Wie wichtig ist Handschrift für das Lernen?

Im Experiment erzielten Studenten, die von Hand mitschrieben, bessere Noten, sagt ein Hamburger Erziehungswissenschaftler

Hamburg. Sollten Schüler künftig häufiger mit Laptops und Tablets arbeiten und das womöglich schon in der Grundschule, könnte das dazu führen, dass sie weniger oder gar nicht mehr mit der Hand schreiben. Man könnte das als Verlust einer Kulturtechnik beklagen. Aber wie verhält es sich aus erziehungswissenschaflicher Sicht: Ist die Handschrift für das Lernen zwingend nötig? Lernen Schüler schlechter, wenn sie nur noch mit Computern schreiben?

In Experimenten mit Studenten habe sich gezeigt, dass diese schlechtere Noten erzielten, wenn sie Mitschriften etwa von Vorträgen mit einem Computer erstellten, statt das Gehörte mit einem Stift auf Papier zu notieren, sagt Prof. Rolf Schulmeister, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg. Die Probanden, die eine Computertastatur nutzten, schrieben meist ganze Sätze. Dagegen notierten die Studienteilnehmer, die mit der Hand schrieben, meist nur einzelne Wörter – aber solche, die für den Sinn des Satzes essenziell waren. Dies deute darauf hin, dass man beim Schreiben mit der Hand stärker über die Bedeutung des Gehörten nachdenke, sagt Schulmeister. „Dieser Prozess hat eine ganz andere Tiefe.“ Auch als die Studenten aufgefordert wurden, beim Schreiben mit der Computertastatur nicht ganze Sätze zu schreiben, verbesserte sich nichts.

Was aber, wenn es nicht um eine Mitschrift geht, sondern um einen Aufsatz, bei dem der Schreiber in Ruhe nachdenken kann? Das sei bisher kaum erforscht, sagt Schulmeister. Es ist durchaus möglich, dass sich dabei gegenüber dem Schreiben mit der Hand keine Unterschiede hinsichtlich des Lernerfolgs zeigen. Bekannt ist aus Studien erst, dass sich das Schreiben mit Schreibmaschine oder Computer bei einigen Formen der Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) als günstig erweisen kann.

Schulmeister glaubt nicht, dass das Schreiben mit der Hand irgendwann verzichtbar sein könnte. „Man ist einfach viel flexibler. Mit keinem Gerät und keiner Software kann man bisher in jeder beliebigen Situation so leicht, schnell und vielfältig Gedanken notieren und Texte bearbeiten“, sagt der Erziehungswissenschaftler. „Auch in 20 Jahren wird es immer Situationen geben, in denen man mit der Hand schreiben muss – und sei es nur eine Notiz.“

Dass das Schreiben mit der Hand zumindest derzeit kaum zu ersetzen ist, zeigt auch eine aktuelle Studie, die von einem Team um Prof. Rudolf Kammerl von der Uni Hamburg und Bremer Forschern durchgeführt wurde. Sie hatten die Arbeit mit Tablets am Kurt-Körber-Gymnasium in Billstedt untersucht. Das Lesen am Tablet ist demnach „relativ unproblematisch“. Das Schreiben mit dem Gerät gefiel etlichen Schülern und auch Lehrern aber weniger. Man werde, heißt es in der Studie, „mindestens mittelfristig davon ausgehen müssen, dass eine signifikante Anzahl von Schülern in Teilbereichen weiterhin lieber mit ,traditionellen‘ Medien arbeiten wird, zumindest wenn es um die Erstellung von Unterrichtsmitschriften und die Organisation prüfungsrelevanter Wissensinhalte geht“.