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Likes statt Blumen: Die Generation Y flirtet online

| Lesedauer: 15 Minuten
Julia Dziuba
Mit einem Wisch zum Date – oder eben nicht: Für die Generation Y gehört Tinder zu den populärsten Social-Dating-Apps

Mit einem Wisch zum Date – oder eben nicht: Für die Generation Y gehört Tinder zu den populärsten Social-Dating-Apps

Foto: Myriam Apke

Wird man glücklich mit Tinder, Parship und Co.? Die Generation Y lagert auch die Liebe ins Digitale aus – zwei Erfahrungsberichte.

Hamburg. Die Kontakt- und Partnersuche im World Wide Web ist beliebt, wie aktuelle Daten zur Nutzung von Online-Dating-Portalen in Deutschland zeigen: 30 Prozent aller Beziehungen haben ihren Ursprung mittlerweile im Internet, so eine Studie zum Online-Dating-Markt des Portals singleboersen-vergleich.de. Sie beruft sich auf die Angaben führender Unternehmen des Sektors. 2013 haben monatlich acht Millionen Menschen online nach Kontakten gesucht. Mit 176 Usern auf 1000 Einwohner steht Hamburg hier an der bundesweiten Spitze der Online-Dater, Brandenburg bildet das Schlusslicht mit 79 Nutzern pro 1000 Einwohner.

Social-Dating-Angebote, deren meist kostenlose Offerten offen formuliert darin bestehen, dass die Nutzer neue Leute kennenlernen, verzeichnen pro Monat die meisten User – vor Kontaktanzeigen-Portalen und Online-Partnervermittlungen. Letztere stellen allerdings das Marktsegment mit dem größten Umsatz, 2013 waren dies 71,1 Millionen Euro.

Mit einem Wisch kommt man ins Gespräch

Die Generation Y ist eine Kernzielgruppe solcher Social-Dating-Sites und -Apps, von denen die App Tinder eine der populärsten ist. In Los Angeles entwickelt und vor fünf Jahren auf den Markt gekommen, wird sie nach Angaben des Unternehmens mittlerweile in 196 Ländern genutzt.

Wer „tindert“, bekommt Fotos von anderen Usern in einem vorher ausgewählten räumlichen Umkreis angezeigt, die mit einem Wisch („swipe“) entweder nach rechts (Interesse) oder links (kein Interesse) geschoben werden können. Entscheiden sich zwei User für den Swipe nach rechts, wird ihnen ein "Match" angezeigt und sie können miteinander chatten. Über das kostenpflichtige Premium-Modell Tinder Plus können die User zusätzliche Funktionen nutzen – die Preise hierfür variieren je nach Alter und Land.

Online-Partnervermittlungen richten sich dagegen explizit an eine Zielgruppe, die auf der Suche nach einem festen Partner ist. Marktführer dieser meist kostenpflichtigen Angebote ist das Hamburger Unternehmen Parship. Es wurde 2001 gegründet und arbeitet mit einem vermeintlich wissenschaftlich ausgearbeiteten Fragebogen samt Matching-Algorithmus.

35 Euro pro Monat für eine Premium-Mitgliedschaft bei Parship

Auch bei Parship scheint sich der Nutzerstamm aus immer mehr Vertretern der Generation Y zusammenzusetzen: So hat sich die Zahl der Premium-Mitglieder im Alter zwischen 18 und 35 Jahren Anfang 2015 um etwa 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöht, betont Parship in einer Pressemitteilung – absolute Zahlen werden aber nicht genannt. Eine Premium-Mitgliedschaft ist notwendig, um alle Leistungen der Online-Partnervermittlung nutzen zu können – diese gibt es pro Monat ab 35 Euro aufwärts.

Wir wollen wissen, welche Erfahrungen die User der Generation Y jenseits von Zahlen und Werbesprüchen der Unternehmen selbst mit Online-Dating-Portalen gemacht haben – zwei Hamburger erzählen uns, wie gut die Partnersuche bei Parship und Tinder wirklich funktioniert.

