Virologe

Worüber sich Corona-Experte Christian Drosten ärgert

Professor Christian  Drosten ist Direktor am  Institut für Virologie der Berliner  Charité.

Professor Christian Drosten ist Direktor am Institut für Virologie der Berliner Charité.

Foto: Michael Kappeler / AFP

Kopiert, karikiert, verehrt, beschimpft: Der Mediziner dominiert die Diskussion über das Virus. Das liegt nicht nur an seinem Wissen.

Hamburg. Wenn alles gut läuft für Christian Drosten, wird er in wenigen Wochen die wichtigste Auszeichnung für Online-Publizistik in Deutschland erhalten. Der Virologe ist mit seinem Podcast „Das Coronavirus-Update“ für den Grimme Online Award, Kategorie „Information“, nominiert. Ein anderer, der mit 50.000 Euro dotierte „Sonderpreis für herausragende Kommunikation in der Covid-19-Pandemie“, ist ihm von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Stifterverband schon zugesprochen worden. Und wer weiß, was da an Ehrungen noch kommt: Christian Drosten, der Medienmann des Coronajahres 2020? Zumindest nicht unmöglich.

Dabei ist der 48-Jährige Wissenschaftler, aber das muss man in Deutschland niemandem mehr erklären. Drosten, vor wenigen Monaten gerade mal einem Fachpublikum ein Begriff, dürfte momentan zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Republik gehören.

Christian Drosten dominiert die Diskussion über das Coronavirus

Nun hat jede Krise ihre Gesichter, und dennoch ist es bemerkenswert, wie sich in Zeiten von Corona vieles auf diesen einen Mann fokussiert. Nie zuvor war ein Experte in der Öffentlichkeit so präsent wie in den vergangenen Wochen der Mediziner von der Berliner Charité. Er dominiert die Diskussion über das Virus. „Drosten hat gesagt …“ ist ein geflügeltes Wort geworden, auch bei Politikern (die er übrigens nicht mehr berät), und andere Wissenschaftler haben es nicht leicht, mit ihren Thesen oder Studien durchzudringen.

Als etwa der Bonner Virologe Hendrik Streeck seine Zwischenergebnisse aus der Heinsberg-Studie vorstellte, dauerte es wenige Stunden, bis Drosten dazu befragt wurde und die Art der Bekanntmachung kritisierte. Seitdem haftet Streecks Untersuchung, an der rund 80 Mediziner und andere Experten beteiligt sind, ein Makel an. Und wenn Ansgar Lohse, Professor am Universitätsklinikum Eppendorf, sich für eine „Durchseuchung“ von jüngeren Gruppen in Deutschland ausspricht, wird das, wenn überhaupt, nur am Rande registriert. Wer ist schon Ansgar Lohse? Nun, das ist ein Mediziner, der im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung für „neu auftretende Infektionskrankheiten“ zuständig ist – übrigens zusammen mit Christian Drosten.

Seine Popularität lässt wenig Raum für andere Experten

Drostens Popularität lässt wenig Raum für andere Experten. Das hat einerseits damit zu tun, dass das neuartige Virus zu seinem Fachgebiet gehört, andererseits aber auch mit seiner Art und, vor allem, seiner medialen Reichweite. Als viele in Deutschland noch dachten oder zumindest hofften, dass Corona an uns vorbeigehen würde, hatte Christian Drosten schon einen täglichen Podcast dazu.

Maskenpflicht in Hamburg: Bürgermeister beantwortet Fragen
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Norbert Grundei, Leiter des NDR Audiolabs Think Radio, war in einer Fernsehtalkshow auf den Professor aufmerksam geworden, der so verständlich formulieren konnte und so sympathisch auftrat: „Ich fand ihn zunächst vor allem als Typ gut“, sagt Grundei. Er recherchierte über Drosten und fand heraus, was heute fast deutsches Allgemeinwissen ist: nämlich, dass der Mediziner zu den führenden Virologen nicht nur in Deutschland gehört, dass er das Sars- Virus­ mitentdeckt und einen Coronatest entwickelt hat.

