Hamburger - glücklich? depressiv?

Foto: Getty Images, Illustration: Thorsten Ahlf

Mal sagen Studien, dass die Menschen in der Hansestadt besonders zufrieden sind, dann sollen sie besonders niedergeschlagen sein. Was stimmt denn nun?

Das neue Jahr war gerade erst ein paar Wochen alt, als Hamburg schon einen – scheinbar – deprimierenden Befund erhielt: Im Vergleich der Bundesländer ließen sich nirgendwo so viele Menschen wegen Depressionen krankschreiben wie in der Hansestadt, teilte die Techniker Krankenkasse Ende Januar in ihrem „Depressionsatlas“ mit. Zu ähnlichen Ergebnissen waren 2014 bereits die Versicherungen Barmer und DAK in ihren Gesundheitsreporten gekommen. Alle drei Kassen beziehen sich auf das Jahr 2013. Hamburg, Hochburg der niedergeschlagenen, antriebslosen Menschen?

Da reibt sich manch einer die Augen. Hatte doch der „Glücksatlas“ der Deutschen Post erst 2014 erneut ergeben, dass in Hamburg die zufriedensten Deutschen leben, nur noch überboten von den Schleswig-Holsteinern.

Die wichtigsten Gründe für das Spitzenergebnis seien hervorragende Werte bei der Gesundheit und Gesundheitsversorgung, bei Wohnen und Freizeit, hieß es in der Studie. Die Hamburger schätzen das vielfältige Kulturangebot und die großen Sportveranstaltungen in der Stadt. Auch die vergleichsweise hohen Einkommen spielen eine Rolle für die hohe Zufriedenheit. Hamburg, Hochburg der Glücklichen? Was denn nun?

Hört man sich bei Krankenkassen, Psychologen und den Autoren des „Glücksatlas“ um, stellt sich schnell heraus: Der vermeintliche Widerspruch ist tatsächlich keiner. Welcher Eindruck entsteht, hängt sehr davon ab, ob Zahlen zu Krankschreibungen wegen Depressionen und zur Lebenszufriedenheit für sich alleine stehen oder in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden.

Das beginnt mit der Systematik der Erhebungen: Die Krankenkassen erfassen, wie oft ihre erwerbstätigen Mitglieder und solche, die Arbeitslosengeld I erhalten, wegen einer Depression krankgeschrieben werden. Die Rede ist dann von Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tagen). Es geht hier also nur um einen Teil der Gesellschaft, nicht etwa um Schüler, Studenten, mitversicherte Partner, Rentner und andere Gruppen.

Für die aktuelle Ausgabe des „Glücksatlas“ hat das Allensbacher Institut mehr als 12.000 Privathaushalte befragt; die Studie ist repräsentativ für die gesamte Bevölkerung. „Wir erheben subjektive Einschätzungen der Lebenssituation sowie statistische Daten etwa zur Gesundheit, Beschäftigung, Wohnsituation oder zum Einkommensniveau“, sagt Studienleiter Prof. Bernd Raffelhüschen, Direktor des Forschungszentrums Generationsverträge an der Universität Freiburg. „Das sind völlig unterschiedliche Datensätze im Vergleich zu den Statistiken der Krankenkassen.“

Bei den Depressionen lohnt sich ein genauerer Blick auf die Zahlen. Von 100 in Hamburg bei der Techniker Krankenkasse versicherten Erwerbstätigen und ALG-I-Empfänger seien im Jahr 2013 statistisch 1,9 Menschen mit der Diagnose Depression krankgeschrieben worden, sagt TK-Sprecher John Hufert. Das ist zwar der Spitzenwert im Vergleich der Bundesländer (Durchschnitt: 1,6 Fälle von 100 Versicherten), zeigt aber, dass in absoluten Zahlen nur ein sehr kleiner Teil der Versicherten betroffen ist.