Erfahrungsbericht I: Erst kennenlernen, dann treffen

Martin, 36, hat über Parship seine jetzige Freundin kennengelernt – zwei Wochen, nachdem er sich angemeldet hatte. Er ist von der Partnervermittlung über das Web positiv überrascht – von Dating-Apps hält er dagegen nicht viel.

"Ich habe mich vor etwa einem Jahr bei Parship angemeldet und einen Jahresvertrag abgeschlossen. Ich war auf der Suche und da lasse ich nicht unnötig Zeit verstreichen, sondern schaue mich aktiv um. Ich war vorher eigentlich ein ziemlicher Gegner der Online-Partnersuche. Aber durch die Arbeit bin ich sehr pragmatisch, rational und zielstrebig eingestellt – wie wir alle, glaube ich, Generation Y eben. Vor etwa zehn Jahren hatte ein Freund von mir über ein Internet-Forum jemanden kennengelernt, da habe ich noch gedacht, voll komisch – aber jetzt würde ich es selbst eigentlich nur noch online machen, weil diese Form der Partnersuche so extrem zielorientiert ist.

Partnersuche ohne Störfaktoren

Wenn Frauen abends ausgehen, tun sie das meistens in der Gruppe, und da würde ich dann nicht unbedingt zu einer hingehen und sie ansprechen, dafür bin ich nicht der Typ. Meine Freundin hat auch gesagt, dass wir uns in einer Bar wahrscheinlich nicht kennengelernt hätten.

Bei der Partnersuche auf einer Online-Plattform fallen dagegen alle möglichen Störfaktoren weg, die ein Kennenlernen außerhalb des Webs behindern könnten: Es ist erstens nicht so laut wie in einer Disko, dazu gibt es keine anderen Männer, die beim Flirten dazwischengrätschen könnten. Und du kommunizierst nur mit Frauen, die auch wirklich auf der Suche nach einer Beziehung sind.

Ein positiver Faktor ist dabei auch die Zwanglosigkeit: Abends schreibst du irgendwen an und derjenige hat die Möglichkeit zu antworten, wann es ihm passt.

Dazu kommt, dass ich gebürtiger Berliner bin und in Hamburg keinen über die Jahre gewachsenen Freundeskreis habe. Ich habe mir gedacht, entweder lernst du jemanden auf der Arbeit kennen, was aber nicht so meins ist, oder über Freunde und Bekannte auf Partys. Das ist bei mir aber recht überschaubar, weil ich ja nun keine 23 mehr bin und nicht mehr jedes Wochenende auf den Kiez gehe.

...und ich sag dir, wer du bist

Die Anmeldung bei Parship selbst ist relativ umfangreich. Neben Fragen zu Alter, Beruf und Hobbies gibt es beispielsweise Bilder, bei denen man angeben soll, welches einem besser gefällt. Ich glaube, damit wird dann versucht herauszufinden, was für eine Persönlichkeit man ist, ohne dass ich genauer weiß, welcher Algorithmus oder welche Logik dahintersteckt.

Auf jeden Fall werden dir dann Vorschläge von Personen gemacht, die zu dir passen könnten. Das ist eine ganze Liste, bei der du auch weiter klicken kannst, wobei die Übereinstimmungen dann, je weiter man klickt, immer geringer werden. Man bekommt zu jedem, der einem angezeigt wird oder einen anschreibt, die Zahl der Matching Points aufgeführt, die angeben sollen, wie groß die Übereinstimmungen sind, wie gut man zueinander passt. Ich glaube, 120 sind das Maximum, bei meiner Freundin und mir wurden 88 Points angezeigt.