Einer der meistgehörten Podcasts in Deutschland

„Und dann habe ich irgendwo gelesen, dass es Christian Drosten wichtig ist, dass die Menschen über wissenschaftliche Erkenntnisse aus einer seriösen, zuverlässigen Quelle informiert werden“, sagt Norbert Grundei. „Spätestens da hatte ich die Idee, mit ihm einen täglichen Podcast zu Corona zu machen.“ Die Kontaktaufnahme begann mit einer förmlichen Mail: „Sehr geehrter Herr Professor, wahrscheinlich haben Sie keine Zeit dafür, aber könnten Sie sich vorstellen …“ Grundei sagt, dass er weder mit einer schnellen Antwort noch einer Zusage gerechnet habe. Doch tatsächlich antwortete Drosten innerhalb von zwei Stunden: „Bin diese Woche noch unterwegs. Idee finde ich super, können nächsten Montag anfangen.“

Das war der Beginn einer exponentiellen Verbreitung von Drostens Erkenntnissen, Thesen und Gedanken, die dem Virus (zum Glück) bisher nicht gelungen ist: Schnell wurde sein „Corona-Update“ zu einem der meistgehörten Podcasts in Deutschland. Bis zu zehn NDR-Mitarbeiter kümmern sich um Produktion und Weiterverbreitung, der Podcast selbst oder Auszüge daraus laufen in verschiedenen Radiosendern der ARD, im NDR-Fernsehen oder bei tagesschau24. Hinzu kamen unzählige Interviews, die Drosten gab und gibt, zuletzt war er unter anderem bei der „Süddeutschen Zeitung“ und beim ORF zu Gast, auch von Jan Böhmermann hat er sich schon befragen lassen.

Kopiert, karikiert, verehrt und in sozialen Medien beschimpft

Drostens Podcasts hatten schon vor einem Monat mehr als 15 Millionen Abrufe, wie viele Menschen er insgesamt erreicht hat, kann man seriös nicht sagen. Es waren auf jeden Fall so viele, dass dem Wissenschaftler längst die höchste Form der medialen Anerkennung zuteilwird – er wird kopiert und karikiert, verehrt, in den sozialen Medien beschimpft. Jede seiner Äußerungen im Podcast wird registriert, viele Zitate werden zugespitzt und manchmal auch aus dem Zusammenhang gerissen.

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Das ärgert Christian Drosten, einmal hat er sogar schon damit gedroht, sich aus den Medien zurückzuziehen, „wenn das nicht aufhört“. Wörtlich sagte er: „Es gibt Zeitungen, die malen inzwischen nicht nur in den Wörtern, sondern in Bildern Karikaturen von Virologen. Ich sehe mich selber als Comicfigur, und mir wird schlecht dabei.“ Er stellte auch klar, dass er die Auftritte in der Öffentlichkeit nicht brauche: „Im Gegenteil, für einen Wissenschaftler ist es gefährlich. Es kann wirklich karriereschädigend sein, sich zu sehr in die Öffentlichkeit zu begeben.

Drosten möchte keine Politik machen

Denn in der Öffentlichkeit muss man simplifizieren und muss Dinge vereinfachen. Das steht einem Wissenschaftler eigentlich nicht gut.“ Drosten macht trotzdem weiter, während Kollegen, wie etwa die Hamburger Virologin Marylyn Addo, bewusst nur etwa alle zwei Wochen für ein Interview zur Verfügung stehen, und das Robert-Koch-Institut gerade erklärt hat, aus Überlastungsgründen nicht mehr alle Presseanfragen beantworten zu können.

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Was treibt Christian Drosten an, der sich nicht nur über seine Darstellung und über verkürzte Zitate, sondern auch darüber ärgert, dass Medien von ihm das Bild eines Wissenschaftlers transportieren würden, der Politik machen und Entscheidungen treffen wolle? Das sei überhaupt nicht sein Ziel, sagt er und verschickte am Wochenende ein Video mit Österreichs Topjournalisten Armin Wolf über Twitter mit folgenden Worten: „Meine derzeitige Sicht der Dinge in einem hervorragend recherchierten Interview mit Armin Wolf vom ORF. Ich spreche als Virologe, nicht als Privatperson. Keine Zuständigkeit für Wirtschaft und Politik.“

Seine Äußerungen haben eine große Wirkung

Das klingt so angefressen wie eindeutig und ist es doch nicht. Denn wenn ein Experte wie Christian Drosten sich, und sei es aus virologischer Sicht, zu den Lockerungen der Maßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung äußert, bewirkt das natürlich allein aufgrund seiner exponierten Stellung und Bekanntheit etwas. Wenn Drosten sich Sorgen macht, ob Deutschland angesichts der Gespräche über Lockerungen seinen „Vorsprung verspielt“, dann klingt das wie die Kritik der Bundeskanzlerin an den „Öffnungsdiskussionsorgien“.

