Atlantischer Ozean

Hamburger Wissenschaftler finden Leben in 8338 Meter Tiefe

Das Forschungsschiff "Sonne" entdeckt neben Manganknollen allerlei Getier und Seegurken auf dem Meeresgrund. Die Vorstellungen vom Leben in der Tiefsee müssen revidiert werden.

Hamburg. Weltrekord! In diese Tiefen blickte noch niemand. Aus 8338 Metern unter dem Meeresspiegel holten die Wissenschaftlern an Bord des Forschungsschiffes "Sonne" erfolgreich Proben vom Tiefseeboden an Deck. An diesem Montag laufen sie in den Zielhafen Santo Domingo (Dominikanische Republik) ein. „Wir sind fasziniert von dem Leben, das in der Tiefe tobt! Bereits mit dem bloßen Auge konnten wir erkennen, dass es sich bei dieser tiefsten Probe möglicherweise sogar um den erfolgreichsten Fang der ganzen Expedition handelt“, sagt Angelika Brandt dem Abendblatt. Die Meeresbiologin von der UniversitätHamburg ist stellvertretende Fahrtenleiterin der Forschungsreise VEMA-Transit, die am 15. Dezember auf den Kanarischen Inseln begann.

66 Tiere entdeckten die Wissenschaftler in der Probe aus der Tiefsee, darunter allein 20 kleine Seegurken. „Im Vergleich zu den 38 Individuen, die wir bisher auf der gesamten Expedition entdeckten, ist dieses eine unglaublich hohe Zahl, da sie aus einem einzigen – und zudem dem tiefsten – Fang kommt“, erläutert Angelika Brandt. Nach den Manganknollen, die die "Sonne" zufällig und völlig unerwartet in Mitten des Atlantik einfing, gelang den Wissenschaftler damit ein weiterer großer Fang.

Dabei konnten die Tiefseeforscher erstmals auch erkennen, was in den Tiefen geschieht, wenn sie das Forschungsgerät, den Epibenthosschlitten, über den Meeresboden schleppen, um die kleinen Lebewesen zu fangen, die in der bodennahen Trübungszone leben. Eine Kamera, die am Schlitten befestigt war, dokumentierte das Geschehen. „Zu sehen, dass das Gerät nicht hüpft, sondern brav am Boden kontinuierlich Proben nimmt, ist beruhigend. Besonders positiv dabei ist, dass der Schlitten nur eine oberflächliche Spur hinterlässt, in der sofort wieder Seegurken kriechen, wenn wir den Schlitten weiter gezogen haben. Der Schlitten lässt am Meeresboden also keine ‚Wüste’ zurück“, freut sich Angelika Brandt.

Das vielfältige Leben in den Tiefen und der Fund der Manganknollen, so die Meeresbiologin, seien für sie die Highlights der Forschungsreise, die der Kieler Wissenschaftlers Prof. Colin Devey (Geomar) leitete.

„Die erstmalige Beprobung des Gebietes in 8338 Meter Tiefe, das wir auch als Hadal bezeichnen, mit einem feinmaschigen Netz des Epibenthosschlitten hat uns reiche Fauna und Algenfragmente an Deck gebracht und wir sind sehr gespannt auf die weitere Auswertung“, so die Hamburger Forscherin. Die Funde warten bereits gut fixiert und gekühlt im Container auf ihre Heimreise in die Labore nach Deutschland. Die Wissenschaftlerin wird vor ihnen wieder in der Heimat landen. Da sie in den vergangenen rund sechs Wochen kaum mehr als fünf Stunden Schlaf pro Nacht bekommen hat, freut Angelika Brandt sich darauf, in ihrem Bett erst einmal richtig auszuschlafen und dann ihre Familie wieder zu sehen.

Das wird vermutlich allen an dieser Forschungsfahrt beteiligten Wissenschaftlern, die von der Universität Hamburg, vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, der Universität Köln und dem Deutschen Zentrums für Marine Biodiversitätsforschung der Senckenberg-Gesellschaftkommen, so gehen. Doch dann werden sie all den neuen Fragen nachgehen, die ihnen diese Forschungsreise beschert hat. „Ich freue mich auf meine Arbeit amZoologischen Museum des Centrums für Naturkunde“, beteuert Angelika Brandt und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. Eines ist schon jetzt klar: Die Vorstellungen über das Leben in der Tiefsee werden nach der Jungfernfahrt des Forschungsschiffes "Sonne" wohl überarbeitet werden müssen.