GEFAHREN: DIE IM LIEGEN LAUERN

Von wegen Bettruhe

Bewegung ist die beste Medizin

"Bettruhe - eine potenziell gefährliche Behandlung." Das ist die neue Erkenntnis von Ärzten. Erschreckend, was alles passieren kann, wenn man zu lange im Bett bleibt: Der Fettanteil nimmt zu, die Muskulatur ab, die Körpertemperatur sinkt, der Spiegel männlicher Geschlechtshormone fällt, die Libido schwindet. Gehör, Schlaf und Gedächtnis werden schlechter. Da hilft nur eines: Bewegung! Sie ist die beste Medizin.

Bettruhe ist oft der erste Schritt einer medizinischen Behandlung. Viele kennen das Ritual aus eigener Erfahrung. Kaum ist man im Krankenhaus aufgenommen, legt man die Straßenkleider ab, zieht Nachthemd oder Pyjama an und geht ins Bett. Die Bedeutung eines Hospitals spiegelt sich in der Bettenzahl wider. Die Schwere einer Krankheit bemisst sich nach der Zahl der im Bett verbrachten Tage. Und ein guter Doktor setzt sich auf die Bettkante und hört zu.

Eine nur noch selten zu findende vornehme Zurückhaltung am Bettrand legt der bärtige Doktor an den Tag, den Pablo Picasso vor mehr als 100 Jahren in seinem Bild "Wissenschaft und Barmherzigkeit" gemalt hat. Mit seiner Linken zählt er den Puls seiner Patientin, drängt sich ihr aber nicht auf. Er vertritt die Wissenschaft. Auf der anderen Seite steht eine Ordensschwester. Sie wendet sich der im Bett liegenden, kranken Frau zu und verkörpert die Barmherzigkeit. Für die Marburger Allgemeinärztin Annette Becker verbildlicht das Werk die Aspekte richtig verstandener Bettruhe. Schonung bedeute "mehr als nur die medizinisch verstandene Ruhigstellung, sondern auch Fürsorge, Behutsamkeit und Schutz einer durch Krank- heit belasteten Person". Der französische Schriftsteller Jules Romains erzählt in dem Dreiakter "Knock oder Der Triumph der Medizin" die Geschichte des Landarztes Knock, der ein ganzes Bergdorf in ein Lazarett verwandelt, indem er den Bewohnern absonderliche Leiden andichtet. Seiner ersten Patientin gibt dieser Krankheitserfinder Folgendes auf: "Wenn Sie zu Hause sind, gehen Sie gleich zu Bett. Am besten in einem Zimmer, wo Sie so weit wie möglich ungestört liegen. Schließen Sie die Vorhänge und Jalousien, damit Sie das Licht nicht irritiert. Vermeiden Sie jeden Kontakt." Eine ganze Woche müsse die Frau so ausharren, gebietet Dr. Knock, dann werde man sehen. "Wenn Sie sich gestärkt fühlen, wenn Kraft und Zuversicht sich wieder eingestellt haben, ist die Krankheit weniger schlimm als befürchtet, und ich werde der Erste sein, der Entwarnung gibt. Wenn Sie allerdings weiterhin allgemeine Müdigkeit und einen schweren Kopf verspüren, wenn Sie Mühe haben aufzustehen, dann sollten wir keine Minute verlieren und mit der Behandlung beginnen."

Im Fortgang der Komödie wird die Dame ein Fall für die Medizin, und die Forschung im echten Leben erklärt, warum das so kommen muss: Schon nach wenigen Tagen im Bett schrumpfen die Muskeln, und im Körper nehmen ungute Prozesse ihren Lauf. Diese Folgen der Schonung können der Gesundheit stärker abträglich sein als jene Beschwerden, deretwegen man ins Bett befohlen wurde.

"Bettruhe - eine potenziell gefährliche Behandlung, die einer vorsichtigeren Bewertung bedarf", überschrieben vor einiger Zeit australische Ärzte ihren Aufsatz im Fachblatt "The Lancet". Für ihre Übersichtsarbeit haben sie die medizinische Literatur gesichtet und nach Studien gesucht, in denen der Nutzen von Schonung erforscht worden war. Die Analyse von 24 Studien zur Bettruhe nach Operationen ergab: Bei keiner der Eingriffsarten verbesserte sich der Zustand der Patienten deutlich; in acht Fallreihen indessen wurde er schlechter, etwa nach Herzkatheter-Eingriffen, Entnahmen von Rückenmarksflüssigkeit per Hohlnadel (Lumbalpunktionen) oder Spinal-Anästhesie. In den 15 Studien, in denen Bettruhe direkt als Therapie gegen eine Erkrankung eingesetzt wurde, fiel das Ergebnis noch ernüchternder aus. Richtig besser ging es dadurch keinem einzigen, bei neun Diagnosen waren die Patienten deutlich schlechter dran: Das Liegen verschlimmerte die Beschwerden von Menschen mit akuten Rückenschmerzen, akuter Hepatitis, Schwangerschafts-Bluthochdruck, unkompliziertem Herzinfarkt oder Lungentuberkulose.