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Und wenn er die Kommunikation bei der Heinsberg-Studie in der „Süddeutschen Zeitung“ als „total unglücklich“ bezeichnet, bleibt bei vielen Menschen hängen: Die Studie kann also nichts sein. Dabei hat Christian Drosten genau das nicht gesagt, im Gegenteil: „Bei „Maybritt Illner“ erzählte er vor Kurzem, dass er „mit Hendrik“ (gemeint ist Streeck) länger darüber gesprochen habe und die Studie gut und seriös werden könnte.

Podcast künftig nur noch an zwei Tagen in der Woche

Wissenschaft lebt vom Diskurs, vom Austausch von Informationen und Studien. Zum Coronavirus wachsen die so schnell, dass selbst der Experte Zeit braucht, um hinterherzukommen. Am Anfang habe er in seinem Podcast noch „aus dem Nähkästchen“ plaudern können, sagt Drosten. „Da habe ich Grundwissen von mir gegeben. Das ist inzwischen nicht mehr so. Ich lese manchmal 40,50 vorveröffentlichte Studien zur Vorbereitung. Es wird ja jetzt viel mehr argumentiert mit wissenschaftlichen Befunden.“ Weil dem so ist, wird es seinen Podcast künftig nur noch mal an zwei Tagen in der Woche geben.

Coronavirus: Verhaltensregeln und Empfehlungen der Gesundheitsbehörde

  • Reduzieren Sie Kontakte auf ein notwendiges Minimum und halten Sie Abstand von mindestens 1,50 Metern zu anderen Personen
  • Achten Sie auf eine korrekte Hust- und Niesetikette (ins Taschentuch oder in die Armbeuge)
  • Waschen Sie sich regelmäßig die Hände gründlich mit Wasser und Seife
  • Vermeiden Sie das Berühren von Augen, Nase und Mund
  • Wenn Sie persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das Coronavirus im Labor nachgewiesen wurde, sollten Sie sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges Gesundheitsamt wenden

Das dürfte eine Enttäuschung für die Fangemeinde von Deutschlands bekanntestem Virologen sein und vielleicht eine Chance für andere Experten, die in den vergangenen Wochen kaum oder nur schwach zu hören waren. Das ist wichtig, weil die Wissenschaft immer noch viel zu wenig über das Virus weiß und täglich dazulernt. Wer sich das Drosten-Material der vergangenen Wochen noch einmal anhört oder durchliest, bemerkt selbst bei ihm eine Lernkurve: Erst war er gegen Schulschließungen, dann dafür. Früher hat er die Epidemie mit der Hongkong-Grippe verglichen, jetzt zieht er auch schon mal Verbindungen zur Spanischen Grippe. Drosten hielt wenig von Ausgangssperre, weil deren Wirkung nicht wissenschaftlich nachgewiesen sei.

„Ewig können wir so nicht weitermachen“

Er forderte zwar „konsequentes Handeln bis zur Woche nach Ostern“, sagte aber auch: „Ewig können wir so nicht weitermachen.“ Drosten ging zunächst davon aus, dass der Sommer mit seinen höheren Temperaturen und mit den Aufenthalten im Freien einen deutlichen Einfluss auf die Verbreitung des Virusgeschehens haben werde, inzwischen ist er sich da nicht mehr so sicher, wenn überhaupt, werde der Effekt eher klein sein.

Wie hat es der UKE-Mediziner Ansgar Lohse vor Kurzem gesagt?: „Wer mit seinen Thesen und Annahmen recht gehabt hat, werden wir leider erst nach dem Ende der Pandemie erfahren.“ Wobei zwei deutsche Virologen jeweils einen Treffer gelandet haben: Der eine ist, ja, Christian Drosten, der die sogenannte Infektionssterblichkeit zu Beginn der Pandemie mit 0,3 bis 0,7 Prozent bezifferte und damit offensichtlich richtig lag. Und der andere? Der heißt Hendrik Streeck – er hat als erster Mediziner weltweit herausgefunden, dass Menschen, die an Covid-19 erkranken, ihren Geruchs- und Geschmackssinn vorübergehend einbüßen können. Und einen Podcast hat er jetzt auch …