Artenschutz

Warnung vor „größtem Artensterben seit den Dinosauriern“

Diese vier Jahre alte Rhinozerosdame überlebte einen Angriff von Wilderern in Südafrika, die ihr das Horn absägten. Tierärzte verpassten ihr einen speziellen Gips – und tauften sie „Hope“ (Hoffnung)

Diese vier Jahre alte Rhinozerosdame überlebte einen Angriff von Wilderern in Südafrika, die ihr das Horn absägten. Tierärzte verpassten ihr einen speziellen Gips – und tauften sie „Hope“ (Hoffnung)

Foto: dpa

Sterben für den Profit: Die Zahlen der für ihr Elfenbein und ihr Horn getöteten Elefanten und Nashörner steigen rasant an.

Hamburg. Wer in Vietnam zur gehobenen Gesellschaft gezählt werden will, bietet seinen Gästen zum abendlichen Drink eine wenig Nashornpulver an. Das zerriebene Horn soll gegen Kater wirken. Und nicht nur das: Seit ein vietnamesisches Regierungsmitglied seine Krebserkrankung angeblich durch das illegale Produkt besiegt hat, boomt die Nachfrage nach Rhinozeros-Horn in Asien. Mittlerweile ist es eines der Wildtierprodukte mit dem höchsten Marktwert. Nach Angaben des Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW) werden bis zu 50.000 Euro pro Kilogramm bezahlt. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Kokain wird mit ungefähr 35.000 Euro, ein Kilogramm Gold mit gut 30.000 Euro gehandelt. „Die Wilderei hat ein neues, nie dagewesenes Niveau erreicht“, sagt Robert Kless, Kampagnenleiter Wildtiere des IFAW in Hamburg.

Die Zahlen sprechen für sich: Etwa alle 15 Minuten wird ein Elefant wegen seines Elfenbein getötet. 41 Tonnen illegales Elfenbein wurden 2013 weltweit beschlagnahmt. 2011 waren es noch 35 Tonnen, 2010 etwa 23 Tonnen gewesen. Mehr als 1000 Nashörner mussten 2014 für ihr Horn ihr Leben lassen, so der IFAW. Am schwersten betroffen ist dabei der weltberühmte Krüger Nationalpark in Südafrika, in dem innerhalb von nur zehn Monaten 672 Nashörner getötet wurden. 2010 hatten Artenschützer weltweit 333 Tiere gewilderte Rhinozerosse beklagt.

„Wir befinden uns im größten Massensterben von Tierarten seit der Zeit der Dinosaurier“, heißt es dann auch plakativ in den Anfangssequenzen der neuen Dokumentation „Der letzte Raubzug“ der Hamburger TV-Produktionsfirma a&o buero. Regisseur Jakob Kneser hat sich des hochaktuellen Themas angenommen, das zwischenzeitlich aus dem öffentlichen Fokus fast verschwunden war – zumindest bei uns. „In angelsächsischen Ländern ist das Problem viel bekannter“, sagt er. Auch Robert Kless hat die Erfahrung machen müssen, dass er auf erstaunte Blicke stößt, wenn er von dem Anstieg der Wilderei berichtet. „Ich musste schon oft hören: ,Wieso? Ich dachte, der Handel sei verboten‘?“, sagt er.

Zwar wurde 1989 ein internationales Handelsverbot für Elfenbein unter dem Washingtoner Artenschutzabkommen (WA) erlassen. „Doch das gilt so nicht mehr“, sagt Kless. Tatsächlich wurde der Schutz schon 1997 nach und nach wieder gelockert: Die Elefantenbestände von Namibia, Botswana, Simbabwe und seit 1999 von Südafrika wurden wieder in Anhang II des WA herabgestuft. 1999 wurden erstmals 50 Tonnen Elfenbein aus Lagerbeständen legal nach Japan exportiert. Zwischen dem 28. Oktober und dem 6. November 2008 versteigerten Namibia, Botswana, Simbabwe und Südafrika 101 Tonnen Elfenbein aus Lagerbeständen an Händler aus China und Japan. Dies entspricht den Stoßzähnen von mehr als 15.000 Elefanten.

Die partielle Freigabe des legalen Handels sollte den Druck auf die Wildtierbestände senken. Naturschutzorganisationen kritisieren, dass der umgekehrte Effekt die Folge sei, dass die Nachfrage dadurch erst wieder gesteigert werde. Die aktuellen Wilderei-Zahlen scheinen ihnen rechtzugeben.