Besonders gravierend sind die Folgen für ältere Patienten, haben US-Forscher der Yale University in einer Studie nachgewiesen. Nach vier Wochen im Krankenhaus ist für einen 70 Jahre alten Menschen das Risiko, seine Selbstständigkeit zu verlieren, um das Sechzigfache erhöht. Der Zustand vieler Menschen verschlechtert sich im Krankenhaus so stark, dass manche von ihnen von hier aus in ein Altenheim verlegt werden müssen. Angelika Zegelin von der Universität Witten/Herdecke hat zwölf bettlägerige Männer und 20 bettlägerige Frauen befragt und herausgefunden, dass gut gemeinte Ratschläge und Maßnahmen zum Niedergang beitragen. Die Befragten berichteten, wie sie von Ärzten und Pflegern im Krankenhaus zu körperlicher Schonung ermahnt wurden: "Wenn Sie noch einmal stürzen, ist es aus!" Zudem verstärkten Pflegebetten die körperliche Inaktivität. Diese hatten oft Gitter und waren durch Spezialmatratzen grotesk hoch. Auf Zegelins Frage "Seit wann sind Sie bettlägerig?" antworteten einige Patienten: "Seit ich im Pflegebett liege."

Der Verfall, der einen Menschen im Lauf einer mehrwöchigen Bettruhe erfasst, spielt sich in weiten Kreisen der Bevölkerung ab, verteilt auf viele Jahre. In der Mitte ihres Lebens, um das vierzigste Jahr, rutschen viele Bürger in einen passiven Lebensstil. Je mehr sie sitzen, desto schneller schrumpfen ihre Muskeln und werden durch Fett ersetzt. "Sarkopenie" (nach dem griechischen "sarx" für Fleisch und "penia" für Mangel) heißt das Phänomen. Es äußert sich in langsamem Gehtempo, verringerter Greifkraft, erhöhter Sturzrate, Inkontinenz und nachlassender Knochenstärke. Diesen Niedergang der Leiblichkeit halten viele Menschen für eine natürliche Folge des Altwerdens, doch in Wahrheit geht er auf den jahrelangen Nicht- oder Minimalgebrauch der Muskeln zurück. Er ähnelt jenem Verkümmern, das bereits nach wenigen Tagen absoluter Bettruhe einsetzt. So ist beiden Verläufen eine verminderte maximale Sauerstoffaufnahme gemein, das Schlagvolumen des Herzens ist verringert, der Blutdruck erhöht. Die Konzentration der roten Blutkörperchen sinkt, und jene der Blutfette steigt, die Blutgerinnung verschlechtert sich. Der Fettanteil steigt auf Kosten der Muskulatur, Kalzium geht verloren, die Dicke der äußeren Knochensubstanz nimmt ab, die Fähigkeit zur Blutzucker-Verwertung ist beeinträchtigt, die Körpertemperatur sinkt, der Spiegel männlicher Geschlechtshormone fällt, die Produktion von Spermien ist gedrosselt, die Libido nimmt ab. Gehör, Schlaf und Gedächtnis werden schlechter, der Geschmacksnerv unempfindlicher.

All diese Veränderungen entstehen durch den ständigen Nichtgebrauch des Körpers. Den Beweis dafür kann jeder sesshafte Mensch am eigenen Leib führen. Die Abbauprozesse werden verzögert oder gar umgekehrt, sobald er den Körper wieder in Gang setzt. Selbst verkümmerte Zellen, Organe und Gewebe lassen sich nicht unterkriegen: Auf Bewegungsreize reagieren sie mit Erneuerung in jedem Alter.

  • Jörg Blech ist "Spiegel"-Redakteur. Der leicht gekürzte Text ist aus seinem Buch "Bewegung. Die Kraft, die Krankheiten besiegt und das Leben verlängert", entnommen, das im Verlag S. Fischer erscheint. 256 Seiten, 17,90 Euro.

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