hat Sex positiven Einfluss auf unsere Gesundheit, denn dadurch wird der für die Regeneration verantwortliche Teil des vegetativen Nervensystems, der Parasympathikus, stimuliert. Guter Sex ist also ein wichtiges Mittel, um zu entstressen.

Rohn: Wer allerdings denkt, er könnte damit Kalorien verbrennen, den muss ich enttäuschen. Sex ist kaum anstrengend. Dennoch sage ich: besser ja als nein. Sex kann eine Ritualisierung sein – so wie ein gutes Frühstück. Wer ausreichend frühstückt, der nimmt im Laufe des Tages nicht mehr so viele Kalorien zu sich.

Diese These widerspricht dem gerade so modernen Intervallfasten, bei dem ich 16 Stunden faste und so möglichst erst mittags mit dem Essen beginnen soll.

Rohn: Diese Diätgeschichten sind alle unsinnig, weil sie entweder unsere Rituale tangieren und somit auf Dauer kaum durchzuhalten sind oder den Blutzuckerspiegel aus dem Gleichgewicht bringen. Der steigt nämlich mittags extrem an, wenn man vorher stundenlang nichts gegessen hat. Wir nennen das den Second-Meal-Effekt: Die zweite Mahlzeit des Tages wirkt sich nicht mehr so drastisch auf den Blutzuckerspiegel aus, wenn man ein gesundes Frühstück hatte.

Braumann: Ich empfehle Spiegeleier und Bacon zum Frühstück – dann haben Sie bis 16 Uhr keinen Hunger mehr. Es ist erwiesen, dass das Hungergefühl durch das Protein gedämpft wird.

Das überrascht mich jetzt ziemlich, dass Bacon gesund sein soll …

Braumann: Eine der größten Ernährungs-Mythen ist, dass Fett fett macht. Es handelt sich hier um einen bis heute nachwirkenden Effekt der amerikanischen Weizen-Lobby, die in den 1960er- und 70er-Jahren mit großen Kampagnen die Fettverteufelung an die Wand malte, um ihre Getreide-Überproduktion zu verkaufen. Eine weltweite Gehirnwäsche war das. So haben wir ein völlig falsches Feindbild bekommen.

Rohn: Letztendlich geht es aber um die Gesamt-Energiebilanz. Ich würde eher auf pflanzliche Proteine setzen, also zum Beispiel Quark anstatt Speck frühstücken. Ein großes Problem stellen meiner Meinung nach die Softdrinks dar, die extrem viel Zucker enthalten. Schauen Sie mal, wie viele Übergewichtige die USA haben. Dort wurden die Softdrinks jetzt zum Glück an den Schulen verboten.

Braumann: Ich plädiere nicht nur für ein Verbot an Schulen, sondern für eine allgemeine Zuckersteuer. Die hat in anderen Ländern nachweislich viel gebracht. Sobald dort Softdrinks teurer wurden, gab es weniger dicke Kinder. Das bei uns in Deutschland durchzusetzen ist leider schwer, unsere Lebensmittel-Lobby würde heftig opponieren.

Aber auch Lobbyisten haben Kinder.

Rohn: Die trinken Wasser. Von Verboten und Verbannung halte ich nicht viel. Wenn ich es an einem Schulkiosk schaffe, auch andere, gesunde Dinge anzubieten, dann wird sich der Konsum der ungesunden Produkte auf Dauer von alleine reduzieren.

Ihr Wort in Gottes Ohr, Herr Rohn. Aber als Mutter kann ich Ihnen sagen: Wenn meine Kinder zwischen Wasser oder Fanta wählen dürften, dann würden sie sich immer für die klebrige Plörre entscheiden.

Braumann: Die schmeckt ja auch besser.

Rohn: Dennoch: Alles schlechtzumachen hilft nicht, das verunsichert den Verbraucher. Am Ende landen wir bei Wasser und Brot, das ist doch eine Bestrafung. Da möchte ich mich gegen verwahren, damit geht die Motivation, Produkte wie Wasser, Obst und Gemüse zu konsumieren, den Bach runter, weil sie für die Kinder wie ein Zwang rüberkommen. Cola wird so nur noch attraktiver.

Manche Lebensmittel sind derzeit eher Wundermittel. Fischöl hat eine antientzündliche Wirkung, Kokosöl hilft gegen Alzheimer, Chiasamen gegen alles. Halten die Superfoods ihre großen Versprechungen?

Rohn: Wir vergessen über diese Trends, dass wir viele Superfoods und -­fruits im eigenen Land haben, die reich sind an Vitaminen, Ballaststoffen und sekun­dären Pflanzenstoffen. Äpfel, Kohl, viele regionale Produkte, aber das sehen die Leute nicht, weil es für sie hausbacken ist. Wir arbeiten gerade am Revival der heimischen Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen und Linsen. Da fällt den meisten Leuten nur Erbsensuppe ein, dabei gibt es so viele Varianten und Rezepte.

Brauche ich Nahrungsergänzungsmittel?

