Porträt

Was Architektur in Zeiten des Klimawandels leisten kann

Das Klimamodellquartier besteht aus Reihen- und Doppelhäusern sowie Wohnungen.

Foto: eins:eins / HA

Das Klimamodellquartier besteht aus Reihen- und Doppelhäusern sowie Wohnungen.

Nach Plänen von eins:eins entstand in Sülldorf Hamburgs derzeit innovativste ökologische Siedlung. Geheizt wird mit Solar-Eis-Speicher.Auch für die Planer Neuland

Hamburg.  Die Revolution im Wohnungsbau findet auf der grünen Wiese statt. Doch es ist eine stille Revolution. Dass es sich bei den 27 schlichten Reihen- und acht Doppelhäusern mit ihren mächtigen schwarzen Satteldächern um nicht weniger als einen Prototyp für die Wohnsiedlung der Zukunft handelt, sieht man den Gebäuden am Osterfeld in Sülldorf auf den ersten Blick nicht an.

Mit ihren dunklen Holzverschalungen über einem Sockel aus Rotklinker wirken sie wie überdimensionierte archaische Scheunen und so, als wollten sie mit feiner Ironie ihre Nachbarn im ländlichen Umfeld am westlichen Stadtrand zitieren. Das sogenannte Klimamodellquartier am Osterfeld ist mit seinen 50 Wohneinheiten und dem Mix aus Eigentums-, Mehrgenerationen- und Mietwohnungen zurzeit das innovativste ökologische Siedlungsprojekt Hamburgs.

Der Architekt nimmt die Anregungen der Bewohner auf

Beim Rundgang durch die Siedlung spürt man im Gespräch mit den beiden Architekten, wie sehr sie sich mit ihrem bislang größten Projekt identifizieren. Christoph Roselius erzählt, dass er – eher ungewöhnlich für seinen Berufsstand – immer mal wieder gern zu "seiner" Siedlung fährt, um mit den Bewohnern zu sprechen und ihre Anregungen und mögliche Kritik aufzunehmen.

Kennengelernt haben sich Roselius und Julian Hillenkamp während ihrer gemeinsamen Zeit im Büro von Carsten Roth in Hamburg. Vor elf Jahren gründeten sie dann eins:eins architekten, das heute mit seinen sechs Mitarbeitern im Erdgeschoss eines ehemaligen Ladenlokals in einem Gründerzeitbau in Eimsbüttel sitzt.

Klarer, reduzierter, dem Standort angepasster Stil

Eine ikonografische Architektursprache, wie sie oftmals von marketingbewussten Kollegen geschätzt wird, scheinen die beiden 47-Jährigen abzulehnen. Stattdessen pflegen der gebürtige Münchner Hillenkamp und der Buxtehuder Roselius bei ihren mehrfach ausgezeichneten Villen, Schulen, Verwaltungsbauten und Mehrfamilienhäusern einen klaren, reduzierten, dem jeweiligen Standort (Genius loci) verpflichteten Stil, angelehnt an die klassische Moderne.

Die Chance, ihre Begabung als sogenannte Öko-Architekten zu beweisen, erhielten sie, als ihr Entwurf 2012 in einem von der Stadt ausgeschriebenen Wettbewerb für eine Passivhaus-Siedlung auf dem Osterfeld in Sülldorf den ersten Preis erhielt. Dem Wunsch der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt, ein Modell für ein Quartier zu entwerfen, das sich beispielhaft den Herausforderungen des Wohnens in Zeiten des Klimawandels anpasst, kamen die beiden Familienväter, wie sie sagen, besonders gern nach.

Technisierung führt zur Maßregelung der Verhaltensweisen

Während wir über das 1,8 Hektar große Gelände schlendern, dessen Häuser sich wie eine Wagenburg um eine grüne Mitte aus Spielplätzen und einer großen Rasenfläche gruppieren, in der sich die Nachbarn auf einen Klönschnack treffen und gemeinsam feiern, erläutern die beiden Architekten, warum sie nicht viel von modischer Hightech-Ökologie halten. Per Tablet gesteuerte Smarthomes zur Steuerung der Energieeffizienz seien nicht ihr Ding. "Wir favorisieren Gebäude, die sich einfach und intuitiv bedienen und bewohnen lassen. Eine zu hohe Technisierung führt häufig zu einer Maßregelung der Verhaltensweisen von Bewohnern.

