Stillgestanden! Karriere machen!

Führungskompetenz: Wer Berufsoffizier werden will, muß Ein komplettes Universitätsstudium absolvieren. Junge Offiziere, die nach zwölf Jahren die Bundeswehr verlassen, haben besonders gute Chancen in der freien Wirtschaft.

Hamburg. Oberst Zitzewitz, auf seine alten Tage schon ein wenig kurzsichtig geworden, inspiziert sein Regiment: "Der da hinten, mit dem roten Kopp, der hat die Mütze schief auf", raunzt er seinen Adjutanten an. "Aber Herr Oberst, das ist doch der Hydrant", gibt der Adjutant zu bedenken. Daraufhin Zitzewitz: "Egal, die Kleiderordnung gilt auch für Akademiker!"

Kommiß und akademische Ausbildung, zwei Welten, die sich ausschließen? Keinesfalls. Daß beide zusammengehen, ist heute an der Tagesordnung. In der Bundeswehr sind mittlerweile auch die hohen Ränge von Offizieren besetzt, die studiert haben. Denn es gilt: Wer sich für zwölf Jahre verpflichtet oder Berufsoffizier werden möchte, muß ein komplettes Universitätsstudium absolvieren. So ist es Usus seit 33 Jahren.

Ein Grundsatz, der übrigens immer wieder gern hinterfragt wird, gerade in Zeiten knapper Haushalte. Denn die Universitäten gehören zur Bundeswehr wie Führungsakademie und Offiziersschulen. Zwei gibt es. Eine in Neubiberg vor den Toren Münchens und eine im Hamburger Stadtteil Jenfeld, benannt nach dem Mann, der die Idee hatte, Offiziere studieren zu lassen: Helmut Schmidt.

Der Verteidigungsminister im Kabinett von Kanzler Willy Brandt wollte mit dieser Idee Anfang der 70er Jahre zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens den Offiziersberuf so attraktiv machen, daß junge Abiturienten wieder verstärkt zur Bundeswehr gehen. Denn es waren die Jahre einer grundlegenden Ablehnung der Truppe, aber auch des beginnenden Massenbetriebs an den Universitäten mit Numerus clausus und überfüllten Hörsälen. Zweitens wollte Schmidt den Offizieren, die nach zwölf Jahren aus dem Dienst schieden, immerhin zwei Drittel eines Jahrgangs, bessere Chancen für eine anschließende zivile Laufbahn geben.

"Das Konzept ist aufgegangen", sagt Kai Ullner. Er trägt modernes Business-Outfit: dunkler Anzug, weißes Hemd, dezente, gestreifte Krawatte. Ullner weiß, wie ein Manager im Job auszusehen hat, er stellt sie ein. Der Mittvierziger ist Personalleiter Deutschland beim internationalen Konzern BSN Medical. Vor 20 Jahren sah er noch anders aus: olivgrün der Arbeitsanzug, die drei Sterne eines Hauptmanns auf der Schulter und einen Schnauzbart unter der Nase. Ullner als Chef einer Ausbildungskompanie bei der Luftwaffe, Diplomkaufmann, studierte an der Bundeswehr-Universität Hamburg.

"Ohne das Studium wäre ich nicht zwölf Jahre bei der Bundeswehr geblieben. Das war der Anreiz", sagt ein weiterer Schnauzbartträger der frühen 80er Jahre - Frank-Jürgen Weise. "Ich war gezwungen, zielgerichteter zu studieren. Die strenge Anleitung war für mich ein Gewinn. Es hat mir viel in der Persönlichkeitsentwicklung geholfen." Frank-Jürgen Weise kommandierte 1979 mit 28 Jahren eine Nachschub-Ausbildungskompanie des Heeres in Phillipsburg bei Bruchsal. Zuvor hatte er beim Bund an der Fachhochschule in Darmstadt Betriebswirtschaft studiert. Heute ist er Vorsitzender des Vorstands der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg.

"Ob sich meine militärische Laufbahn ohne Studium anders entwickelt hätte, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. In jedem Fall werte ich es als persönlich wichtige Erfahrung. Ich bin überzeugt davon, durch das Studium intellektuelle Reife und eine ausgeprägte Fähigkeit zur Beurteilung bekommen zu haben", sagt Andreas Krause. Krause verbrachte seine Zeit in den 80er Jahren auf U-Booten, nachdem er sein Pädagogik-Studium an der Bundeswehr-Uni in Hamburg beendet hatte. Mit 30 Jahren kommandierte er "U-22". Seine Fähigkeit zur Beurteilung und Bewertung wird immer noch gefordert. Der junge Kommandant von einst leitet heute die Stabsabteilung III im Führungsstab der Marine: zuständig für Konzeption und Planung sowie grundlegende Einsatzplanung der Marine. Krause ist Flottillenadmiral.

"Helmut Schmidts Idee hat sich gelohnt", sagen alle drei. Einer von der Luftwaffe, einer vom Heer, einer von der Marine. Keine Lebenswege, die sich verallgemeinern ließen. Doch untypisch sind sie eben auch nicht. Speziell junge Offiziere, die nach zwölf Jahren die Truppe verlassen, haben ausgezeichnete Job-Aussichten in der Wirtschaft. Das belegen wissenschaftliche Studien von Professor Rainer Marr.

