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Wie der Landhausstil modern und weniger altbacken gelingt

Opulenz ist out, stattdessen geben sich Möbel schlicht und Farben sind zurückhaltend.

Foto: Kare / dpa-tmn

Opulenz ist out, stattdessen geben sich Möbel schlicht und Farben sind zurückhaltend. Foto: Kare / dpa-tmn

Viel Holz, Naturmaterialien kombiniert mit Industrie- und Retro-Schick sorgen für eine behagliche Atmosphäre auch in Stadtwohnungen.

Bonn.  Der Landhausstil ist Vergangenheit. Zu altbacken, zu bieder. Aber der moderne Landhausstil erfreut sich dafür wachsender Beliebtheit. Was macht ihn aus? Zunächst: Man muss dafür nicht auf dem Land leben.

„Die Welt wird immer digitaler und damit kühler und unnahbarer. Das versuchen wir auszugleichen, indem wir uns einen authentischen Einrichtungsstil nach Hause holen, selbst wenn wir diesen inszenieren“, erklärt Ursula Geismann vom Verband der Deutschen Möbelindustrie in Bad Honnef bei Bonn.

Der Landhausstil mit seinen natürlichen Materialien und warmen Farben sei dafür wie geschaffen. Jedoch unterscheidet sich der moderne deutlich vom ursprünglichen Landhausstil.

Massives ersetzt durch Schlichtes

„Er ist nicht mehr so erdrückend wie damals, sondern versprüht viel mehr Leichtigkeit“, erklärt die Trendexpertin. Die massiven Schränke, Kommoden und Tische von einst interpretierten Möbelhersteller neu – durch schlichte Klarheit.

„Die Möbel sind zwar noch immer stabil, langlebig und haptisch wie optisch hochwertig“, erläutert Wohnberaterin Katharina Semling aus Oldenburg. „Die vielen filigranen Verzierungen und geschnitzten Optiken treten aber in den Hintergrund.“

Moderner Landhausstil steht also weniger für das Schnörkelige als Geradlinige. „Bei einer Kommode beispielsweise würde man heute auf jeden Fall die Farbe runterholen und anschließend nur ölen, damit das Holz sichtbar bleibt“, erläutert Trendforscherin Gabriela Kaiser. Auf deckende Anstriche und überbordende Blumendekore werde verzichtet.

Kein Verzicht auf Dekoration

„Man bringt einfach ein bisschen Industrial Style hinein und nimmt etwas Neuschwanstein heraus“, fasst Semling zusammen. Das bedeute jedoch nicht, dass auf Dekoration und Accessoires verzichtet werden muss.

„Beides sorgt für Wohnlichkeit, und genau die wollen wir ja auch“, erklärt Kaiser. „Aber früher waren die Kissen auf der Holzbank gerüscht. Das ist passé.“ Stattdessen wähle man besser ein modernes, grafisches Muster anstatt das traditionelle Bauernkaro.

„Auch die Stuhlhussen mit den dicken Schleifen werden durch schlichtere ersetzt oder gleich der gesamte Stuhl durch einen modern gehaltenen“, empfiehlt Wohnberaterin Semling. Für die zeitgemäße Form des Landhausstils gelte generell: Weniger ist mehr!

Pastelltöne kombiniert mit Beige

„Jeder Teppich, jede Decke, jedes Kissen ist deutlich farbreduzierter und wirkt daher weniger dominant“, ergänzt Trendanalystin Geismann.

Das gelte auch für das Gesamtkonzept des Wohnraums: Statt knalliger Farben sollten zurückhaltende, kalkige Töne zu sehen sein. Weiß spiele dabei eine große Rolle, aber auch Sandfarbe und Pastelltöne, die mit Hellbraun oder Beige kombiniert werden.

Wer lieber etwas mehr Farbe im Raum hat, sollte eine Akzentfarbe einsetzen. „Das kann ein modernes Salbeigrün sein oder ein kräftigeres Limonengrün“, rät Kaiser. Auch Farben aus der Türkis- und Blaufamilie seien denkbar. „Aber auch hier ist weniger mehr“, rät die Expertin.

Bewusst arbeiten mit Stilbrüchen

Traditionell ließen sich noch Ornamentfliesen als Blickfang einsetzen. „Früher schmückten sie die gesamte Wand oder den Boden. Heute dienen sie als Kontrast, um den Raum nicht zu überfrachten.“

Stilbrüche vervollständigen das Bild. Wohnexperten empfehlen vor allem einen Materialmix – also Holz mit Metall, Eisen oder Glas zu kombinieren. Gern dürfen sich dazu Keramik oder abgewetzte Tassen gesellen und eine Wand, an der abgeschlagener Putz die darunterliegende Steinwand zeigt.

„Auch alte Weinkisten oder Bilderrahmen aus Treibholz sind Hingucker“, sagt Semling. Dies alles gern kombiniert mit Gardinen, Bezugsstoffen und Teppichen aus Kork, Filz, Wolle, Sisal, Baumwolle, Rattan oder Korb.

Auf Flohmärkten stöbern gehen

Für alle, die sich fragen, wo sie „alte“ Möbel und Accessoires herbekommen – Katharina Semling rät, Haushaltsauflösungen und Flohmärkte zu besuchen und „den Sperrmüll am Straßenrand im Auge zu behalten“.

Sie habe schon die wunderbarsten Stücke gefunden, wenn Häuser kurz vor der Sanierung ausgemistet wurden. „Da findet man alte Leuchtreklamen, Blechschilder, handgefertigte Holzstühle oder Holzfenster mit traumhaften Beschlägen.“

Der Vorteil: Diese Dinge sind wirklich alt. „Denn je mehr Antiquitäten mit Geschichte neben modernen Möbeln und Accessoires platziert werden, desto authentischer ist das Gesamtbild“, findet Semling.

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