UKE

Fernöstliche Medizin: Hilft Akupunktur wirklich?

Der Arzt Dr. Xiasong Mao führt im TCM-Zentrum
am UKE bei einer Patientin, die an
Schuppenflechte leidet, eine Akupunktur durch

Foto: A.Laible

Der Arzt Dr. Xiasong Mao führt im TCM-Zentrum am UKE bei einer Patientin, die an Schuppenflechte leidet, eine Akupunktur durch

Am TCM-Zentrum im UKE wird die Wirkung von fernöstlicher Medizin in Studien erforscht. Ein Schwerpunkt ist die Akupunktur.

Hamburg.  „Was Sie hier leisten, ist beispielhaft. Sie machen Pionierarbeit. Schulmedizin und TCM müssen gleichgestellt werden – in gegenseitigem Respekt vor Kultur und Tradition.“ Das sagte Shi Mingde, der Botschafter der Volksrepublik China, am Mittwoch im Universitätsklinikum Eppendorf (UKE). Er war dort in Begleitung des chinesischen Generalkonsuls Yang Huiqun zu Gast, um sich über die Forschung am HanseMerkur Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) zu informieren.

Die Einrichtung wurde vor fünf Jahren eröffnet. Seitdem werden dort Patienten ambulant mit Methoden der TCM behandelt und neue Therapie­methoden in Forschungsprojekten untersucht. Gesellschafter der gemeinnützigen Forschungs-GmbH sind die HanseMerkur-Versicherungsgruppe, das UKE und die Stadt Hamburg.

Ein Schwerpunkt der Forschung ist die Akupunktur. Ihre Wirkung wurde zum Beispiel bei der schmerzhaften Schultersteife untersucht, der sogenannten „Frozen Shoulder“, bei der die Betroffenen heftige Schmerzen und starke Bewegungseinschränkungen in dem Gelenk haben. „Schuld daran sind Verklebungen in der Kapsel des Schultergelenkes durch eine starke entzündliche Reaktion, deren Ursache wir nicht so genau kennen“, sagte Dr. Sven Schröder, Neurologe und einer der beiden Geschäftsführer des Zentrums. Eine Operation könne diesen Prozess nicht beeinflussen. Deshalb hat das TCM-Zentrum in Zusammenarbeit mit der Schultersprechstunde der Unfallchirurgie des UKE untersucht, ob diesen Patienten mit einer Akupunktur geholfen werden kann.

In der Studie fanden die Forscher bei Patienten, die mit einer Akupunktur mit winzigen aufklebbaren Nadeln behandelt worden waren, einen deutlich höheren Soforteffekt auf den Schmerz als bei Studienteilnehmern, die nur mit einer Scheinakupunktur ohne Nadeln behandelt worden waren. Den Probanden wurde dann eine Akupunkturbehandlung für weitere drei Monate angeboten. Nach einem Jahr wurde diese Gruppe mit Probanden verglichen, die nur mit Krankengymnastik behandelt worden waren. Das Ergebnis: „Die Akupunkturbehandelten hatten nach drei Monaten das Maß an Schmerzreduktion erreicht, für das die andere Gruppe ein Jahr gebraucht hat“, sagte Schröder.

In einem anderen Projekt wird die Wirkung der Akupunktur bei der sogenannten Polyneuropathie untersucht. Das ist eine Erkrankung der Nerven, die mit Gangunsicherheit, Taubheitsgefühlen und brennenden Schmerzen in den Beinen einhergeht. An der Studie nehmen 240 Patienten teil, bei denen diese Erkrankung als Folge eines Typ-2-Diabetes oder einer Chemotherapie aufgetreten ist. „In einer Vorstudie hat sich gezeigt, dass 76 Prozent der 21 akupunktierten Patienten nach zehn Akupunktursitzungen eine messbare Verbesserung der Nervenleitgeschwindigkeit hatten“, sagte Gesa Meyer-Hamme, Ärztin in dem Zentrum. Das lässt darauf schließen, dass die Nerven sich unter dieser Therapie etwas erholt haben. „Akupunkturstudien wurden bisher vor allem zur Schmerzbehandlung eingesetzt. Der Schmerz ist allerdings objektiv nicht messbar. Mit dieser Studie haben wir auch einen objektiven Beleg für die Wirksamkeit der Akupunktur“ sagte Meyer-Hamme.

Die Wirkung der Nadeln soll auch Schwangeren die Geburt erleichtern. In Kooperation mit der Entbindungs­abteilung am UKE wird Schwangeren vier Wochen vor Geburtstermin eine sanfte Akupunktur angeboten. Damit soll erreicht werden, dass sich der Geburtskanal besser öffnen kann und gegen Ende der Schwangerschaft weniger Wasseransammlungen (Ödeme) auftreten. „Die Geburten laufen runder und harmonischer“, so Meyer-Hamme.

Ein weiterer Bereich in der TCM ist die Anwendung von chinesischen Kräutern. So wird in einem Forschungsprojekt die Wirkung von Kräutern auf die Wundheilung untersucht. „Zunächst haben wir ein geeignetes Kraut identifiziert, nachdem wir untersucht haben, welche Kräuter in China für die Förderung der Wundheilung angewendet werden. Bei diesem Kraut haben wir eine enorme Wirkung auf die Wundheilung festgestellt“, sagte die Biologin Janine Radtke. Bei Versuchen an Schweinehaut seien Wunden über 60 Prozent schneller zugewachsen als Kontrollproben, bei denen die Kräuter nicht eingesetzt wurden. Wie es wirkt, ist allerdings noch unklar und wird in der Studie untersucht, die noch in diesem Jahr abgeschlossen werden soll.

Die nervenschützende Wirkung eines Krautes wurde an Mäusen nachgewiesen

Wie chinesische Kräuter Nervenzellen vor Schäden schützen können, die zum Beispiel durch Parkinson und Alzheimer entstehen, untersucht der Biologe Thomas Friedemann. Als besonders wirksam hat sich dabei das chinesische Kraut Coptis chinensis erwiesen. „Wir haben aus der Wurzel die Inhaltsstoffe extrahiert und diese an Zellen getestet. Dabei haben wir einen sehr guten nervenschützenden Effekt festgestellt.“ In weiteren Versuchen fanden Friedemann und seine Kollegen heraus, dass der entscheidende Inhaltsstoff das Coptisin ist. „Es verändert in der Zelle die Ablesung bestimmter Gene. Dadurch werden die Kraftwerke der Zelle, die Mitochondrien, besser geschützt und die Zelle hat mehr Energie, um sich gegen Schädigungen zu schützen“, erklärt Friedemann. In Tierversuchen mit Mäusen konnte die nervenschützende Wirkung bereits nachgewiesen werden. „Es ist aber noch viel Forschung nötig, um herauszufinden, ob diese Ergebnisse auch auf Menschen übertragbar sind, und es ist noch ein langer Weg, bis ein Medikament zur Verfügung steht“, sagte Friedemann.

Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit der Wirkung chinesischer Kräuter auf das Fettgewebe: „Wir suchen nach Substanzen, die braunes Fettgewebe aktivieren oder seine Bildung anregen können“, erklärte die Ärztin Elisabeth Buhlmann. Braunes Fettgewebe kommt in geringen Mengen im Körper von Erwachsenen vor und hat die Eigenschaft, Fett zu verbrennen, statt es zu speichern.

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