Rohn: Die bringen aus unserer Sicht gar nichts. Die sind überdosiert und können so gar nicht von unserem Organismus aufgenommen werden. Die nutzlosen Pillen werden wieder ausgeschieden, das nennen wir Experten einen teuren Urin. Viel hilft nicht viel. Mit fünf Vitamin-C-Tabletten werden Sie eine Erkältung ganz sicher nicht abwenden.

Aber Vitamin D wird von den meisten Kinderärzten dringend empfohlen!

Rohn: Der Vitamin-D-Mangel stellt bei der geringen Lichtzufuhr in unseren Breitengraden und unseren Bürojobs tatsächlich ein Problem dar. Vitamin D spielt eine wesentliche Rolle bei der Regulierung des Kalzium-Spiegels im Blut und beim Knochenaufbau. Ein Mangel führt mittelfristig bei Kindern zu Rachitis, deshalb würde ich da durchaus auch zur Supplementierung tendieren. Jedoch immer in Absprache mit einem entsprechend ausgebildetem Arzt.

In Japan und Südkorea gehört Shinrin-Yoku zu einem festen Bestandteil der Gesundheitsvorsorge, also das Waldbaden. Müssen wir alle mehr raus in die Natur? Dann könnten wir uns das Vitamin D ja auch sparen ...

Braumann: Unbedingt, gar keine Frage. Es gibt Studien, die beweisen, dass allein die Anwesenheit einer Zimmerpflanze unseren Stress reduziert. Gerade in einem Ballungszentrum wie Hamburg muss man häufiger mal raus in den Stadtpark oder ins Niendorfer Gehege. Und stellen Sie sich dabei nicht die Frage, ob Ihnen das überhaupt gefällt. Was gesund ist, muss nicht immer Freude bereiten. Jeder putzt sich ja auch die Zähne, obwohl es keinen Spaß macht. Laufen oder joggen gehen muss Ihnen nicht gefallen, machen Sie es einfach. Würden wir es schaffen, nur einen geringen Prozentsatz der circa 60 Millionen „Kinesiophobiker“ in unserem Land, also diejenigen, die eine Scheu davor haben, sich zu bewegen, vom Sofa runterholen, dann würde unser ganzes Gesundheitssystem davon profitieren.

Würden die Kosten erheblich reduziert?

Braumann: Allein in Bezug auf Diabetes schwanken die Zahlen zwischen Ersparnissen von sechs bis 60 Milliarden Euro im Jahr. Da würden so viele Gelder für die Prävention frei, zurzeit sind nur jämmerliche acht Euro pro Versicherten pro Jahr dafür vorgesehen. Die Politik fordert und fördert die Prävention zwar immer, aber wenn es um die Umsetzung geht, mogeln sich alle weg.

Könnten die Krankenkassen nicht die Versicherten unterstützen, die ein Gesundheits-Armband tragen und so durch ihre digitale körperliche Überwachung beweisen, wie viel sie sich bewegen?

Braumann: Die ersten Kassen beginnen bereits damit, und ich würde mich nicht wundern, wenn es in Zukunft Tarife gibt, in denen die körperliche Fitness einen Bonus darstellt. Wir haben in Deutschland die sinnvolle Solidargemeinschaft, aber viele körperlich Aktive fragen sich, warum sie andere, die sehenden Auges in die Katastrophe stürzen, mitfinanzieren sollen. Wir als Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention halten Belohnungssysteme für sehr sinnvoll. Wer müde aus dem Büro kommt und von der Kasse aber am Ende des Jahres vielleicht 30 Euro erhält, wenn er regelmäßig zum Rücken-Kurs geht, der rafft sich doch noch auf. Dieser kleine Betrag macht einen Unterschied, er ist wie der berühmte Schmetterlingsschlag, der eine instabile Klimasituation in die eine oder andere Richtung beeinflusst.

Apropos Schmetterling: Hat es einen Einfluss auf unsere Gesundheit, ob wir in einer Stadt oder auf dem Land leben?

Braumann: Das Landleben stellt nicht die heile Welt dar, denken Sie mal an das Glyphosat auf den Feldern. Bei den toxischen Belastungen gibt es gar keine großen Unterschiede zwischen Stadt und Land. Von einem Städteplaner habe ich übrigens gelernt, dass man manchmal dort, wo man auf gute Luft hofft, das Gegenteil erfährt. Geht man abends in den Stadtpark, hat man dort die schlechteste Luft, weil die tagsüber über der warmen Stadt aufgestiegene Luft mit allen Schmutzpartikeln über dem kühlen Wald und Park abkühlt und runterfällt. Der ganze Dreck kommt abends in den Grünanlagen der Städte runter.

Also ab jetzt nur noch morgens joggen!

Rohn: Oder drinnen im Studio. Der Einfluss von Umweltfaktoren ist noch nicht so ganz belegt. Aber natürlich kann es nicht so gesund sein, an einer viel befahrenen Straße zu laufen. Ich finde die Alsterrunde mit den vielen Verkehrsampeln, wo immer viele Autos stehen, ohnehin nicht so ideal. Sie müssen zu sehr aufpassen, es gibt häufig Gedränge, und dann kommt es zu Verletzungen.

