„Junge Forscherinnen ermutigen“

Noch haben Frauen in der Wissenschaft schlechtere Chancen als Männer, sagt die Vizepräsidentin der HAW Hamburg

Hamburg. Auf Initiative von Wissenschaftssenatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) treffen sich heute in Hamburg 90 Forscherinnen und Forscher aus ganz Deutschland zur Fachtagung „Chancengleichheit für Frauen in der Wissenschaft“. Das Abendblatt sprach vorab mit der Vizepräsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) und Professorin für Physik und Gender, Monika Bessenrodt-Weberpals.

Hamburger Abendblatt:

In der Politik haben es Frauen an die Spitze geschafft, in der Wirtschaft arbeiten die ersten im Top-Management. Und in der Wissenschaft?

Monika Bessenrodt-Weberpals:

Im Vergleich mit der Wirtschaft sieht es hier sogar besser aus. Bei den höchstdotierten Stellen, also den Professuren, liegt der Frauenanteil in Deutschland gemittelt über alle Fächer bei 20 Prozent. Im Top-Management bei Unternehmen beträgt der Anteil etwa zehn Prozent. Allerdings muss man bedenken, dass es Professuren mit unterschiedlicher Wertigkeit gibt. Bei den höchstwertigen, die den Institutsleitungen entsprechen, also den ehemaligen C4- und jetzigen W3-Stellen, ist der Frauenanteil an den Hochschulen deutlich geringer. Bei den Ingenieurwissenschaften liegt er bei nur sechs Prozent. In der außeruniversitären Forschung liegt der Anteil mit neun Prozent ähnlich wie in den Unternehmen.

Wie sieht es in Hamburg aus?

Bessenrodt-Weberpals:

Etwas besser als im Bundesdurchschnitt. 2011 betrug der Frauenanteil bei den Professuren in der Hansestadt 24 Prozent. Hamburg hat allerdings die gleiche geringe Anstiegsrate von 0,7 Prozent pro Jahr wie der Bundesdurchschnitt. Der angestrebte Frauenanteil von mindestens 40 Prozent wäre in Hamburg – wenn alles weitergeht wie bisher – im Jahr 2029 erreichbar, im Bund erst 2040.

Wie kommt es, dass Frauen in Spitzenpositionen in der Wissenschaft noch unterrepräsentiert sind?

Bessenrodt-Weberpals:

Das ist ein komplexes Thema, bei dem viele Gründe zusammenkommen, die überwiegend strukturell geprägt sind. Zum Beispiel bekommt die wissenschaftliche Arbeit von Frauen immer noch deutlich weniger Wertschätzung als die Arbeit von Männern. Dazu gibt es eine interessante US-Studie. Eine mathematische Veröffentlichung wurde zur Begutachtung an andere Forscher und Forscherinnen geschickt, und zwar mit drei verschiedenen Autorennamen: Mit einem weiblichen Vornamen, mit einem männlichen und nur mit Initialen. Obwohl es sich inhaltlich exakt um die gleiche Arbeit handelte, wurde die Version mit dem weiblichem Vornamen weniger oft angenommen als die Version mit dem männlichem Vornamen. Die Initialen lagen dazwischen. Das ist bei einer vergleichsweise objektiven Wissenschaft wie der Mathematik schon verblüffend. Benachteiligungen zeigen sich aber auch noch an anderen Stellen.

Zum Beispiel?

Bessenrodt-Weberpals:

Eine Studie aus dem skandinavischen Raum hat untersucht, wie der Erfolg von Anträgen für Projekte mit der wissenschaftlichen Expertise der Antragsteller zusammenhängt. Dies wurde über die ganze Karriere, vom Beginn bis zur höchsten Qualifikation, verfolgt. Dabei zeigte sich, dass Frauen tendenziell deutlich schlechtere Chancen haben, eine Projektförderung zu bekommen, als Männer. Sehr negativ bemerkbar macht sich diese Benachteiligung in der Doktoranden- und in der Postdoc-Phase, wenn sich Frauen entscheiden, ob sie in der Wissenschaft bleiben wollen: Dann nimmt die Erfolgsrate bei der Projektförderung mit zunehmender Qualifikation der Antragstellerinnen sogar leicht ab. Es setzt eine Entmutigung ein, die dazu führt, dass Forscherinnen an sich zweifeln.

Wie kommt Bewegung ins Wissenschaftssystem?

Bessenrodt-Weberpals:

Wenn wir etwa die Hamburger Wissenschaftsbehörde betrachten: Indem die Behörde in ihre Zielleistungsvereinbarungen, die sie mit den Hochschulen schließt, auch geeignete Kennzahlen aufnimmt, die sich auf den Fortschritt von Frauen in der Wissenschaft beziehen. Das heißt, indem die gesetzlichen Rahmenbedingungen darauf abgeklopft werden, wie sich bestimmte Strukturen frauenfreundlicher machen lassen. Etwa dahingehend, wie Gremien besetzt werden, wer als Hauptredner oder eben Hauptrednerin zu Tagungen eingeladen wird und wer zu Gutachten aufgefordert wird. Bei all diesen Punkten sind Frauen häufig nicht im Blick. Im Entwurf des neuen Hamburger Hochschulgesetzes steht immerhin schon, dass etwa die verschiedenen Gremien, die es in einer Hochschule gibt, insbesondere die Leitungsgremien, künftig zu mindestens 40 Prozent mit Frauen besetzt sein sollen. Solche Maßnahmen reichen allerdings nicht.

Was muss aus Ihrer Sicht außerdem noch passieren?

Bessenrodt-Weberpals:

Hinzu kommen müssen Förderprogramme, die mehr Frauen aus den tiefer liegenden Qualifikationsstufen unterstützen, damit sie die nächste Stufe erreichen. Hier tut sich immerhin auch schon einiges. In Hamburg gibt es etwa das hochschulübergreifende Programm Pro Exzellenzia, in dem Doktorandinnen und Postdocs gefördert werden, sodass sie sich in der Wissenschaft weiter qualifizieren können. Für weitere Fortschritte ist außerdem eine größere Förderung der Genderforschung in Hamburg wichtig.

Was erhoffen Sie sich von der Fachtagung in Hamburg?

Bessenrodt-Weberpals:

Einen inspirierenden Austausch über erfolgreiche Methoden. Es gibt ja auch Maßnahmen, die kein Geld kosten, sondern bedeuten, dass man mit Blick auf Frauen eine etwas andere Haltung einnehmen sollte. Da wird es sicher viele Aha-Erlebnisse geben, da nicht nur Expertinnen aus Hamburg, sondern aus dem ganzen Bundesgebiet zu Gast sein werden. Mit den Ergebnissen können wir künftig vielleicht gerade auch junge Forscherinnen stärker ermutigen.

Aufstieg mit Hindernissen: Ein Bericht zu den Chancen von Wissenschaftlerinnen an der Universität Hamburg: www.abendblatt.de/forscherinnen

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