Gesichter der Wissenschaft

Der Informatiker: Frank Steinicke

Michael Jackson hat Schuld. Bei einem Besuch im Disneyland Paris sah Frank Steinicke als Kind einen Film mit dem amerikanischen Popstar in 3-D. „Michael Jackson schwebte auf mich zu“, erinnert sich Steinicke. „Das war mein Erweckungserlebnis.“ Heute ist er Professor für Informatik an der Universität Hamburg und beschäftigt sich mit dem Thema Mensch-Computer-Interaktion (MCI) oder Human Computer Interaction (HCI).

„Mein erster Computer war ein Commodore 64 Anfang der 80er-Jahre“, erzählt der heute 37 Jahre alte Wissenschaftler. Darauf wurde aber zunächst nur gespielt, zu Hause in der Grafschaft Bentheim. Der Niedersachse hatte nämlich noch ein anderes Hobby: Handball. Nach Abitur und Zivildienst begann er 1998 sein Studium der Mathematik und Informatik nur deshalb an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, weil Steinicke als Profi beim TV Emsdetten unter Vertrag stand. „Ich hatte bis zu zweimal täglich Training, da musste ich in der Nähe bleiben“, sagt der Informatiker.

2002 machte Steinicke sein Diplom in Mathematik, vier Jahre später folgte die Promotion im Fach Informatik. Thema war die interaktive 3-D-Visualisierung. Steinicke blieb als Wissenschaftler an der Uni Münster. Und auch Handball spielte noch eine Rolle: jetzt beim TuS Spenge nahe Bielefeld.

Den Sport hängte der Wissenschaftler erst an den Nagel, als er 2009/10 eine Gastprofessur in den USA an der University of Minnesota in Duluth wahrnahm. Nach seiner Rückkehr wurde Steinicke Professor in Würzburg , bis im April der Ruf nach Hamburg kam.

„Das Forschungsumfeld ist hier sehr gut“, sagt der Wissenschaftler. Der Fachbereich Informatik in der Hansestadt gehört zu den renommiertesten in ganz Deutschland. Die Informatiker haben einen eigenen Campus in Stellingen auf dem ehemaligen Philips-Forschungsgelände.

Steinickes Lehrstuhl für Mensch-Computer-Interaktion hat zurzeit vier Doktoranden und zwei weitere Mitarbeiter. „Wir sorgen dafür, dass bei der Entwicklung von Systemen eine sinnvolle Aufgabenteilung zwischen Mensch und Computer erzielt wird und nicht einfach diejenigen Arbeitsaufgaben beim Menschen verbleiben, die noch nicht automatisierbar sind“, sagt der Professor.

Gestaltungsaufgaben bei MCI reichen von der Touch-Interaktion mit Smartphones über die Unterstützung von Anwendern durch ein Hybridsystem aus Multi-Touch-Tisch und hochauflösenden Monitoren bis hin zur Gestaltung sicherheitskritischer Mensch-Maschine-Systeme in den Bereichen Architektur, Medizin und Rettungswesen. Egal ob Smartphone, Radarbildschirm oder Anästhesiegerät: Gutes Interaktions-Design beschränkt sich nicht auf das Aussehen, sondern beginnt mit der Frage, ob Nutzer mit dem System ihre Ziele effektiv, effizient und zufriedenstellend erreichen können.

Das Forschungsgebiet gibt es erst seit den 80er-Jahren, als Computer in die Büros einzogen und dann auch zu Hause immer selbstverständlicher wurden. „Das Computersystem von heute fühlt uns, sieht uns, hört uns“, sagt Steinicke. „Und wir müssen ihm beibringen, dass es den Menschen dient und nicht schadet. Es muss eine sinnvolle Zusammenarbeit zwischen Mensch und Computer geben.“

Wie die zweidimensionale und die dreidimensionale Welt verschmelzen werden, auch das interessiert Frank Steinicke sehr. „Wir können zum Beispiel am Computer zu Hause ein Hotel buchen“, erläutert der Professor. „Dann setzen wir ein Headset mit Display auf und können einen virtuellen Rundgang durch das Hotel machen. Das nennen wir Telepräsenz: irgendwo anders mit den Sinnen präsent sein, ohne dort tatsächlich körperlich anwesend zu sein.“

Die Freizeit in ihrem ersten Hamburger Sommer haben Frank Steinicke und seine Frau übrigens mit Joggen, Spaziergängen und Faulenzen an der Elbe verbracht und den Schiffen zugeguckt. Ganz präsent und echt und real.

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