Hinzukommt ein großer Inspektions- und Wartungsaufwand. Metaphorisch gesprochen ist uns das Fahrrad immer noch sympathischer als das Elektroauto." Und beim Dämmen ihrer Sülldorfer Häuser war ihnen Thermo-Hanf und Zellulose aus Altpapier viel lieber als umweltschädliches Styropor, das als Sondermüll für viel Geld entsorgt und obendrein mit hohem Energieaufwand produziert werden muss.

Auch die Baumaterialien wurden energiesparend hergestellt

Der Vorgabe, den Energieaufwand des Quartiers nicht erst bei Inbetriebnahme der Wohnungen zu bilanzieren, sondern den gesamten Lebenszyklus der verwendeten Materialien in die geforderte Ökobilanz einzubeziehen und möglichst ressourcenschonend zu arbeiten, kamen die Architekten mit der Verwendung von Recyclingstoffen nach. So bestehen die Wände im Sockelbereich der Häuser aus Ziegelsteinen alter, nicht mehr genutzter Mecklenburger Scheunen, dem dahinterliegenden Kalksandstein wurde zermahlener Bauschutt untergemischt, die Bodenplatte besteht aus Recycling-Beton, und der Keller wurde mit Schaumglasschotter isoliert, hergestellt aus alten Fenster- und Autoscheiben.

Auf diese Weise gelang es den Architekten, den Verbrauch an sogenannter grauer Energie niedrig zu halten. Darunter versteht man die Energie, die notwendig ist, um ein Gebäude zu bauen, Baumaterialien zu produzieren, Bauteile zu verarbeiten und Menschen, Maschinen und Materialien zur Baustelle zu transportieren.

40 Prozent Energiekosten als bei herkömmlicher Bauweise

Die unregelmäßig geformten alten Klinker der Häuser sehen aufgrund ihrer Patina nicht nur schöner aus als neue, sie haben auch dem Bauherren, der Behrendt Wohnungsbau KG, hohe Energiekosten für den Brand erspart. Und die Verwendung von bereits vorgefertigten Holzfassaden und Dächern, die zeitsparend auf der Baustelle montiert werden konnten, sorgte außerdem dafür, dass die gesamten Energiekosten um 40 Prozent niedriger ausfielen als auf vergleichbaren Siedlungen mit herkömmlicher Bauweise.

Ungewöhnlich ist auch das Energiekonzept der Öko-Mustersiedlung. "Sie stehen gerade drauf", lautet Julian Hillenkamps lakonischer Hinweis auf die Frage, womit die Anlage denn überhaupt beheizt werde. Unter einer Rasenfläche ist auf einer kreisrunden Fläche ein Solar-Eis-Speicher in der Erde vergraben.

Gaswärmepumpen sind die Hauptwärmeerzeuger

Der unterirdische Wassertank ist mit Solarabsorbern und Sonnenkollektoren auf den Dächern der Häuser sowie einem Nahwärmenetz mit den Wohneinheiten der Anlage verbunden. Zwei Gaswärmepumpen seien die Hauptwärmeerzeuger, erläutert Christoph Roselius. Die Gebäude seien alle mit einer Fußbodenheizung ausgestattet, die das Heizen auf niedrigem Temperaturniveau ermögliche.

Dass uns während unseres Rundgangs über die Siedlung nur gut gelaunte Bewohner begegnen, mag nicht nur am schönen Wetter gelegen haben. Wie schreiben die beiden Planer doch unter Punkt 5 ihrer Thesen zum ökologischen Wohnungsbau so schön: "Gebäude, die von ihren Bewohnern angenommen und im besten Fall geliebt werden, sind nachhaltig, weil sie länger genutzt und wiederverwendet werden."

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