Junge Profis

Mit der App Semper sollen Schüler mehr Spaß am Lernen haben

Simon Smend ist Volkswirtschaftler. Er hatte die Idee zur Lern-App Semper

Simon Smend ist Volkswirtschaftler. Er hatte die Idee zur Lern-App Semper

Foto: Sven Lambert

Simon Smend hält nichts von Schulnoten und langweiligem Büffeln. Seine App Semper hilft Schülern deshalb auf eine ganz andere Weise.

Berlin.  „Wir sind die Auswendiglern­revolution“, sagt Simon Smend. Und bevor der Gedanke an stures Vokabel pauken und Tests schreiben jemanden abschrecken kann, schiebt er hinterher, dass diese Art des Auswendiglernens von Schülern aber wirklich gemocht werde. „Es gibt viele Apps, die beim Lernen helfen sollen“, sagt der 35-Jährige. „Doch die meisten werden von Eltern oder Lehrern gut gefunden und empfohlen und haben damit bei Jugendlichen schon mal nicht die besten Startbedingungen.“

Dabei soll Lernen doch Spaß machen, findet er. Semper, so heißt die Lern-App der Gründer Simon Smend und Felix Nienstädt, entdecken die Schüler meist selbst in einem der üblichen Stores – und machen es umgekehrt: Sie empfehlen sie ihren Lehrern, erzählt der diplomierte Volkswirtschaftler.

Mehrmals täglich zeigt das Handy Vokabelfragen

2014 haben Smend und Nienstädt – er ist Diplom-Ingenieur – ihre Firma UnlockYourBrain gegründet. Anfangs zielte ihre App fürs Auswendiglernen eher auf Erwachsene. „Zum laufenden Schuljahr haben wir uns dann auf Schüler eingestellt“, erzählt Smend. Die Idee ist, häppchenweise zu lernen. Micro-Learning heißt das Fachwort.

„Früher hat man einen Zettel mit Vokabeln an die Kühlschranktür gehängt, heute nutzt man unsere App.“ Sie sorgt dafür, dass mehrmals am Tag eine zufällige Vokabelfrage auf dem Bildschirm erscheint – und zwar immer dann, wenn man eine App auf dem Handy öffnet. Vor welchen Programmen Fragen erscheinen sollen, legen die Nutzer zuvor selbst fest.

Wer die werbefreie Gratis-App Semper herunterlädt – sie finanziert sich durch zusätzliche Lernmodi, die kostenpflichtig sind, und zurzeit noch durch Investoren –, kann auf mehr als 50.000 Packs zugreifen. „Packs“ nennen die Gründer die Lernpakete. „Vor allem geht es um Vokabeln, möglich sind aber auch alle anderen Lernstoffe“, sagt Simon Smend.

Ganze Klassen lernen so gemeinsam

Die Packs werden teils von Sempers Mitarbeitern erstellt, großteils aber von der Community der Nutzer selbst. „Rund 2000 Packs kommen jeden Monat neu hinzu“, sagt Smend. „Etwa 80 Prozent mit Unterrichtsstoff für die Schule.“ Ganze Klassen würden so gemeinsam lernen. Die Motivation für die Jugendlichen, die sich die Mühe machen, Packs zu erstellen, sieht er darin, dass allein das Eingeben einer Vokabel und ihrer Übersetzung schon einen großen Lerneffekt hat. Außerdem sei auch der Einsatz für die Klassengemeinschaft ein Antreiber.

Semper ist in acht Sprachen verfügbar. „Sogar in Vietnam gibt es eine Gruppe, die mit Semper Chinesisch lernt“, erzählt Smend. Insgesamt werde die App pro Monat von 100.000 Menschen genutzt. An der Datenbankstruktur hätten sie in der Testphase lange getüftelt, sagt Smend, verkneift sich aber die detaillierte Erklärung. „Wir sind alle ziemliche Nerds“, gesteht er lachend ein.

Von Lehrern bekämen sie positive Rückmeldung, was die Fortschritte der Schüler angeht. Der Nutzen der App sei sogar wissenschaftlich belegt. 2014 habe die Uni Potsdam die Wirkung getestet, erzählt er. „Ergebnis: Über einen Zeitraum von zwei Wochen hat sich der Lernerfolg der Semper-User in Bezug auf Richtigkeit und Schnelligkeit verdoppelt.“ Zurzeit verfolgen die Gründer und ihre neun Mitarbeiter die Idee, „Classroom Features“ zu entwickeln. Mit ihrer Hilfe soll Lehrern zum Beispiel angezeigt werden, wie die Fortschritte ihrer Klasse sind.

In Bangladesch entstand die Idee zu Lernhilfen für Schüler

Die Idee zu Semper hatte Simon Smend in Bangladesch, wo er einige Wochen lebte, um seine Diplomarbeit vorzubereiten. Es ging um die Frage, wie nachhaltig Mikrofinanzierungen sind. „Wir hatten eine Wohnung gemietet, in der ein achtjähriger Junge Haushälter war“, erzählt er.

Befremdlich sei das gewesen, habe ihn aber auch dazu gebracht, über mobile Lernhilfen für Kinder nachzudenken. Während seines Studiums in New York, Potsdam und Berlin hatte der gebürtige Kölner sogar eine Zeit lang erwogen, Entwicklungshelfer zu werden.

„Als wir dann vor drei Jahren eine Firma gründen wollten, haben wir zwei Ansätze geprüft“, erzählt Simon Smend. Zum einen sei das eine Dienstleistung im Bereich Marketing gewesen, zum anderen der Gedanke, das Prinzip „Mobile first“ (also Angebote primär für mobile Endgeräte) aufs Lernen anzuwenden. In Erinnerung an den kleinen Bangladescher, der arbeiten musste, statt zur Schule zu gehen, fiel die Entscheidung für den zweiten Ansatz.

Erfahrungen bei Smava und Rocket gesammelt

Bevor Smend sich mit Semper selbstständig machte, hatte er schon in anderen Internetfirmen gearbeitet und Erfahrungen gesammelt. Unter anderem war er beim Vergleichsportal Smava und bei Rocket Internet beschäftigt. Bei Smava lernte er auch seine heutige Ehefrau kennen. „Ich habe sie mit meinen Excel-Kenntnissen beeindruckt“, sagt er und grinst.

Rocket sähen ja viele kritisch, sagt Smend. „Aber was sie gut machen ist, dass sie etwas beenden, wenn es nicht funktioniert.“ Andere Firmen würden immer weiter probieren, obwohl die Erfolgsaussichten gering seien. „Konsequenzen ziehen zu können, war meine wichtigste Erfahrung bei Rocket“, sagt der 35-Jährige rückblickend.

Dementsprechend hofft er darauf, dass auch die Verantwortlichen fürs Schulsystem irgendwann einmal Konsequenzen ziehen. Noten abzuschaffen wäre ein erster Schritt, findet Simon Smend. „Sie sind kontraproduktiv für alle. Ich bin überzeugt, dass in 20 Jahren vieles in den Schulen anders sein wird.“