Tinnum

Sylter Whisky aus dem Watt: Aroma aus Meerwasser und Wind

Christoffer Bohlig und René Bobrink sind stolz auf die ersten
Jahrgänge ihres „Sylter Tide Whiskys“

Christoffer Bohlig und René Bobrink sind stolz auf die ersten Jahrgänge ihres „Sylter Tide Whiskys“

Foto: Simone Steinhardt

Drei Anbieter auf Sylt produzieren die Spirituose. Die Eichenfässer, in denen der „Sylter Tide Whisky“ reift, lagern irgendwo im Watt.

Tinnum.  Die Whisky-Fässer sind ein bisschen wie René Bobrinks Kinder. Ständig macht er sich Sorgen um sie. Vor allem bei Sturm. Denn: Die Eichenfässer, in denen der „Sylter Tide Whisky“ reift, lagern irgendwo im Watt. Wo genau, das wollen die Erzeuger René Bobrink und Christoffer Bohlig nicht preisgeben – aus Angst vor Dieben. Mit ihren Partnern von der Destillerie „Blaue Maus“ haben die Männer Neuland betreten. „Wir wollten wissen, was passiert, wenn wir den Whisky im Meer reifen lassen“, so René Bobrink.

In Schottland und Irland, der „Wiege des Whiskys“, hat die Reifung am und im Meer Tradition. Die Lagerhäuser der Brennerei „Laphroaig“ auf der schottischen Insel Islay etwa liegen direkt am Meer und werden bei hohem Wellengang vom Wasser umspült. Das salzhaltige Wasser sowie die jodhaltige Luft sollen für den Geschmack verantwortlich sein. Hierzulande ist die Whisky-Reifung im Meer indes einzigartig, so ein Sprecher des Verbands Deutscher Whiskybrenner. Der Tide Whisky reift vier Jahre in den Kellern der Destillerie, bevor er auf Sylt für weitere sechs Monate den Gezeiten überlassen wird.

Der Reifeprozess ist mehr als ein Marketinggag

Für Bohlig und Bobrink ist der Reifeprozess ihres Whiskys mehr als ein Marketing-Gag. „Die Fässer sind permanent Sonne, jodhaltiger Luft und Wasser ausgesetzt. Darauf reagieren sie, und darauf reagiert auch der Whisky“, erklärt René Bobrink. Die Reifung in Neptuns Reich wirkt auf Gaumen und Nase. Bei einer Verkostung des ersten Jahrgangs 2015 notiert Whisky-Expertin Julia Nourney: „(…) Dieser Whisky macht seinem Namen alle Ehre, denn es paaren sich sonnige, weiche Noten mit salzigen Meerwasser-Aromen.

Die Beeinflussung durch das Finish auf dem Meeresgrund ist eher subtil und integriert sich hervorragend ins Gesamtbild.“ Abgefüllt wird in Flaschen, die zuvor ebenfalls im Meer versenkt waren. „Darauf setzen sich dann Seepocken, auch mal ein Seestern oder Muscheln, fest. Jede Flasche ist ein Unikat“, freut sich René Bobrink. Zweimal im Jahr wird abgefüllt, rund 350 Flaschen à 0,5 Liter pro Charge. „Das Endziel sind 1000 Flaschen“, so Bobrink.

Eigens einen Kutter gekauft

Der Sylter Weinhändler Alexander Sievers begann 2012 mit der Produktion eines Sylt-Whiskys. Seinen „Crannog“ stellt er mit der Gerste eines Kampener Bauern sowie Wasser aus der Sylt-Quelle her. „2015 sprach mich dann Anton Stetter von der Brennerei „Slyrs“ auf die Produktion eines Sylt-Whiskys an“, erzählt Alexander Sievers. Bei der Reifung des sogenannten Sild-Whiskys „Edition Crannog“ setzen die Männer auch auf die Kraft der Bewegung.

Dafür haben Sievers und seine Partner eigens einen Kutter gekauft, der permanent im Lister Hafen liegt: den 70 Jahre alten Zweimaster „The Angels Share“. „Durch die Bewegung fließt der Whisky am Holz entlang, das Fass gibt Geschmack ab“, so Sievers. Der Whisky lagert in verschiedenen Holzfässern, „in jedem Fass entstehen eigene Aromen. Was da rauskommt, ist eine Überraschung“, so Sievers. Die drei Jahre Reifezeit sind fast vorbei. Im Dezember steht der erste Jahrgang in den Regalen. Etwa 2000 Flaschen à 0,7 Liter umfasst die Erst-Produktion.

Salz als Geschmacksverstärker – das ist das Rezept des Unternehmer-Quartetts der Sylter Trading GmbH. „Wir wollten etwas nach dem Vorbild der schottischen Destillerien machen“, sagt Gesellschafter Thomas Welsow. Mit seinen Partnern philosophiert er darüber, was wohl passiert, wenn man Whisky mit Meerwasser versetzt. Lange wird mit dem Brennmeister einer westfälischen Destillerie am perfekten Mischungsverhältnis getüftelt. Das veredelte Destillat lagert in einem Kontor in Rantum.

Verschiedene Fasssorten

Die Männer benutzen verschiedene Fasssorten, in denen zuvor Sherry, Bourbon, schottische Whiskys und französischer Weißwein reiften. Zudem arbeiten sie mit einem unabhängigen Whisky-Abfüller zusammen. „Gute Fässer sind zu über 50 Prozent entscheidend im Reifeprozess. Doch ob das, was am Ende dabei herauskommt, gut ist oder exzellent, weiß man vorher nicht“, sagt Welsow.

Spannend bleibt es bis November 2017: Dann ist der erste Jahrgang des „Trader“-Whiskys fertig. 50 Fässer á 120 Liter werden produziert. Die Vorstufe des Trader, den sogenannten New Spirit, kann man bereits verkosten. Für zart Besaitete ist das nichts: Die Spirituose hat einen Alkoholgehalt von über 63 Prozent.