"Wir befassen uns seit mehreren Jahren mit dieser Thematik", sagt der Wirtschaftswissenschaftler von der Bundeswehr-Universität in München. So wurden Absolventen der Bundeswehruniversitäten jeweils fünf, zehn und 15 Jahre nach ihrem Übergang ins zivile Berufsleben befragt. "Die Ergebnisse zeigten einen überdurchschnittlich guten Einstieg der Absolventen. Beinahe 40 Prozent hatten bereits in ihrer ersten zivilen Tätigkeit eine Führungsposition. Nur sehr wenige der ehemaligen Offiziere, etwa sieben Prozent, waren beim Berufswechsel unzufrieden", sagt Marr.

Die Soldaten unterschieden sich durch bestimmte Schlüsselqualifikationen von Studenten an zivilen Hochschulen: Belastbarkeit, Entscheidungsbereitschaft, Disziplin, Loyalität und Führungsfähigkeit. "Bei Kreativität und wirtschaftlichem Denken schneiden ehemalige Offiziere allerdings eher schwach ab", sagt Marr. Informatik und Wirtschaftswissenschaften gelten als besonders karrierefördernde Studienfächer beim Bund.

Ungeachtet der guten Übergangschancen gibt es nur "rudimentäre Verzahnungen" zwischen Bundeswehr und ziviler Wirtschaft. Nach Professor Marrs Ansicht ein Manko. Doch Netzwerke entstehen. Ullner, Mitglied bei der Vereinigung "HOW" Hamburger Offiziere in der Wirtschaft, arbeitet daran. Der Personalchef gibt sogar Bewerbungstips auf Seminaren für Offiziere, deren Dienstzeit ausläuft.

Auch Weise kennt Netzwerke und knüpft daran mit. Der BA-Chef räumt freimütig ein, gern ehemalige Offiziere in der Agentur einzustellen: "Die sind fähig, ein Lagebild analytisch zu erarbeiten. Wer kann was, wo und wie. Sie können ein Problem ansprechen, beurteilen und folgern."

Weise, Krause und Ullner sind sich allerdings darin einig, daß die Universitäten der Bundeswehr kein Patentrezept für die deutsche Hochschulmisere bieten und schon gar nicht als "Uni der Nation" zu bezeichnen wären. "Wer Offizier werden möchte, muß sich über seine beruflichen Ziele sehr genau im klaren sein", sagt Weise. "Er darf auch keine Zweifel haben, daß die militärische Welt zu ihm paßt." Geistige und intellektuelle Entwicklung brauche Vielfalt. "Aber die Unis der Bundeswehr gehören auf diese bunte Blumenwiese", sagt der BA-Chef.

Nach Ullners Erfahrung ist ein Hochschulstudium immer noch Eintrittskarte in die höheren Führungsebenen in der Wirtschaft. "Ohne geht es nicht. Studium ist unabdingbare Voraussetzung." Es sei aber die Kombination aus Studium und Offiziersausbildung, die das Besondere ausmache.

Alle drei Absolventen betonen, daß es vor allem ihre Jahre als junge Truppenoffiziere unmittelbar nach dem Studium gewesen seien, die sie als prägend empfanden.

"Als Offizier auf einem U-Boot ist man frühzeitig allein verantwortlich. Routine gibt es nicht. Ich bin ein ergebnisorientierter Mensch und habe als Wachoffizier und Kommandant gelernt, wie stark das Ergebnis des einzelnen von seinem Umfeld abhängt. Ich habe auch erfahren, daß Leistung und Menschlichkeit untrennbar sind. Man kann als Vorgesetzter nur erfolgreich sein, wenn ich für die Untergebenen etwas tue, nur dann sagen die: ,Für den tue ich auch etwas'", sagt Andreas Krause.

"Ich fühle mich heute als Führungskraft anerkannt, auch zum Beispiel bei Betriebsräten, weil ich diese Erfahrungen als junger Offizier gesammelt habe. Ich bereue keine Minute meiner militärischen Dienstzeit, auch wegen der Enttäuschungen, die es gegeben hat, zum Beispiel in der Grundausbildung. Und auch als Kompaniechef macht man ja nicht nur gute Erfahrungen", sagt Frank-Jürgen Weise, der sich "sehr bewußt" entschieden hat, die Bundeswehr nach zwölf Jahren zu verlassen. Denn er wollte selbstbestimmter leben.

Wie auch Kai Ullner: "Ich wollte ursprünglich Berufsoffizier werden. Doch die Einschränkungen durch den Dienstbetrieb wollte ich nicht weiter hinnehmen. Das ist nach meiner Erfahrung auch ein Punkt, in dem Studium und Militär kollidieren. Das Studium lehrt auch eine Freiheit des Denkens und Handelns, die sich nicht immer mit dem militärischen Dienstbetrieb vereinbaren läßt." Ein Problem, das sich gerade jungen Offizieren häufiger stellt. Manch einer wechselt nur wenige Jahre nach dem Studium in den Zivilberuf, um dem starren Weg mit seinen Vorgaben aus Truppenverwendungen und Lehrgängen zu entgehen.

So wollte Ullner auf keinen Fall hinnehmen, daß sein nächster Job an einem Ministeriumsschreibtisch festgelegt wird: "Wenn mir in der Wirtschaft etwas zu sehr nicht paßt, kann ich wenigstens kündigen!"

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