Wissenschaft

Wie ernst meint es China mit dem Klimaschutz?

In dichtem Smog fährt ein Mann mit dem Fahrrad durch eine Straße in Liaocheng in der Provinz Shandong (China)

In dichtem Smog fährt ein Mann mit dem Fahrrad durch eine Straße in Liaocheng in der Provinz Shandong (China)

Foto: Zhao Yuguo / dpa

Energie zu sparen ist Teil der Planwirtschaft geworden. Doch das Wachstum des Landes ist nach wie vor an steigende Emissionen gekoppelt.

Spätestens seit dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen gilt China als neuer Hoffnungsträger für den weltweiten Klimaschutz. Noch ist das Land der größte Produzent von Treibhausgasen weltweit. Inzwischen präsentiert es sich aber selbstbewusst in der Rolle des Klimaretters und feiert erste Erfolge. Aber wie effektiv sind die chinesischen Bemühungen wirklich?

China spielt eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die globale Erwärmung. Eine konsequente Klimaschutzpolitik, im Idealfall ohne spürbare Nachteile für die Bevölkerung, könnte den Klimawandel abmildern. Sein Potenzial als Klimaschützer ist unbestritten – und die Ziele der Regierung inzwischen ehrgeizig: Im Vergleich zu 2005 soll bis 2020 die Menge von Kohlendioxid-Emissionen um bis zu 65 Prozent reduziert werden. Der Anteil erneuerbarer Energien soll auf 15 Prozent steigen. Energie einzusparen, ist Teil der Planwirtschaft des Landes geworden. Und in einigen Provinzen ist testweise ein Emissionshandel eingeführt worden.

Doch wie weit ist Chinas Wandel zur klimafreundlichen Wirtschaft wirklich vorangeschritten? Das habe ich zusammen mit einer chinesischen Gastwissenschaftlerin hier am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit überprüft. Dafür haben wir zunächst alle aktuellen Forschungsergebnisse zum Thema analysiert und zusammengefasst. Gar nicht so einfach: Oft sind die Studien kaum vergleichbar, da sie ganz unterschiedlich an die Pro­blemstellungen herangehen. Das Ergebnis ist der Mühen aber wert: Wir gewinnen ganz neue Einblicke und können große Entwicklungen besser erkennen.

Die Forschung zum Klimaschutz in China behandelt vor allem drei Bereiche: emissionsarme Städte, Technologien und Industrien sowie den Wandel des Energiesystems. Für alle drei Felder zeigt sich: China hat es noch nicht geschafft. Das Wachstum der Wirtschaft ist nach wie vor an steigende Treibhausgas-Emissionen gekoppelt. Für größere Erfolge wäre ein tief gehender Wandel der Industrie nötig, in der jetzt noch die energieintensive Stahl- und Eisenindustrie die Emissionen in die Höhe treibt. Dazu müsste in der Energieversorgung auf Strom aus fossilen Brennstoffen wie Kohle verzichtet werden.

In unserer weiteren Forschung zeigt sich, dass China die Lücke nutzt, die der Rückzug der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen international hinterlassen hat, und sich als „Macher“ präsentiert. Gleichzeitig wächst in China selbst der Druck: Die Abhängigkeit von Öl-Importen, die unsichere Energieversorgung und vor allem die starke Luftverschmutzung rufen immer mehr Widerstand in der Bevölkerung hervor. Diese Entwicklung wird von der Regierung aufmerksam registriert, denn Proteste könnten zu einer Bedrohung für sie werden. So möchte sie durch mehr Sicherheit in der Energieversorgung und die Einführung von erneuerbaren Energien diese Konflikte entschärfen. Das kommt, quasi nebenbei, auch dem Klima zugute.

Unsere Untersuchung zeigt: Klimaschutz lohnt sich für China, weil er sich auch auf andere nationale Interessen positiv auswirkt. In weiteren Untersuchungen versuchen wir jetzt herauszufinden, wie Klimaschutz als „Nebeneffekt“ nötiger Veränderungen auch in Deutschland möglich sein könnte. Im nächsten Jahr gibt es erste Ergebnisse aus einem Projekt in Hamburg-Lokstedt: Zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern suchen wir nach Möglichkeiten, die Stadt lebenswerter und gleichzeitig klimafreundlicher zu machen.

Die Forschung zum Klimawandel in Hamburg

Exzellenzcluster: Die Klimaforschung in Hamburg genießt internationales Renommee. Das Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg (CEN), das Max­-Planck-­Institut für Meteorologie, das Institut für Küstenforschung des Helmholtz-­Zentrums Geesthacht und das Deutsche Klimarechenzentrum bilden gemeinsam den Exzellenzcluster für Klimaforschung (CliSAP).

Präsentation Einmal im Monat präsentieren CliSAP-Forscher den Lesern des „Hamburger Abendblatts“ Ergebnisse aus ihren Gebieten. Prof. Dr. Anita Engels ist Soziologin und hat untersucht, wie China als größter CO2­-Produzent den Wandel seiner Energiewirtschaft angeht. Sie ist unter anderem stellvertretende Sprecherin des Exzellenzclusters der DFG "Integrated Climate System Analysis and Prediction (CliSAP)", Geschäftsführende Direktorin des Centrums für Globalisierung und Governance (CGG) und Mitglied im Vorstand des Centrums für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN).