Warum klebt das Ding so hartnäckig?

Kaugummi macht häßliche Flecken, die Jahre halten. Schuld ist der besondere Mix der Zutaten.

Sie kleben auf der Straße, an Schuhsohlen, unter Tischen und Stühlen: Kaugummi gibt's in Dutzenden Sorten. Doch alle haben eines gemeinsam: Sie sind biologisch schlecht abbaubar. Auf Gehwegplatten überdauern sie Jahre. Die Flecken sind häßlich und lassen sich nur mit großem Aufwand entfernen.

Der Grund: Ein Kaugummi besteht aus Kaumasse, der wichtigsten und problematischsten Zutat neben Zucker oder Zuckeraustauschstoffen, Aromen, Frucht- und Pflanzenextrakten und Weichmachern. Die Kaumasse macht's: Sie zeichnet sich dadurch aus, daß sie nicht so leicht verrottet. "Je schneller sich ein Kaugummi auf der Straße abbaut, desto schneller zersetzt er sich auch im Mund", erklärt Marie Dubitsky, Geschäftsführerin des Kaugummi-Verbandes in Deutschland, "und für Kaugummihersteller und Konsumenten ist der Maßstab aller Dinge die gute Kaubarkeit eines Kaugummis."

Chemisch betrachtet, besteht die Kaumasse aus künstlichen Polymeren, die lange, miteinander verzweigte Molekülketten bilden. Dieses "Gumminetz" ist äußerst resistent und übersteht auch stundenlanges Kauen bei 37 Grad Körpertemperatur.

Auch Bakterien und UV-Strahlung, neben der Wärme die Faktoren, die andere Lebensmittel geschwind zersetzen, können der Kaumasse wenig anhaben. Bei gleichbleibenden Temperaturen braucht es etwa fünf Jahre, bis ein ausgespuckter Kaugummi sich zersetzt.

Einzig und allein Kälte macht dem Kaugummi zu schaffen. Weswegen die Tiefkühltruhe auch die schnellste Hilfe für Kaugummigeplagte ist: Hose oder Schuh einige Stunden einfrieren, schon ist die klebende Masse steif und brüchig geworden und läßt sich problemlos abkratzen.

Die Reinigung von kaugummibefleckten Straßen, U-Bahnstationen und Denkmälern kostet die Städte Millionen. Aus diesem Grund wird in England nun über die Einführung einer Kaugummi-Steuer von 1,5 Cent pro Kaugummi-Packung diskutiert. Die Steuereinnahmen sollen die landesweit anfallenden Reinigungskosten von schätzungsweise 218 Mio. Euro senken. Irland hatte im vergangenen Herbst als erstes Land weltweit die Einführung einer Kaugummi-Steuer in Erwägung gezogen.

Einige englische Lokalpolitiker würden gerne noch einen Schritt weitergehen: Sie wollen den weltweit führenden Kaugummihersteller Wrigleys zur Kasse bitten. Das Unternehmen hat in England über 90 Prozent Marktanteile, in Deutschland sind es über 80 Prozent. Die einen wünschen sich eine finanzielle Beteiligung an den Reinigungskosten, andere eine Finanzspritze für die Forschung an biologisch abbaubarem Kaugummi. "Denn", wird der Umweltpressesprecher der liberalen Demokraten, Mike Tuffrey, in britischen Medien zitiert, "wenn man Menschen auf dem Mond und Sonden auf dem Mars landen lassen könne, müsse man auch einen biologisch abbaubaren Kaugummi entwickeln können."

Aber genau das scheint nicht so einfach zu sein. Darauf zu hoffen, die Menschen könnten den Spaß am Kauen von Spearmint, Airwaves, Bubblegum und Konsorten verlieren, ist vergebens. Denn ein Ende des auf den ersten Blick sinnfrei erscheinenden Zeitvertreibs ist nicht in Sicht, der Markt für klebrige Kaumasse seit Jahren stabil. Im Durchschnitt schiebt sich jeder Deutsche 100 Streifen pro Jahr in den Mund, Engländer 124 und die Amerikaner sind Spitzenreiter mit jährlich 179 Streifen pro Kopf.

Ein Blick in die Vergangenheit verrät zudem, daß das Kauen gummiartiger Substanzen eine lange Tradition hat: Der älteste Kaugummi der Welt ist 9000 Jahre alt und bestand aus Birkenharz und Honig. Die Griechen der Antike und die Indianer Nordamerikas kauten ebenfalls Baumharz, während die Mayas aus Mittelamerika Chicle kauten, den natürlichen Gummi des Sapotillbaumes, der lange Zeit für die Herstellung von Kaugummis verwendet wurde.

Fragt sich nur, was Menschen dazu bringt, stundenlang auf einem unverdaulichen Stück Gummi herumzukauen? Neben dem Spaßeffekt und der entspannenden Wirkung gibt es auch praktische Gründe, wie die Reinigung der Zähne oder der Wunsch nach frischem Atem.

Tatsache ist, daß die Medizin dem Kaugummi den Rücken stärkt: Das Kauen von zuckerfreiem Kaugummi ist gut für die Zähne, vor allem nach dem Essen. Auch Menschen, die sich das Rauchen abgewöhnen wollen, finden im Kaugummi eine wichtige Stütze. Manche Studien belegen gar, daß Kauen von Kaugummi die Konzentrationsfähigkeit fördere, weil durch Kauen die Durchblutung im Kopfbereich besser sei - also ein Hoch auf die zähe Masse?

Tatsächlich ist gegen Kaugummi wenig einzuwenden, wären da nicht die Kaugummifans, die ihre geschmacklos gekaute Gummimasse in hohem Bogen entsorgen. In England hofft man neuerdings noch auf die Wirkung erzieherischer Werbekampagnen, in denen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Süßigkeit aufgerufen wird.

Singapur, die sauberste Stadt der Welt, hat das Problem auf eine andere Weise gelöst: 1992 wurden die Herstellung sowie der Import von Kaugummi verboten. Beim Kauf oder Kauen der verbotenen Ware drohte ein Gefängnisaufenthalt. Seit letztem Jahr gibt es Kaugummi wieder zu kaufen - allerdings nur in Apotheken und nur gegen Angabe des Namens und der Paßnummer.