Hightech-Chips aus Lokstedt

Philips: Vor 50 Jahren starteten drei Ingenieure an der Stresemannallee die Entwicklung von Transistoren. Heute werden in Hamburg jährlich 300 Millionen Chips hergestellt.

In Haus N brennt immer Licht. Hinter den Klinkerfassaden des 50er-Jahre-Baus auf dem Philips-Firmengelände in der Lokstedter Stresemannallee sind rund um die Uhr Arbeiter in weißen Schutzanzügen am Werk: Im staubfreien Reinstraum belichten sie Wafer, ätzen winzige Strukturen in Halbleiter-Material oder testen am Bildschirm ihr Produkt: Chips. Szenenwechsel. Während in Hamburg Hightech vom Stapel läuft, spielen sich in einem Supermarkt in Rheinberg bei Duisburg Dinge ab, die aus einem Science-Fiction-Film zu stammen scheinen: Ein Kunde legt eine Milchtüte in den Einkaufswagen und sieht sofort an einem Display, dass er jetzt Ware im Gesamtwert von 32,30 Euro durch den Laden fährt. Im Nebenraum wird ein Angestellter per Computer darüber informiert, dass er das Milchregal bald auffüllen muss. Der Trick: Die Produkte sind mit Etiketten gekennzeichnet, in denen winzige Radio-Frequenz-Identifikations-Chips (RFID-Chips) stecken. Auf ihnen sind Daten über das Produkt gespeichert. Die Labels im "Extra Future Store" des Unternehmens Metro stammen aus den Hamburger Reinsträumen. Die Technologie aus der Stresemannallee hat Tradition: Seit 50 Jahren fertigt Philips hier Halbleiter: Zunächst einfache Transistoren, später auch Chips - also Halbleiterplättchen, auf denen mehrere Transistoren zu einer integrierten Schaltung vereint sind. 1953 begannen drei Ingenieure, an der Entwicklung der Bauelemente zu tüfteln. Diese Transistoren, erst 1947 erfunden, waren eine enorme Verbesserung gegenüber den Elektronen-Röhren, die bis dahin in Gebrauch waren. Letztere waren so groß wie eine Glühbirne, gingen rasch kaputt und brauchten viel Strom. Die Transistoren dagegen waren damals mit einigen Millimeter Größe winzig. Ihren Namen, Halbleiter, tragen sie, weil sie aus den Halbleiter-Elementen Germanium oder Silizium bestehen. Die Lokstedter Entwickler gingen schon 1956 mit ihrem ersten Mini-Bauteil, dem "OC70", in Serie. Es diente als Verstärker für das erste Hörgerät, das man am Ohr tragen konnte. Das Geschäft lief bald so gut, dass ein neues Produktionsgebäude, das "Gebäude N", errichtet werden musste. In den kommenden Jahren wurden die Transistoren schneller, kleiner und in immer mehr Bereichen einsetzbar. Darum schrumpften auch die Radios: Der UKW-Taschenempfänger "Nanette" (1962) mit acht Transistoren und vier Dioden wog nur noch 275 Gramm. 1973 ermöglichten die Forscher mit Chip "GZB1500" das Zapping-Zeitalter: Der Halbleiter wanderte in die neue Erfindung Fernbedienung. 1982 kam dann aus Hamburg ein neuer Kontroll-Chip - er steuerte den weltweit ersten CD-Spieler. Seitdem widmen sich die Entwickler vor allem Halbleitern, die den Alltag vereinfachen: Sie ersannen einen Chip, der mit einem Drehzahlsensor das Antiblockiersystem auslöst, erdachten die Wegfahrsperre, die nur über einen intelligenten Autoschlüssel deaktiviert werden kann, und statteten die Menschen mit Chipkarten aller Art aus. 3000 Mitarbeiter in Forschung, Fertigung und Marketing gehören zum Betrieb. 25 Milliarden Halbleiter und 300 Millionen Chips stellt die Fabrik pro Jahr her. Im einstigen Röhren- und Halbleiterwerk, nun "Philips Semiconductors Hamburg", tüftelt man weiter: "Bald werden wir vielleicht auf Tastaturen verzichten können", so Gernot Fiedler, Chef des Halbleiter-Bereiches. "Dann wird alles mit Spracherkennung geregelt, die Knöpfe am Telefon werden überflüssig!" An solchen Chips arbeitet die "Denkmaschine", rund 100 Ingenieure, die Innovationen umsetzen. Sie haben einen Weg gefunden, die Halbleiter mit einer Hommage an Hamburg zu bestücken: Etliche Plättchen tragen - mit bloßem Auge nicht erkennbar - das Stadtwappen.