Früher hieß es Behandlung, heute sagt man Therapie. Stimmt es, dass bei Verletzungen und Krankheiten viel seltener physisch untersucht wird, obwohl der Körperkontakt auch wichtige Informationen vermitteln würde?

Braumann: Ich will keine Kollegen anschwärzen, aber bestimmte Untersuchungstechniken werden gar nicht mehr durchgeführt. Anstatt den Patienten mal genau zu untersuchen, wird er gleich zum Röntgen geschickt. Das ist eine Folge des technologischen Fortschritts.

Durch den kann ich mich mittels Gesundheits-Apps aber auch selbst untersuchen.

Rohn: Bei den digitalen Hilfsmitteln besteht die Gefahr, dass die Paranoia den Nutzen überlagert. Blutdruck beispielsweise kann man gut selbst kontrollieren. Ist der Blutdruck aber mal zu hoch, fürchtet man gleich den Herzinfarkt und hat natürlich keinen Arzt als Ansprechpartner in der Nähe. Man verfällt in Ängste, die kontraproduktiv sind.

Braumann: Die zu starke Fokussierung auf den eigenen Körper kann zu einer Manie werden. Dr. Internet ist sehr informativ, die Anspruchshaltung der Patienten hat sich dadurch geändert, und sie reagieren kritisch, wenn sie merken, dass ein Arzt ein Gebiet nur wenig beherrscht. Es gibt bei der Ausbildung der Ärzte allerdings eine extrem hohe Spezialisierung in immer kleinere Teilbereiche – jeder möchte mit seinem Problem natürlich auch von der ausgewiesensten Spezialistin behandelt werden. Das kann dann unter Umständen dazu führen, dass ein Arzt ein EKG verkehrt herum hält, weil er so etwas in seiner klinischen Ausbildung nie mehr gelernt hat.

Die 100 Fragen des Lebens: Warum gibt es Kriege? Im Podcast

Das beunruhigt mich jetzt ein wenig.

Braumann: Auf der anderen Seite können Sie sicher sein, dass Sie bei einer bestimmten Krankheit von dem Super-Top-Spezialisten behandelt werden. Aber wenn sie etwas anderes haben als das, was der Spezialist gelernt hat, bekommen Sie möglicherweise fatale Pro­bleme. Es gibt keine Generalisten mehr.

Die persönliche Arbeitszufriedenheit steht in direktem Zusammenhang mit der eigenen Gesundheit: Ein sinnloser Job kann krank machen, Überforderung ebenfalls. Wie geht es Ihnen persönlich in Ihrem Beruf?

Rohn: Ich kann sehr selbstbestimmt und selbstorganisiert arbeiten. Ich mache mir meine Termine selbst, das ist sehr freiheitlich, dadurch setzt eine gewisse Entspannung in meinem Körper ein.

Braumann: Arbeit hat einen großen Einfluss auf unseren Körper. Wer permanent überfordert ist, entwickelt ein hohes Risiko für einen Herzinfarkt, egal ob er die Anforderungen von außen bekommt oder sich selbst stellt. In puncto Ernährung funktioniert die Stressbewältigung bei den Menschen unterschiedlich: Die einen sind Stress-Esser, die anderen stellen das Essen unter Druck ein. Ich beobachte das häufig bei den Studierenden vor Prüfungen.

Haben Sie beide eigentlich viel Stress? Die Arbeitszufriedenheit spielt immerhin eine entscheidende Rolle, ob jemand gesund bleibt oder nicht.

Rohn: Da ich mir meine Arbeit sehr frei und selbstbestimmt einteilen kann, wirkt sich das tatsächlich auf meine körperliche Verfassung aus, ich bin meistens entspannt.

Braumann: Wir Hochschulprofessoren sind in dem Punkt sehr privilegiert. Eigentlich dürften wir nie krank werden.

Ich danke Ihnen für das Gespräch. Darf ich Sie jetzt in unserem Bistro auf eine Erbsensuppe einladen?

Schweigen.

Die Wissenschaftler der Universität Hamburg

Sascha Rohn ist seit 2009 Professor für Lebensmittelchemie an der Universität Hamburg. Der 44-Jährige war Mitglied des Präsidiums der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und übernahm 2015 das Amt des Vorstandsvorsitzenden des Instituts für Lebensmittel- und Umweltforschung e. V. (ILU) in Nuthetal/Potsdam, sein Schwerpunkt ist die angewandte Lebensmittelforschung. Rohn pendelt viel zwischen Berlin und Hamburg. Er ist Tennisspieler und – na klar – kocht sehr gerne.

Klaus-Michael Braumann ist seit 1993 Professor für Sportmedizin an der Universität Hamburg. Er leitet das Institut für Bewegungswissenschaft und ist Dekan der Fakultät für Psychologie und Bewegungswissenschaft. Seit 2012 ist der 68-Jährige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP). In der NDR-Sendung „Die Ernährungs-Docs“ zeigt Braumann regelmäßig, wie man mit Bewegung besonders chronische Krankheiten auch heilen kann.