Wohnungssuche

Wie das Internet den Markt für Mietwohnungen aufmischt

In dem Berliner Studentenwohnheim„Carnaby Living House“ werden die Bewohner viele Abläufe über eine App steuern können.

In dem Berliner Studentenwohnheim„Carnaby Living House“ werden die Bewohner viele Abläufe über eine App steuern können.

Foto: Carnaby Capital GmbH / HA

Dank Digitalisierung können Vermieter ihre Wunschmieter inzwischen per Algorithmus ermitteln. Bedenken haben die Entwickler nicht.

Hamburg.  Es brechen neue Zeiten an – auch für Mieter und Vermieter. Das wurde auf dem Digital Day deutlich, zu dem der Immobilienverband Deutschland IVD Nord nach Hamburg geladen hat.

Danach lässt sich schon jetzt prognostizieren: Die Verwaltung von Immobilien wird einfacher und transparenter, viele Abläufe folgen nüchtern einem Algorithmus. Folgt man der Argumentation der Anbieter und Hersteller, wird sich für alle Seiten der Mehrwert erhöhen.

Per Algorithmus zum Wunschmieter

Erstes Beispiel: Nicolas Jacobi hat zusammen mit zwei Partnern vor genau drei Jahren die Firma Immomio gegründet. Dahinter verbirgt sich die Idee, einen digitalen Bewerbungsprozess anzubieten, mit dem man zeit- und kostensparend zum Wunschmieter kommt.

Das Ganze läuft nach vier groben Schritten ab: Zunächst wird vom Anbieter beziehungsweise Vermieter mithilfe von Rubriken wie Einkommen und Anzahl der Bewohner ein Profil vom künftigen Mieter erstellt. Dann werden Daten und Fotos vom Objekt mithilfe von Immomio hochgeladen und mit bestehenden Konten zu Immobilienportalen verknüpft. Im Anschluss erfolgt ein Mieter-Matching: Anhand der Online-Auskünfte kann eine Liste infrage kommender Interessenten erstellt werden; Bewerber werden über einen Online-Kalender zu Besichtigungen eingeladen.

Massenbesichtigungen gehören der Vergangenheit an

„Vermieter zahlen für diesen Service jeweils 30 Euro, Wohnungsuchende nichts“, sagt der 30-jährige Betriebswirt, der für das Startup-Unternehmen seine Karriere als Torhüter der deutschen Hockey-Nationalmannschaft beendet hat. Er glaubt, dass sich die Idee von einem webbasierten Management durchsetzen wird. „Leidige Massenbesichtigungen gehören damit der Vergangenheit an.“

Axel-H. Wittlinger, IVD Nord-Chef und geschäftsführender Gesellschafter des Immobilienunternehmens StöbenWittlinger bestätigt dies. „Wir nutzen das Programm bereits seit gut einem Jahr, um für unsere Kunden geeignete Mieter zu finden. Und das läuft prima!“ Sorge, die Mieterauswahl erfolge zu schematisch, müsse man nicht haben. „Eigentümer haben immer noch ihren eigenen Kopf“, sagt er. Jacobi und seine Partner sehen sich jedenfalls auf einem guten Weg: Mittlerweile beschäftigen sie 14 Mitarbeiter – bundesweit.

Energieverbrauch in Echtzeit ablesen

Nächstes Beispiel. Tom Leppin, Gründer der Carnaby Capital GmbH, entwirft auf der Tagung die Vision vom „denkenden Haus“ – einem Gebäude, bei dem Komponenten so über ein Netzwerkkabel miteinander verbunden sind, dass ein Monitoring der Immobilie möglich wird.

„Verbräuche für Strom, Wasser und Heizung können beispielsweise in Echtzeit abgelesen werden“, erläutert Leppin, der zu Beginn seiner Karriere Informatiker war. Die Automobilwirtschaft und die US-Marke Tesla machten es bereits vor. „Da denkt das Auto mit.“ Nicht so in der Immobilienwirtschaft: „Da hört die Digitalisierung noch an der Haustür auf“, beklagt der Projektentwickler.

Wasserschaden wird binnen Sekunden erkennbar

Dabei sei so vieles denkbar: Rauchmelder, die angeben, wenn ihren Batterien der Saft ausgeht, eine Klingelanlage mit Handysichtung und für Häuser mit häufig wechselnder Mieterschaft das Programmieren der Bewohnernamen über das Internet, eine digitale Schlüsselverwaltung sowie eine problemlose Zustellung der Post mithilfe einer Paketstation am Haus.

„Wie sieht es stattdessen heute aus?“, fragt der 29-Jährige. „Heute renne ich tagelang meiner Post hinterher und muss sie ein paar Straßenzüge weiter abholen. Es herrscht null Kommunikation unter den Bewohnern, obwohl wir uns längst auf dem Weg zu einer ,Sharing-Gesellschaft‘ befinden – und um sechs Zahlen auf einem Wasserzähler ablesen zu können, müssen Termine vereinbart und Wege zurückgelegt werden.“ Dabei könnte mithilfe eines digitalen Messgeräts binnen Sekunden ein Wasserrohrbruch erkannt werden.

Studentenwohnheim mit digitaler Schließanlage

Und weil das so ist, ist Leppin längst dabei, seine Vision in die Realität umzusetzen – in Form eines Studentenwohnheims in Berlin. Dort wird es keine Schlüssel mehr geben, sondern eine digitale Schließanlage, und Mieter können unter anderem über ein webbasiertes Portal ihre eigenen Daten und Verbräuche jederzeit verwalten.

„Auch in Hamburg werden wir eine begehbare Wohnungseinheit aufbauen, um für jeden Interessierten ein solches Haus der Zukunft erlebbar zu machen“, kündigt der Wahl-Hamburger an.

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