Die Bestände der Elefanten und Nashörner nehmen rapide ab: Laut eines Berichts der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) leben heute noch rund 419.000 Elefanten (Savannen- und Waldelefanten) in Afrika. 1979 gab es mit 1,3 Millionen der grauen Riesen noch mehr als dreimal so viele. Die Zahlen der Asiatischen Elefanten liegen laut IFAW bei nicht mehr als 52.000. Von den rund 20.000 Breitmaulnashörnern leben mehr als 90 Prozent in Südafrika; die nur noch etwa 5000 Exemplare zählenden Spitzmaulnashörner sind akut vom Aussterben bedroht.

Anfang Juni reagierte das Bundesumweltministerium auf die alarmierenden Zahlen und stellte erstmals drei Millionen Euro für den Kampf gegen Wilderei und illegalen Wildtierhandel in Afrika und Asien zur Verfügung. Damit finanzierte Projekte etwa in China und Vietnam sollen helfen, den Schwarzmarkt für Elfenbein und Nashorn-Horn dort auszutrocknen, wo die Nachfrage derzeit am größten ist. „Diese Krise lässt sich nur lösen, wenn alle Staaten entlang der illegalen Handelskette zusammenarbeiten. Es reicht nicht, allein auf mehr Ranger in Afrika zu setzen. Wir müssen auch die Nachfrage in Asien reduzieren“, sagte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Mit Blick auf die Ankündigung Chinas, den Elfenbeinhandel streng kontrollieren und möglicherweise einschränken zu wollen, sagte die Ministerin: „China ist womöglich der wichtigste Partner, um den dramatischen Ausverkauf der Artenvielfalt in Afrika zu stoppen.“ Die chinesische Öffentlichkeit solle daher mit Kampagnen über die Folgen des Elfenbeinkonsums aufgeklärt werden – und darüber, dass Stoßzähne nicht wie Milchzähne von selbst ausfallen. Unternehmen und Verbände sollen zudem dabei unterstützt werden, neue Kodizes zu entwickeln, die Elfenbein in Gastgeschenken ausschließen.

Die Wilderei dient vermehrt dazu, Terrorismus zu finanzieren

Feigenblatt oder ernst gemeintes Signal? Die chinesische Regierung hatte Ende Mai 662 Kilo beschlagnahmtes Elfenbein vernichtet. In der vergangenen Woche schredderte die US-Regierung mehr als eine Tonne des illegalen „weißen Goldes“ am Times Square in New York. „Auch Deutschland sollte sich dieser Initiative anschließen und durch die öffentliche Vernichtung beschlagnahmten Elfenbeins ein Zeichen setzen“, fordert Kless. „Eine solche Aktion haben wir bereits gemeinsam mit anderen Organisationen von der Bundesregierung gefordert, bisher leider ohne Erfolg.“ Zudem setze sich der IFAW dafür ein, dass die EU einen verbindlichen Aktionsplan gegen Wilderei und illegalen Wildtierhandel aufstellt.

Eines der größten Probleme, dem man im Kampf gegen das illegale Abschlachten und den Handel Herr werden müsste, ist die Korruption. „In vielen der betroffenen Staaten – Quellen- wie auch Konsumenten-Länder – sind die politischen und bürokratischen Eliten bis in die höchsten Ebenen in den illegalen Handel verstrickt“, sagt Jakob Kneser. Aus mehreren Quellen hätten sie während der Recherchen für die Dokumentation den Hinweis bekommen, dass etwa der Premier von Laos im großen Stil im illegalen Handel mit Tierteilen involviert sei. Und: Das Geld aus dem Wildtierhandel werde vermehrt dafür genutzt, „organisierte Verbrechen, Aufstände und Terrorismus“ zu finanzieren. So fassten es die Teilnehmer des G7-Gipfels vom 7. auf den 8. Juni auf Schloss Elmau in der „Leaders’ Declaration“ zusammen – und bekannten sich damit, im Kampf gegen den Terrorismus, auch zum Kampf gegen den Wildtierhandel.

Neben Naturschützern und Politikern sucht auch die Wissenschaft nach Wegen, der Artausrottung Einhalt zu gebieten. Gerade veröffentlichten Forscher der University of Washington in Seattle im Magazin „Science“, dass mit Hilfe von Gentests die geografische Herkunft von gewildertem Elfenbein ermittelt werden könne. DNA-Analysen von beschlagnahmten Elfenbein zeigten demnach zuverlässig, in welchen Gebieten die meisten Afrikanischen Elefanten und Waldelefanten gewildert werden. Dort müsse man Kontrollen verstärken, um die gefährdeten Tiere zu schützen.

Die Fernsehdokumentation „Der letzte
Raubzug“ läuft am heutigen Dienstag,
23. Juni, um 22.45 Uhr auf Arte