Insekten

Warme Frühjahr, kurzer Winter: 2015 ist Superjahr für Wespen

Auf geht’s: Wespen im Anflug auf ihr Nest: Bis zu 2000 Tiere können in ihm leben

Auf geht’s: Wespen im Anflug auf ihr Nest: Bis zu 2000 Tiere können in ihm leben

Foto: dpa

Sie sind lästig, aber nützlich. Und dass die Insekten, die gern auf Süßes fliegen, jetzt so zahlreich sind, liegt nicht an der August-Hitze.

Hamburg.  „Bzzzz!“ – In den kommenden Wochen ist dieses Geräusch häufig zu hören: Wegen des warmen und trockenen Wetters sind zurzeit besonders viele Wespen in Deutschland unterwegs. Experten zufolge nehmen sie noch bis zum Herbst Anflug auf Kuchen oder Eis. „Man kann durchaus sagen, dass wir überall in Deutschland sehr viele Wespen haben“, sagte Julian Heiermann vom Naturschutzbund Nabu in Berlin. Grund sei nicht nur die August-Hitze, sondern auch das warme Frühjahr und der kurze Winter. „Aus Sicht der Wespen ist es ein gutes Jahr.“

Bis Ende August nimmt ihre Zahl noch weiter zu

Für Klaus Mönch, Mitarbeiter im Umweltamt Ratingen, ist 2015 ganz klar ein „Wespenjahr“. Seit fast 30 Jahren erfasst er Wespenfunde, er hat eine Formel aufgestellt, die es vor allem anhand der Wetterdaten möglich macht, Wespenjahre vorherzusagen. „Das Frühjahr war mild und trocken, ideal für Königinnen, die auf Futtersuche sind“, sagte er. „Außerdem sind sie früher als sonst aus dem Winterschlaf erwacht.“ In anderen Jahren stürben mehr von ihnen, weil sie bei Regen von einem Pilz befallen würden. Bis Ende August werde die Population der wärmeliebenden Insekten noch größer.

Bis zu 2000 Tiere können in einem Nest leben. Lästig werden die schwarz-gelb gestreiften Insekten normalerweise erst im August oder September, wenn sich Drohnen und neue Königinnen entwickelt haben. Sie sind immer die letzten im Nest. „Dann werden die Arbeiterinnen arbeitslos“, sagt Berthold Langenhorst vom Naturschutzbund (Nabu). Sie gehen dann nur noch für sich selbst auf Suche nach kohlendydratreicher Nahrung und fliegen auf Süßes.

Zur Zeit werden die Nester noch ausgebaut. Arbeiterinnen legen dafür Kammern für die Larven an, die aus den von der Königin gelegten Eiern schlüpfen. Das Baumaterial finden die Wespen derzeit überall reichlich: Sie schaben von trockenem Holz kleine Stückchen ab und kauen daraus eine Art Papierbrei. Die Brut füttern sie mit eiweißreicher Nahrung, meist zu Brei zerkleinerte Insekten wie Läuse oder Fliegen. Wählerisch seien sie nicht, greifen auch mal bei Grillfleisch oder Bratwurst zu.

„In unserer aufgeräumten Landschaft ist Blütennektar nicht immer einfach zu kriegen“, erklärt die Imkerin Fiona Flesser vom Imkerverband Rheinland. Deswegen würden die Wespen nicht immer warten, bis Obst von den Bäumen fällt, sondern auch mit dem Pflaumenkuchen vorlieb nehmen. Wenn sie ihre Brut füttern müssen, brauchen die Tiere dem Experten zufolge vor allem eiweißreiches Futter. Das sei nun aber weitgehend vorbei.

„Aktuell müssen sie keine Brut mehr großziehen, brauchen aber für sich selbst Treibstoff“, erklärt Heiermann. „Die Wespen sind jetzt vor allem auf süße und energiereiche Nahrung aus.“ Mit Limonade, Obstkuchen oder Eis werde man daher besonders von ihnen geplagt. „Man stellt quasi einen Magneten auf den Kaffeetisch.“

Bundesweit wird demnach niemand verschont. Regionale Schwerpunkte gibt es dem Nabu zufolge nicht – wenngleich sehr trockene und warme Gegenden etwa in Süddeutschland demnach prädestiniert sind. „Aber auch in Hamburg dürften sich die Wespen im Moment wohlfühlen.“

Die Menschen selbst seien für Wespen aber uninteressant. „Sie suchen keinen Streit“, erklärt der Experte. „Sie wollen eigentlich nur Nahrung zu sich nehmen.“ Tatsächlich seien von acht heimischen Wespenarten nur zwei von der lästigen Sorte – die Deutsche und die Gemeine Wespe. Alle anderen flögen auf Blüten statt auf Süßes.

Auch Bienen bevorzugen im Übrigen heimische Kräuter und Blüten, erklärt der Fachmann. Vor ihren Stichen müssen die Menschen in Deutschland momentan weniger Angst haben: „Über die Hälfte der heimischen Wildbienenarten ist gefährdet“, sagt Heiermann. Die zuckerhungrigen Wespen bevölkern Bäckereien und Kaffeetische dem Fachmann zufolge indes noch einige Wochen: „Wenn sie sich verabschieden, verabschiedet sich auch der Sommer.“ Anders als Bienen sterben Wespen auch nicht nach einem Stich: „Im Normalfall kann die Wespe den Stachel zurückziehen und sagt dann: Bis zum nächsten Mal!“

Doch wie hält man die fliegenden Störenfriede fern? „Bloß nicht pusten, wenn eine Wespe im Anflug ist“, rät Eva Goris von der Deutschen Wildtier Stiftung. „Denn das Kohlendioxid in der Atemluft macht die hungrigen Insekten erst recht aggressiv.“ Es gilt: Ruhe bewahren und gewaltfrei zurückschlagen. Etwa mit einem Sträußchen Basilikum: „Den Duft von Basilikum finden Wespen widerlich – und so bleiben sie der Kaffeetafel fern!“ Oder drehen Sie den Spieß um: Laden Sie Wespen gezielt ein. „Wenn Sie in gebührendem Abstand einen Wespen-Tisch decken, lenken Sie die Insekten ab und haben ihre Ruhe. „Wespen lieben Weintrauben“, sagt Eva Goris.

Vorsicht: Sogar tote Exemplare können noch stechen

Beim Anflug von Wespen sind generell drei Grundregeln zu beachten: Nicht nach Wespen schlagen, keine hektischen Bewegungen machen, Tiere nicht zerquetschen! Denn auch tote Wespen können stechen: Durch einen Reflex wird das Gift noch aus dem Stachel gepumpt.

Ihr schlechtes Image haben Wespen übrigens zu Unrecht. Wer weiß schon, dass Wespen dem Menschen viele Plagegeister vom Leib halten. So schleppen sie viele tausend Insekten, zum größten Teil Fliegen, Blattläuse und andere Schädlinge, als Nahrung ins Wespennest. Außerdem helfen sie bei der Bestäubung von Blüten und sind bei Vögeln als Futter beliebt. Deshalb fordert die Deutsche Wildtier Stiftung mehr Toleranz und Solidarität mit den Arbeiterinnen, deren Lebensende schon im Herbst naht.