Interview

Liebe oder Karriere: "Alles ist irgendwie kurzfristig"

Die Freiheit, unabhängig zu sein und sein Leben selbst zu gestalten, nehmen sich die Frauen der Generation Y relativ selbstverständlich – auch wenn es häufig einen Balanceakt darstellt

Die Freiheit, unabhängig zu sein und sein Leben selbst zu gestalten, nehmen sich die Frauen der Generation Y relativ selbstverständlich – auch wenn es häufig einen Balanceakt darstellt

Foto: Myriam Apke

Bei ihren Partnerschaften steckt auch die Generation Y in einem Dilemma. Svenja, 24, über Beziehungen, Entscheidungen und Alleinsein.

Hamburg. Svenja: Als ich klein war, habe ich immer gedacht, dass ich einmal heiraten würde. In einem weißen Kleid und festlicher Umgebung. Ich hatte nie Zweifel, Familie und Kinder zu haben. Inzwischen ist mir das gar nicht mehr so klar. Ich weiß nicht, ob das noch mein Wunsch ist. Da gibt es so viele Umstände.

Hamburger Abendblatt: Welche Umstände meinst du?

Svenja: Im Moment bin ich im Studium. Aber wer weiß schon, wie es weitergeht? Ich lerne sehr viel, um mitzuhalten. Ich will auch erfolgreich sein. Aber ich vernachlässige oft Freunde. Mir fehlt also Zeit. Kinder und Familie brauchen Zeit. Und Geld. Es braucht den richtigen Mann, den festen Job, ein Zuhause. Ich denke aber, ich muss flexibel bleiben und zusehen, dass ich vorwärtskomme.

Hamburger Abendblatt: Hört sich an, als würdest du gerne etwas ändern.

Svenja: Im Grunde nicht. Aber ich hätte gerne weniger Druck. Ich habe das Gefühl, ich muss mich entscheiden und jetzt schon den Masterplan für mein Leben haben. Ich meine, wenn irgendwann die Gelegenheit da ist, werde ich wohl auch heiraten und Kinder kriegen wollen. Im Moment sollte dieser Gedanke an eigene Familie einfach nicht da sein, weil die Umstände nicht passen. Trotzdem belastet es mich. Ich denke manchmal, ich habe mich doch schon jetzt gegen Familiengründung entschieden.

Svenja ist wegen des Studiums von Zuhause weggezogen. Ihre Familie sieht sie deswegen selten. Sie wohnt in einer Wohngemeinschaft mit drei Männern, was ihr sehr gut gefällt. Es gäbe wenig Streit und die Stimmung sei locker. Mit der Liebe hat es bei ihr bisher nicht geklappt. Sympathien habe sie schon oft für jemanden gehegt, aber es kam nie zu einer längeren Liebesbeziehung.

Hamburger Abendblatt: Glaubst du, dass die Generation Y beziehungsunfähig ist?

Svenja: Ich glaube, dass uns Beziehungen nicht leicht fallen. Es gibt ja auch keine klassischen Rollen mehr, denen man entsprechen muss oder darf. Es kann ja auch erleichternd sein, wenn man einen festen Part und Aufgaben hat. Heute kann jeder individuell alles aus sich herausholen. Niemand muss typisch weiblich oder männlich sein, und um erfolgreich zu sein, braucht es nicht unbedingt einen Partner. Ich glaube, dass es schöner ist, wenn man unterstützt wird, aber es geht auch so. Beziehung ist geben und nehmen und hat viel mit Abhängigkeit zu tun. Und heutzutage will keiner mehr abhängig sein.

Hamburger Abendblatt: Du glaubst, die Generation Y ist unverbindlich?

Svenja: Das ist sehr negativ ausgedrückt. Aber unverbindlich stimmt wohl, weil alles irgendwie kurzfristig ist. Wenn es niemanden gibt, mit dem eine Beziehung eingehen kann oder will, nimmt man das, was da ist. Und das ist irgendwas Kurzfristiges.

Hamburger Abendblatt: Bist du denn auf der Suche nach etwas Längerfristigem?

Svenja: Nein, nicht direkt. Ich meine, ich laufe nicht herum und schaue mir jeden Mann an. Wahrscheinlich bin ich unbewusst auf der Suche, weil ich ja niemanden habe. Aber ich würde nie jemanden ansprechen oder deswegen extra ausgehen. Er muss mir begegnen und dann müsste er mich ansprechen.

Hamburger Abendblatt: Ein sehr klassisches Modell des Kennenlernens. Was hältst du denn von Online-Dating?

Svenja: Ich habe das noch nie ausprobiert. Ich stelle es mir schwer vor, jemanden anonym im virtuellen Raum kennen zu lernen. Wie sollen wir zusammen passen, wenn wir uns im normalen Leben nie getroffen hätten?

Svenja studiert seit einigen Jahren Physik. Kein leichtes Fach und eine Männerdomäne. Nur wenige Frauen entscheiden sich dafür. Das beweise schon, dass sie wohl kein typisches Mädchen sei, sagt sie. Sie muss sich durchbeißen. Sie habe es mittlerweile perfektioniert, rational zu denken.

Hamburger Abendblatt: Hast du Angst, allein zu bleiben?

Svenja: Nein. Jetzt bin ich ja auch nicht allein, ich habe nur keinen Partner. Manchmal wünsche ich mir natürlich einen, aber andererseits kann ich so mein Leben unabhängig gestalten. Das ist okay so.

Hamburger Abendblatt: Das klingt, als ob du nicht die große Liebe erwartest?

Svenja: Ich lasse mich einfach nicht so mitreißen. Als Mädchen guckt man Aschenputtel und denkt, so wird es laufen. Dann lernt man, dass es nicht stimmt. Bei keiner Frau, denke ich. Ich weiß, dass jeder Topf gerne einen Deckel hätte. Und ich weiß, dass die meisten Töpfe einen Deckel finden. Und wenn nicht, findet man zumindest irgendwas, was den Topf abdeckt, oder? Also wenn man es will und ich denke, irgendwann will jeder.

Hamburger Abendblatt: Glaubst du denn, frühere Generationen hatten es einfacher in Sachen Liebe und Beziehung?

Svenja: Ja, wahrscheinlich. Da gab es die schon beschriebenen festen Rollen für Männer und Frauen, alles hatte feste Regeln. Aber zumindest Frauen hatten ja weniger Chancen, sich zu bilden oder sich etwas im Leben zu erarbeiten. Ich kann mein Leben gestalten und habe außerdem die Möglichkeit, mir einen Mann selbst auszusuchen. Ich denke, damit habe ich im Gegensatz zu früheren Generationen gewonnen.

Der Name wurde auf Wunsch der Gesprächspartnerin geändert.

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