Wichtig zur Einordnung ist auch: „Die Zahl der Depressionen ist insgesamt in Deutschland nicht gestiegen. Vielmehr wird die Erkrankung heute öfter erkannt“, sagt Frank Meiners, Diplom-Psychologe und Sprecher der DAK. Dies gelte insbesondere in weltoffenen Metropolen wie Hamburg. „Depressionen sind in großen Städten kein Tabu mehr, die Leute gehen damit eher zum Arzt und reden auch offener darüber.“

„Es ist ein typisches Stadtphänomen“, sagt auch Prof. Bernd Löwe, Direktor der Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Uniklinikum Eppendorf und Chefarzt an der Schön Klinik Hamburg-Eilbek. In Hamburg gebe es zudem Initiativen wie psychenet (www.psychenet.de), die sich dafür einsetzten, das Thema Depression zu entstigmatisieren. Die Stadt sei im Vergleich zu ländlichen Regionen gut mit Psychotherapeuten versorgt, sagt Löwe. Auch dies könnte dazu beitragen, dass eine Depression bei Betroffenen in Hamburg eher erkannt wird als anderswo.

In Großstädten wie Hamburg sind Depressionen kein Tabu mehr. Die Bereitschaft, darüber zu sprechen, ist größer.

Obwohl Hamburg bei Krankschreibungen wegen Depressionen bundesweit an der Spitze steht, müssen in der Hansestadt im Schnitt also nicht zwangsläufig mehr Menschen an der Erkrankung leiden als etwa in Kleinstädten. Zumindest lässt sich das anhand der Statistik der Krankenkassen nicht sicher sagen.

Glücksforscher Raffelhüschen glaubt, dass die Krankmeldungsstatistiken zum Teil vom Zeitgeist beeinflusst werden. Burnout etwa sei „in Mode“ – und werde manchmal auch als Depression diagnostiziert. Womöglich gilt das in einer Metropole wie Hamburg eher als in kleinen Städten und auf dem Land.

Müsste der Umstand, dass es in Hamburg so viele Faktoren gibt, die zur Zufriedenheit beitragen können, nicht dazu führen, dass vergleichsweise wenige Menschen an Depressionen leiden? Nein, sagt Bernd Löwe. „Eine tolle Stadt hilft nur denen, die sie auch nutzen können. Wer depressiv ist und einen reduzierten Antrieb hat, wird nicht auf eine Party gehen und Leute kennenlernen, auch wenn er 20 Partys zur Auswahl hat.“ Depressionen seien nicht ohne weiteres mit Unglücklichsein gleichzusetzen, sondern viel komplexer.

Grundsätzlich kann eine Depression durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden, zum Beispiel schwere Schicksalsschläge wie den Tod eines Angehörigen. Auch der Verlust des Arbeitsplatzes kann über Niedergeschlagenheit in eine Depression führen. Eine genetische Veranlagung kann zur Entstehung der Krankheit beitragen. Erkrankungen des Gehirns, Hormonstörungen und Fehlfunktionen der Schilddrüse können Depressionen auslösen oder begünstigen. All das kann Menschen in der „glücklichen“ Stadt Hamburg genauso treffen wie anderswo.

Insgesamt heißt das: Es gibt in Hamburg sicher viele Menschen, die mit Depressionen zu kämpfen haben. Aber es spricht auch einiges dafür, dass hier vergleichsweise viele Menschen sehr zufrieden mit ihrem Leben sind. Menschen mit einer hohen emotionalen und sozialen Intelligenz, mit Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein sind glücklicher als egoistische und selbstzentrierte. Das sagte Glücksforscher Ha Vinh Tho, der im Königreich Bhutan das „Zentrum für Bruttonationalglück“ (eine wichtige Kenngröße für die dortige Regierung) leitet, kürzlich dem Abendblatt.

Hamburg bietet eine Fülle von Möglichkeiten, soziales Engagement zu leben – auch das mag zur Hamburger Führungsposition beigetragen haben.