Forschungsschiff

Zünftige Weihnachten an Bord der „Sonne“ im Atlantik

Die Hamburger Forscher pendeln zwischen Tiefsee-Geheimnissen und Würstchen mit Kartoffelsalat. Weihnachten wird an Bord durchgearbeitet.

Hamburg/Atlantischer Ozean. Festliche Stimmung herrscht auf der „Sonne“, dem modernsten deutschen Forschungsschiff – auch wenn die Forschungsarbeiten im ersten Einsatzgebiet mit Hochdruck vorangetrieben werden. Bodenproben mit zahlreichen Lebewesen aus mehr als 5500 Meter Tiefe brachte beispielsweise der sogenannte Epibenthosschlitten, der über den Tiefseeboden geschleppt wird und dabei Material entnimmt, bereits erfolgreich an Bord des Forschungsschiffes. „Dafür haben wir mehr als 8000 Meter Tiefseekabel ausgesteckt“, erzählt Prof. Angelika Brandt (Universität Hamburg).

Die Meeresbiologin ist stellvertretende Fahrtenleiterin. „Ich bin sehr davon angetan, wie gut die ersten Forschungstagen gelaufen sind“, ergänzt Fahrtenleiter Prof. Colin Dewey (Geomar, Kiel). „Ein neues Schiff ist wie ein neues Auto – man muss herauskriegen, wo alles ist, wie es funktioniert und ob es funktioniert. Bei einem so komplizierten Apparat wie ein Forschungsschiff hatte ich erwartet, dass wir mit dem einen oder anderen Ablauf Anfangsschwierigkeiten haben werden. Das ist fast gar nicht der Fall gewesen.“

Es sei faszinierend, wie schnell auf der neuen „Sonne“ die Besatzung sowie die Geologen und Biologen, immerhin 70 Personen, zu einer sehr gut funktionierenden Einheit zusammengewachsen sind, betont auch Angelika Brandt.

Die Hilfsbereitschaft sei sehr groß und die wissenschaftlichen Diskussionen finden weit über die eigenen Fachgrenzen hinaus statt. „Wir ergänzen uns sehr gut und durch unsere interdisziplinäre Zusammenarbeit lernen wir mehr, als wenn wir mit einer Disziplin allein an Bord der Sonne wären.“

Doch bei allem Forscherdrang wird Zeit bleiben, um gemeinsam Weihnachten zu begehen. Die Messe, also der Speisesaal des Forschungsschiffes, hat eigentlich nur Platz für 45 Personen. An Heiligabend wird der Seminarraum, der direkt daneben liegt, auch zum „Esszimmer“. So können alle 39 Forscher und alle Besatzungsmitglieder, die nicht arbeiten müssen, gemeinsam unter dem (künstlichen) Tannenbaum speisen und feiern. Er wird am 24. Dezember aufgestellt.

Doch schon jetzt steht in mancher Kabine eine kleine Variante des künstlichen Baumes. Vielleicht erleben die Forscher und die Crew, die teilweise bereits mit ihren Familien noch vor dem Auslaufen gefeiert hat, auch noch eine Überraschung. Jedenfalls munkelt man, die Fahrtenleitung habe sich etwas ausgedacht.

Eines ist sicher: Es wird gutes Essen geben. Dafür steht der Koch. Seit 38 Jahren fährt Willi Wieden als Koch zur See, 25 Jahre davon arbeitete der gebürtige Österreicher auf der alten „Sonne“, dem Vorgängerschiff des neuen schwimmenden Großlabors. Die fünf Kühllager, den Gefrierraum und die zahlreichen Stauräume hat er vor der Reise unter anderem mit 4300 Eiern, 500 Kilogramm Kartoffeln, 200 Kilogramm Zwiebeln, 120 Kilogramm Äpfeln, 80 Kilogramm Weißkohl, 75 Kilogramm Karotten, 700 Kilogramm Mehl und vier Tonnen Fleisch, Fisch und Geflügel füllen lassen.

Fertiggerichte oder vorgegarte Kartoffeln kommen auf der „Sonne“ nicht auf den Tisch, das geht gegen die Ehre des Koches, der auch jede Suppe mit der Unterstützung eines Kochmates und vier Stewards frisch zubereitet. Ein Highlight, so die Crew, sind seine selbstgebackenen Baguettes. Welche Gerichte Willi Wieden kocht, entscheidet er immer erst am Tag zuvor – so verarbeitet er kreativ die Reste des Vortages und verbraucht die frischen Lebensmittel, die „weg“ müssen.

Nur am Heiligabend da macht Willi Wieden eine Ausnahme. Ganz traditionell wird er Würstchen mit Kartoffelsalat und Gans mit Semmelknödel in seiner neuen Kombüse, so heißen die Küchen auf Schiffen, zubereiten. Zwei Backöfen und der große Herd, der in der Mitte des großzügig gestalteten Raumes steht, bieten dafür genug Platz. Und bei Seegang verhindert eine Reling, dass Töpfe oder Pfannen umherfliegen.

Verfolgen Sie hier die Position der „Sonne“

Doch der ist Weihnachten nicht zu erwarten. Die „Sonne“ wird dann, so Frank Böttcher, Chef des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation, bei 26 Grad Celsius Luft- und Wassertemperatur sowie einem leichten Wind, kleineren, sanften Wellen unter strahlend blauen Himmel weiter gen Westen fahren. Noch knapp fünf Wochen dauert die Vema-Expedition.

Grafik: Das Forschungsschiff im Überblick

Das Hamburger Abendblatt und abendblatt.de halten Sie über die Expedition der „Sonne“ und ihre Ergebnisse auf dem Laufenden