HafenCity Universität

Die Stadt von morgen

Die Wissenschaftler setzen ihre erhobenen Daten in dreidimensionale Stadtmodelle um, die aus Legosteinen gebaut werden

Die Wissenschaftler setzen ihre erhobenen Daten in dreidimensionale Stadtmodelle um, die aus Legosteinen gebaut werden

Foto: Kent Larson, MIT Media Lab

Sie simulieren das Hamburg der Zukunft: Forscher der HafenCity Universität kooperieren mit der US-Elitehochschule MIT

Hamburg. Ringsherum Wasser, vorbeiziehende Schiffe und in Sichtweite die HafenCity – der Kleine Grasbrook ist zweifellos ein attraktiver Standort für die geplanten Sportstätten der „Olympic City, in der Top-Athleten aus aller Welt im Jahr 2024 um Medaillen kämpfen könnten. Die voraussichtlich mehr als 120 Hektar große Anlage soll allerdings nicht nur die Weltöffentlichkeit beeindrucken, sondern sich darüber hinaus in die städtebauliche Entwicklung einfügen – und damit möglichst vielen Hamburgern zu Gute kommen.

Den Planern zufolge würde sich das Olympiazentrum mit Stadion, Halle und Sportlerdorf nach den Wettkämpfen in einen neuen Stadtteil verwandeln, mit 3000 Wohnungen, mit Spielplätzen und Parks. Damit gelänge womöglich der vielzitierte „Sprung über die Elbe“, es würde eine Verbindung zwischen dem Stadtzentrum und Wilhelmsburg im Süden geschaffen. Es wäre „ein idealer Ort zur Erholung und auch zum Leben“, schreiben Autoren der Olympia-Initiative „Feuer und Flamme für Hamburg“ auf ihrer Internetseite.

So könnte es kommen – im Idealfall. Nicht auszuschließen ist jedoch, dass sich das Areal zu einer zweiten HafenCity entwickeln würde, mit teuren Wohnungen, die sich nur eine Klientel mit sehr gutem Einkommen leisten könnte, und mit Sehenswürdigkeiten und Restaurants, die zwar Touristen anziehen, aber kaum Anwohner aus der Umgebung. „Die Frage ist, durch welche Maßnahmen wir es schaffen, die Olympic City so mit den anliegenden Stadtteilen Rothenburgs­ort, Veddel und Wilhelmsburg zu verbinden, dass es zu einer Durchmischung kommt und nicht zu einer Isolation“, sagt Prof. Gesa Ziemer, Vizepräsidentin der HafenCity Universität (HCU).

Das Projekt wird in den kommenden drei Jahren mit 1,1 Millionen Euro gefördert

Auf der Suche nach Antworten erhalten Hamburger Forscher um Ziemer nun hochkarätige Unterstützung aus den USA. Denn die HCU kooperiert seit Kurzem mit dem MIT Media Lab, einem Forschungslabor der privaten Eliteuniversität Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Dort leitet Architekturprofessor Kent Larson eine Gruppe namens „Changing Places“ (Orte im Wandel), die sich mit der Zukunft des Wohnens und Arbeitens in Metropolen beschäftigt.

Die Grundlagen für die Zusammenarbeit schuf Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD). Er war im Februar 2014 nach Cambridge gereist, um an der „Deutschland-Konferenz“ an der Universität Harvard teilzunehmen. Scholz besuchte auch das nahe gelegene MIT und sprach dort mit dem Direktor des Media Lab über das Thema „Smart City“. Dabei entstand die Idee zu einer Kooperation mit Hamburger Forschern.

Wenn von „Smart City“ die Rede ist, sind neue Technologien gemeint, die das Leben in einer Stadt angenehmer, das Lernen einfacher, die Energienutzung effizienter und die Wirtschaft erfolgreicher machen sollen. Zu Hamburgs „Smart City“-Konzept gehört etwa die Hamburg Open Online University, eine digitale Lernplattform aller Hochschulen der Stadt, die derzeit aufgebaut wird. Ob solche Anwendungen tatsächlich dem Fortschritt dienen, muss sich allerdings noch erweisen.

Was aber hat das MIT, eine der renommiertesten Hochschulen weltweit, davon, sich ausgerechnet in Hamburg zu engagieren? In Hamburg gebe es „alle wesentlichen Komponenten“, die für seine Forschungsgruppe wichtig seien, sagt Kent Larson: „Eine Regierung, die Innovationen fördert, einen engagierten lokalen Partner mit der HafenCity Universität, interessante Herausforderungen wie die Olympischen Spiele und das Potenzial von Rothenburgsort als Innovationsbezirk sowie eine Finanzierung, um unsere Forscher zu unterstützen.“ Solche Bedingungen gebe es etwa in Berlin, London oder Paris nicht, sagt der Architekturprofessor.

