Wie sich Bad Bevensen neu erfindet

Stadt in der Heide wird zur bevorzugten Adresse für Ältere. Schon jeder Dritte ist über 60 Jahre alt.

Bad Bevensen. Rechts und links rotes Pflaster, in der Mitte eine Bahn grauer Steine. Einzig die Gosse könnte zur Stolperfalle werden in der Fußgängerzone von Bad Bevensen. Aber selbst die Abflussrinne für Regenwasser ist so flach, dass sie nicht zum Hindernis für Rollatoren werden kann. Alles ist hier auf die Bedürfnisse der Zuzügler ausgerichtet: Bad Bevensen wird zur „Sun City des Nordens“.

Sun City, die eigens für Senioren angelegte Stadt im US-Bundesstaat Arizona, wartet mit übergroßen Verkehrsschildern auf, abgeflachten Bordsteinkanten, breiten Straßen und viel Grün – das vorgeschriebene Mindestalter liegt bei 55 Jahren. So weit geht man in der Heide freilich nicht. Mit medizinischer Überversorgung, Parks und ebenen Spazierstrecken kann aber auch der Kurort dienen.

45 Minuten Zugfahrt ohne Umsteigen von Hamburg, zwischen Elbe und Lüneburger Heide, mausert sich der Ort zum Seniorenmekka. Noch vor wenigen Jahren definiert durch Fachkliniken und Therme, wandelt sich das Bad zur bevorzugten Adresse für Ältere. Die Stadt wird zur Wahlheimat von immer mehr Rentnern, die den Ort bisher nur von Kuren oder Urlauben kannten. Eine von ihnen ist Jutta Hiereth. Es ist Frühsommer, als sich die 67-Jährige auf die wohl letzte Suche ihres Lebens macht. Die Suche nach einem Zuhause, von dem aus sie alle Erledigungen zu Fuß erledigen kann und aus dem sie nicht mehr auszuziehen braucht.

Gefunden hat sie es bei einem Tagesausflug. Die Sonne scheint an diesem Tag auf die weißen Gefache des Häuschens mit den zwei Kopflinden vor der Tür. „Es wirkte alles wie im Alten Land“, erzählt die Lüneburgerin mit neuer Wahlheimat Bad Bevensen. „Und dann entdeckte ich zum Glück das Maklerschild.“

1608 erbaut, ist das Denkmal mit den zwei Adressen neben dem direkten Nachbarn das älteste Haus der Stadt – 1811 hatte ein Brand fast den gesamten Ort zerstört. Zwei Adressen, weil über der Tür zwei Hausnummern stehen: die 113 als 113. Haus des Dorfes und die 1 aus zeitgenössischer Zuordnung.

Jutta Hiereth kramt in ihrer Stofftasche. Sie geht nur noch mit Stofftasche in das entkernte Haus – Lehm lässt sich nicht vom Leder pulen, hat sie schnell gelernt. „Das hier ist mein Hausschlüssel“, sagt die Eigentümerin und lacht herzlich – denn der Schlüssel ist größer als ihr Daumen und passt eher in einen Antiquitätenmarkt als in ein Sicherheitsschloss. Acht der Riesen besitzt die Hausherrin, einer davon ist zusammenklappbar: das Damenmodell fürs Handtäschchen.

Jutta Hiereth hat 25 Jahre im Lüneburger Wasserviertel exklusive Inneneinrichtung verkauft, ihre Kunden kamen aus Hamburg und aus der Region Hannover. Zehn Jahre hat sie ihren Mann gepflegt, Multiple Sklerose. Als er stirbt, wird sie selbst krank. Rappelt sich auf – und bricht in ihrer Heimatstadt alle Zelte ab. Verkauft ihr Reihenhaus und kauft das 400 Jahre alte Schätzchen in Bad Bevensen.

„Ich möchte noch einmal neu anfangen. Einen Lebensort schaffen, an dem Frauen in Achtsamkeit, Sicherheit und gegenseitiger Hilfe leben“, sagt die Seniorin, die nur laut Statistik eine Seniorin ist. „Das wird ein großes Thema in unserer Gesellschaft: Wie wollen Witwen leben, die noch voller Tatendrang sind, aber deren Häuser ihnen zu groß werden? Ich sage: Zieht zusammen, sucht euch Wahlverwandtschaften, eine neue Familie unter Gleichgesinnten.“

Wie Jutta Hiereth machen es immer mehr Senioren. Sie suchen sich Orte zum Altwerden, in denen alles nah beieinanderliegt. In denen kein Kopfsteinpflaster den Rollator oder Rollstuhl aufhält. Mehr als elf Millionen Euro hat die Kurgesellschaft seit 2010 in ihr Thermenangebot investiert, die Stadt hat ihre Fußgängerzone neu gepflastert und den Kurpark saniert.

Neubauten für altersgerechtes Wohnen entstehen, die Einwohnerzahl wächst gegen den Trend, so viel Wohnraum wie in den 20 Jahren zuvor ist allein in den vergangenen 18 Monaten entstanden. Wer durch die Fußgängerzone spaziert, sieht Senioren und Schüler – dazwischen fast nichts. Der Anteil der unter 40-Jährigen sinkt seit 20 Jahren rapide, heute ist fast jeder Dritte über 60 Jahre alt. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren.

„Bad Bevensen als größtes Heilbad Norddeutschlands und überschaubare Kleinstadt gewinnt besonders bei älteren Menschen als Ruhesitz zunehmend an Attraktivität“, sagt Thomas Fisahn, stellvertretender Stadtdirektor im Rathaus. Vier Kliniken mit insgesamt mehr als 300.000 Übernachtungen im Jahr, Dutzende niedergelassene Ärzte, knapp 9000 Einwohner. Von den 4500 Arbeitsplätzen pendeln die meisten nach Feierabend aus der Stadt wieder hinaus.

Jutta Hiereth will hier alt werden. Ihre Senioren-WG legt sie für insgesamt drei Frauen aus, ein Zimmer steht für eine mögliche Pflegekraft in der Zukunft zur Verfügung. Jetzt sucht sie solvente Mitbewohnerinnen – besser gesagt: Damen wie sie, die noch einmal neu starten wollen. Die allein und autark ausschließlich mit Frauen leben möchten, aktiv sind und Ideen umsetzen wollen.

Mehr als 300.000 Euro werden in dem Fachwerkhaus stecken, wenn es fertig saniert ist. 125.000 Euro muss eine Frau mitbringen, um in das Projekt einzusteigen. Dafür sichert die erfahrene Kauffrau vertraglich ein Wohnrecht zu.

„Das wird ein Filetstück“, ist sich die Inneneinrichterin sicher. „Hier können wir jung bleiben.“