Kunstprojekt

Ein Fliegenfänger im Hamburger Hafen

Das ehemalige Löschboot „Repsold“ kreuzt mit der Lichtfalle in der Norderelbe. Ein Helfer fängt mit einem Kescher die angelockten Insekten ein, um sie näher zu bestimmen

Das ehemalige Löschboot „Repsold“ kreuzt mit der Lichtfalle in der Norderelbe. Ein Helfer fängt mit einem Kescher die angelockten Insekten ein, um sie näher zu bestimmen

Foto: Helge Mundt/Lichtfalle HH

Ein Kunstprojekt will zeigen, wie die Blue-Port-Installation im Hamburger Hafen auf Falter und andere Insekten wirkt.

Hamburg.  „Das Beste ist, vor der Strandperle zu ankern“, sagt Künstlerin Nana Petzet. Zusammen mit dem Artenschutzexperten Bernd Reuter hat sie vom vergangenen Freitag bis Dienstag eine „Blue-Port-Simulation“ betrieben. Sie soll darauf aufmerksam machen, dass die blaue Illumination des Hamburger Hafens rund um die Kreuzfahrtschiffsparade Cruise Days nicht nur schön ist, sondern auch störend wirken kann. Denn die Tausende blauen Lichter ziehen nicht nur Besucher an, sondern auch Insekten. Sie umschwirren die Lichtquellen oftmals so lange, bis sie ermattet sterben.

Als Kunst im öffentlichen Raum, gefördert von der Kulturbehörde, entstand die Idee der „Lichtfalle Hamburg“: Auf dem ehemaligen Löschboot „Repsold“ installierten Petzet und Reuter eine Lichtfalle aus 16 jeweils 1,5 Meter langen Leuchtstoffröhren im Blue-Port-Blau. Mit dem vier Meter hohen Lichtobjekt schipperten sie von Freitag bis Sonntag über die Norderelbe. Am Montag- und Dienstagabend machten sie im City Sportboothafen fest und ließen die Lichtfalle an einem festen Ort leuchten. Hinter ihr spannten sie eine weiße Stoffbahn. Diese sollte die Insekten animieren, sich niederzusetzen, um sie besser bestimmen zu können.

Das Projekt sei eine Gratwanderung zwischen Kunst und Forschung, sagt Petzet. Für den wissenschaftlichen Aspekt haben Insektenkundler der Universität Hamburg die Ausfahrten begleitet und werden nun auch die genauere Auswertung der in die Falle getappten Tiere vornehmen. Dazu wurden einzelne Exemplare eingefangen und konserviert.

„Insgesamt haben wir weniger Insekten gesehen als erwartet“, sagt Petzet. In Ufernähe und auf der Stadtseite seien es mehr gewesen, ebenso bei langsamer Fahrt oder wenn das Schiff vor Anker ging – mit dem größten Aufkommen vor dem Imbiss-Restaurant Strandperle in Övelgönne. Eine Aussage zum Artenspektrum der nachtaktiven Insekten an der Elbe lasse sich damit nicht machen, sagt Petzet. Es gehe mehr um den Artenschutz: „Wir wollen ein Zeichen setzen zum Verlust der Dunkelheit, für den Schutz der Nacht.“

Den verschwenderischen Umgang mit Licht kritisiert auch Dr. Henry Tiemann, Zoologe der Universität Hamburg, der das Projekt begleitet: „Das Anlocken durch Licht bewirkt weitgehend die Zerstörung dieser Insekten. Insofern ist diese Lichtüberflutung natürlich ein Problem für die Tiere. Und man sieht, dass selbst hier in dieser relativ ungünstigen Stadtsituation doch noch viele Insekten dadurch geschädigt werden.“

Seit einigen Jahren diskutieren Ökologen, Lichttechniker und Astronomen über das Problem der Lichtverschmutzung. Kunstlicht macht vor allem in Städten die Nacht zum Tag. Das stört die Beobachtung des Sternenhimmels und hat Auswirkungen auf Insekten, Vögel, Fledermäuse, aber auch Menschen. Denn Licht ist der wichtigste Zeitgeber, steuert den Tag-Nacht-Rhythmus. Während Menschen mit Hilfe von Rollos das Licht aussperren können, sind Wildtiere dem hellen Treiben ausgeliefert.