Nach zwei Wochen die Richtige

Ich habe dann insgesamt mit drei Frauen geschrieben und mit einer, meiner jetzigen Freundin, habe ich mich nach zwei Wochen auf einen Kaffee getroffen. Wir waren uns direkt sympathisch und es hat relativ schnell gefunkt. Das heißt, nach zwei Wochen war ich mit dem Thema Partnersuche eigentlich durch, hatte aber noch meinen Jahresvertrag. Für mich war es aber kein Problem, noch ein Jahr weiterzuzahlen, weil ich jetzt in einer glücklichen Beziehung bin und am Ende suchen wir doch alle den Partner, mit dem man sich gemeinsam etwas aufbaut – blöd wäre, wenn ich jetzt, nach einem Jahr, immer noch niemanden gefunden hätte.

Daumen runter für Tinder und Co.

Von Dating-Apps wie Tinder oder Finya – bei Finya war ich selbst mal angemeldet – würde ich immer abraten. Das kann meiner Meinung nach nichts Seriöses sein, weil es nichts kostet und viele sich vor diesem Hintergrund auch einfach aus einer Laune heraus entschließen, sich anzumelden, ohne es wirklich ernst zu meinen. Ich denke, dass Leute, die bei Parship oder Elitepartner registriert sind, sich dagegen sehr wohl überlegt haben, was sie von dem jeweiligen Portal erwarten. Bei Dating-Apps wird eine Plattform bereitgestellt, die von den Leuten befüllt wird, da ist nichts gesteuert, koordiniert oder angereichert.

Auch diesen Mechanismus bei Tinder, Bilder von Personen nach rechts oder links zu wischen, finde ich schon sehr krass. Bei Finya gibt es zudem sehr viel Werbung, da geht ein Pop-up nach dem anderen auf.

Das Wichtigste geklärt – vor dem ersten Date

Über die Angaben bei Parship werden auch viele Dinge abgefragt, die erkennen lassen, welchen Reifegrad jemand hat. Ein wichtiges Auswahlkriterium war für mich zum Beispiel der Beruf, das Alter habe ich eingeschränkt, zwischen 30 und 40 sollte sie sein. Ich habe auf alles ein bisschen geachtet, Sprachkenntnisse, Hobbies, Vorlieben, Mottos, aber beim Beruf war mir besonders wichtig, dass die Frauen eben berufstätig sind und selbstständig durchs Leben gehen – eine Einstellung, die die meisten Frauen unserer Generation ja auch teilen. Ich habe auch angegeben, dass ich Kinder möchte, weil ich auf der Suche nach einer festen, dauerhaften Beziehung war und es für mich ein Ausschlusskriterium wäre, wenn eine Frau keine Kinder will. Da gab es schon ein paar grundsätzliche Knackpunkte, die für mich wichtig waren.

Die erste Kennenlernphase wird über die Angaben im Portal ein bisschen vorweggenommen und ist gleichzeitig auch Ausgangspunkt dafür, ob ein engerer Kontakt zustande kommt. Und dadurch muss man eben nicht noch in drei, vier Dates herausfinden, wie der andere drauf ist. Auch, wenn das blöd klingt, ich habe wenig Zeit und warum soll ich die dann damit vertrödeln, jemanden kennenzulernen? Ich habe das Gefühl, dass ich mit meiner Freundin schon viel länger zusammen bin, auch deshalb, weil wir schon so viel voneinander wissen und uns am Anfang bereits bewusst über eine potenzielle gemeinsame Zukunft ausgetauscht haben.

Ich finde es mittlerweile total legitim, an die Partnersuche so zielorientiert heranzugehen – auch wenn es meiner Meinung nach am Ende immer auf die richtige Chemie ankommt."

Erfahrungsbericht II: Mobil, schnell, oberflächlich

Anja, 27, hat Tinder zur Partnersuche ausprobiert – und keine guten Erfahrungen gemacht. Dennoch sieht sie bei der App auch Vorteile:

"Ich habe Tinder anderthalb Monate genutzt. Eine Freundin, eine fleißige Tinder-Userin, die bei mir zu Besuch war, hatte mich auf den Geschmack gebracht. Ich dachte mir, dass ich es ja mal ausprobieren kann. In meinem Freundeskreis haben viele die App zu der Zeit genutzt – die fanden das alle ganz witzig.