Insbesondere die Zusage einer finanziellen Unterstützung dürfte den Amerikanern ihr Ja zu der Kooperation erleichtert haben: Von den 1,1 Millionen Euro, mit denen die Stadt Hamburg die Zusammenarbeit in den kommenden drei Jahren fördert, wird Kent Larsons Gruppe die Hälfte erhalten. Und im Zuge eines Gastforscher-Programms, das die Hamburger ZEIT-Stiftung bezahlt, sollen Wissenschaftler vom MIT zeitweise an der HCU forschen.

Das sind nur die kurzfristigen Aussichten. Langfristig geht es den Amerikanern wohl um mehr. Das MIT unterhält enge Kontakte zur Industrie; die wissenschaftliche Forschung wird von einigen Dutzend US-amerikanischen Hightech-Unternehmen gefördert. Dabei entstehen laufend neue Produkte, zum Beispiel für die Elektromobilität und das Wohnen der Zukunft. Im Zuge der Kooperation zwischen MIT und HCU sollen bald deutsche Unternehmen an Bord kommen – für das MIT eine gute Gelegenheit, neue Kontakte auch auf dem europäischen Markt zu knüpfen.

Hamburg soll aber natürlich auch profitieren, nicht nur vom Renommee des MIT, sondern vor allem von der Expertise der Forscher um Kent Larson. Zu deren Spezialitäten gehört die Entwicklung von Stadtsimulationen, die so anschaulich sind, dass auch Laien etwas damit anfangen können. Als Basis dient immer ein Stadtmodell aus Legosteinen. Darüber werden Beamer aufgehängt. Dann machen sich Informatiker daran, Daten, die zu unterschiedlichen Aspekten in einer Stadt vorliegen (wie etwa Altersstruktur ihrer Bewohner, Verteilung von Single- und Familienhaushalten, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Nutzung von Verkehrswegen, Energieversorgung, Klima) so aufzubereiten, dass sie sich visualisieren und in das Legomodell projizieren lassen.

„Mit dieser Technik lassen sich sehr viele Fragestellungen anschaulich darstellen“, erläutert Gesa Ziemer. Zum Beispiel: Wie müsste man bauen, damit eine gute Gesundheitsversorgung der Bewohner gewährleistet ist? Was ist zu beachten, damit Energiequellen wie Solarzellen ideal genutzt werden? Um zum Beispiel Olympic City zurückzukehren: Wo und in welchem Umfang müssten in Olympic City Sozialwohnungen gebaut werden, als eine Maßnahme, um eine Durchmischung zu erreichen? Wo müssten in den umliegenden Stadtteilen etwa neue Restaurants, Cafés und Kulturangebote entstehen, damit die Bewohner von Olympic City dort hingehen und sich nicht auf der Elbinsel selbst genug sind?

„Das Schöne an einem solchen Modell ist, dass es sich mit einem Handgriff verändern lässt, weil es keine rein digitale Simulation ist“, sagt Ziemer. Wenn man etwa sehen möchte, welche Auswirkungen es hat, an einer bestimmten Stelle zwei Gebäude zu entfernen und den Verkehr dort hindurchzulenken, nimmt man die Legosteine dort einfach heraus und passt die Datenprojektion entsprechend an. „So wird es möglich, Veränderungen in einer Stadt nicht nur mit Fachleuten zu diskutieren, sondern verschiedene Gruppen – etwa Politiker, Kaufleute, Bürgerinitiativen und Journalisten – an einen Tisch zu bringen und ihnen ganz konkret zu zeigen, wie ihre Vorstellungen und Wünsche das Modell beeinflussen“, sagt Ziemer.

Auch andere Hamburger Hochschulen sollen an der Kooperation mitwirken

Anfang September soll der MIT-Forscher Ira Winder an die HCU kommen und mit Studierenden ein Legomodell von Olympic City und Rothenburgsort bauen, in das dann visualisierte Daten – etwa zu einer bestimmten Bevölkerungsstruktur – hineinprojiziert werden können. Am 9. September wollen die Forscher das Modell auf dem Kongress für Digitalisierung „Solutions“ in Hamburg präsentieren.

Mittelfristig sollen auch die Universität Hamburg, die Technische Universität Harburg und die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg an der Kooperation mit dem MIT mitwirken. Das „City Science Lab“ (Labor für Stadtforschung), wie das Großprojekt heißt, sei „eine gute Chance, einen kontinuierlichen Austausch zwischen Hamburger Hochschulen zu schaffen“, sagt Gesa Ziemer. „Stadtentwicklung ist ein interdisziplinäres Feld – es wäre schade, wenn nur wir von der HafenCity Universität das machen würden.“

Ziemer freut sich zwar über das Fördergeld von 1,1 Millionen Euro. Allerdings sei dies nur eine Anschubfinanzierung, sagt die Professorin. „Unternehmen müssen mit ins Boot, sonst geht es nicht.“ Mit mehr als zehn Firmen habe sie schon über ein Engagement gesprochen. Die Gefahr, dass dann bald Unternehmen bestimmen, was genau im Zuge des Projekts erforscht wird, sieht Ziemer nicht. „Wir werden die Objektivität und die Neutralität der Forschung bewahren.“