Jeder kennt die Situation, dass Motten und andere Insekten eine Lichtquelle umschwirren, partout durch eine Fensterscheibe ins helle Zimmer fliegen wollen oder im Inneren einer Lampe verendet sind. Es sind nachtaktive Arten, die sich von Natur aus am Mond orientieren. Er wandert nur langsam über den Himmel und steht daher aus Sicht der Insekten während eines Fluges wie ein Leuchtturm an derselben Stelle. Wenn Kunstlicht den Mond (oder helle Sterne) überstrahlt, versuchen die Insekten, immer denselben Winkel zur Lampe einzuhalten. Das Ergebnis ist ein ermüdender Spiralflug mit oft tödlichem Ausgang.

Beleuchtung könne einen regelrechten „Staubsaugereffekt“ auf die Insekten im weiteren Umfeld ausüben, schreibt das Bundesamt für Naturschutz (BfN). „Die fortschreitende künstliche Beleuchtung könnte für den Rückgang der nachtaktiven Fauna durchaus mitverantwortlich sein“, heißt es in einem Bericht, den das BfN 2013 vorgelegt hatte.

Von den rund 33.000 in Deutschland lebenden Insektenarten sind viele nachtaktiv. In manchen Insektengruppen überwiegen die Nachtschwärmer. So ergab eine österreichische Studie, dass von den 2700 erfassten Schmetterlingsarten 85 Prozent nachtaktiv leben. In der Hamburger Lichtfalle fanden sich aber nur wenig Nachtfalter. Petzet: „Wir hatten sehr viele Fliegen und Mücken – keine Stech-, sondern Zuckmücken, deren Larven im Elbschlamm leben.“ Von den auch Tanz- oder Schwarmmücken genannten Insekten gibt es eine Vielzahl von Arten die jeweils Gewässer mit verschiedenen Wasserqualitäten bevorzugen.

Welche Arten sich von der Blue-Port-Simulation anlocken lassen, wird erst in den nächsten Wochen zu klären sein. Denn eine Artbestimmung der geflügelten Winzlinge ist nur im Labor des Zoologischen Uni-Instituts möglich. Petzet: „Wir wurden schon vielfach gefragt, was wir denn alles gefangen haben – jetzt müssen wir liefern.“

Vom 4. bis 13. September wird der Hafen wieder im blauen Licht erstrahlen

Die Künstlerin Petzet nennt die Veranstaltung Blue Port Hamburg „ein Beispiel des Verlustes der Dunkelheit“. Sie lehnt Kunstobjekte aus Licht nicht generell ab, doch müssten diese gut begründet sein. Das Konzept von Blue Port reicht ihr nicht aus: „Alles blau zu machen, was geht, und dies jährlich zu wiederholen, weil es gut ankommt, ist inhaltsleer. Hier stellt sich die Kunst in den Dienst von Stadtmarketing und Kreuzschifffahrt.“

Vom 4. bis 13. September wird der Hamburger Hafen wieder im blauen Kunstlicht erstrahlen. Nana Petzet und Bernd Reuter wollen einen eigenen, kritischen Akzent setzen. „Im Alltag ist die extreme Hafenbeleuchtung funktionell begründet – die Schiffe müssen auch nachts abgefertigt werden“, sagt Nana Petzet. Die Blue-Port-Installation werfe ein Licht auf die Einstellung der Leute: „Die Hafenlichter reichen ihnen nicht. Nicht die Reduktion steht im Vordergrund, sondern das Mehr.“