Die Anzahl der Matches hängt immer auch davon ab, wie oft man Tinder nutzt und wie groß der räumliche Such-Radius ist, den man auswählt. Ich habe meistens ein ziemlich kleines Entfernungslimit angegeben, so drei, vier Kilometer. Da werden einem dann eben gar nicht so viele Leute angezeigt und wenn man dann noch einige wegwischt, reduzieren sich die Treffer nochmal zusätzlich. Im Durchschnitt hatte ich aber relativ viele Matches, weil ich über ein paar Abende hinweg viele Personen geliked hatte und daraus ergab sich dann doch eine ganz gute Quote.

Das ist schon ganz nett, wenn du dein Profil aufrufst und dich dann zwanzig Leute geliked haben, ein Ego-Pusher. Diese Aufmerksamkeit, die einem darüber zuteil wird, war auch für viele meiner Freunde der eigentliche Hauptgrund, Tinder zu nutzen – ob dir dann jemand schreibt und es zu einem Treffen kommt, war bei den meisten eher nebensächlich, glaube ich.

Realitätscheck: negativ

Getroffen habe ich mich mit zwei Männern. Mit dem einen habe ich mich richtig gut unterhalten, wir hatten auch vorher schon einmal telefoniert. Zu einem zweiten Treffen kam es dann erstmal nicht, und als ich ihn wieder angeschrieben habe, hatte er schon jemand anderes gefunden. Bei dem anderen Date hat es einfach von Anfang an nicht gepasst. Wir hatten vorher kaum miteinander geschrieben, und als ich ihn dann gesehen habe, dachte ich mir schon, dass das schwierig wird – ein Eindruck, der sich nach den ersten zwei Sätzen bestätigt hat. Aber ich habe immerhin zwei Weingläser durchgehalten.

Ich bin generell kein Schreib-Fan, deswegen funktioniert Tinder für mich auch nicht – diese gekünstelten Gespräche, bei denen man versucht, sich etwas Originelles auszudenken, was aber letztlich absurd ist, weil man an eine wildfremde Person schreibt, von der man lediglich zwei Fotos sieht. Ich bin da einfach total unkreativ. Da würde ich eher zum Speed-Dating gehen, weil du dort die Person direkt siehst und dich mit ihr unterhalten kannst.

Außerdem kamen an einem Abend, an dem ich bei Tinder lange online war und auch viele Matches hatte, mehrere mehr oder weniger direkte Anfragen nach Sex-Dates. Auf so etwas habe ich aber keine Lust, gerade wenn es so offensichtlich ist, worauf die Anfrage abzielt. Wenn man sich mit jemandem trifft und es passt, und daraus entwickelt sich dann eine Nacht, ist es etwas anderes, finde ich. Aber sich dagegen mit jemandem zu treffen, den man noch nie zuvor gesehen hat, ist mir auch einfach zu heikel.

Tinder ist nichts für die Partnersuche, aber...

Ich denke, Tinder ist generell nichts für Leute, die tatsächlich einen Partner suchen und ich glaube nicht, dass ich mich noch einmal bei Tinder anmelden werde.

Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass von unserer Generation die Möglichkeit, über Apps Leute kennenzulernen, viel mehr genutzt wird, weil sie der Mobilität und Flexibilität der Menschen entgegen kommt. Es ist nicht so aufwendig wie zum Beispiel bei Parship, wo du erst einmal drei Stunden lang Fragebögen ausfüllen und außerdem noch bezahlen musst. Da ist die Hürde, sich anzumelden, nochmal viel höher. Bei Tinder packst du zwei Fotos rein, filterst nach Entfernung, Altersgruppe und Geschlecht, fertig. Es ist natürlich auch leichter, über die App jemanden anzusprechen, weil du dich so ein bisschen hinter deinen schönen gefilterten Fotos verstecken kannst. Ich habe in den sechs Wochen jedenfalls gemerkt, dass es für mich nichts ist, ich spreche die Personen lieber direkt an.

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