Neurowissenschaft

Oxytocin: Was ist dran am Kuschelhormon?

| Lesedauer: 10 Minuten
Cornelia Werner

Die körpereigene Substanz Oxytocin zeigt Effekte bei psychischen Störungen. Ein Hamburger Experte mahnt zur Vorsicht. Wegen der offenen Fragen ist die Haltung zu Oxytocin in der Wissenschaft gespalten.

Hamburg. Es wird gern als Kuschel- oder Bindungshormon bezeichnet und sorgt immer wieder für Aufsehen. Das Oxytocin, ein Neurohormon, das in unserem Gehirn ausgeschüttet wird. Ständig gibt es neue Studienergebnisse, die zeigen, wie sich die Gabe von Oxytocin auf einzelne Aspekte des Sozialverhaltens von Mensch und Tier auswirkt – ein regelrechter Hype, könnte man meinen. Doch ist dieser wirklich berechtigt? Oder sollte man ihm eher mit Vorsicht begegnen? Darüber sprach das Abendblatt mit Dr. Matthias Gamer. Er leitet im Institut für systemische Neurowissenschaften am Universitätsklinikum Eppendorf eine Arbeitsgruppe, die untersucht, welche Rolle das Gehirn dabei spielt, Sozialverhalten aufzubauen und aufrechtzuerhalten sowie soziale Informationen zu verarbeiten.

Während die körperlichen Wirkungen von Oxytocin bei Frauen – die Einleitung der Wehentätigkeit bei der Geburt und der Einfluss auf den Milcheinschuss beim Stillen – schon lange bekannt sind, weiß man über die Rolle des Oxytocins im Gehirn bei Männern und Frauen noch relativ wenig. „Die Theorie geht davon aus, dass es für die Regulation von Sozialverhalten wichtig ist, zum Beispiel für die Entstehung von Bindung bei Menschen und Tieren, und für die Erkennung von sozialen Signalen, zum Beispiel von Gefühlen, die sich im Gesichtsausdruck widerspiegeln. Wahrscheinlich spielt das Hormon auch eine Rolle bei der Entstehung von zwischenmenschlichem Vertrauen und der Dämpfung von Stress in Beziehungen“, sagt Gamer.

Es gibt aber offensichtlich Hinweise darauf, dass sich die Wirkung von Oxytocin im Gehirn bei Männern und Frauen unterscheidet. „Der größte Unterschied, den man bisher gesehen hat, ist, dass Oxytocin bei Männern eine Struktur im Gehirn, die Amygdala, in ihrer Aktivität eher gedämpft hat. Das hat man so interpretiert, dass Oxytocin bei Männern stressdämpfend sein kann. Diese Hirnregion ist wichtig für das Erleben von Gefühlen und ihre Verarbeitung. Bei Frauen hat man hingegen in einigen Studien gesehen, dass Oxytocin die Aktivität der Amygdala steigert, also genau den gegenteiligen Effekt zeigt“, sagt Gamer. Das wirft aber neue Fragen auf, zum Beispiel, ob Frauen durch Oxytocin mehr Stress erleben oder ob dieser Unterschied möglicherweise mit den Hormonen des weiblichen Zyklus zusammenhängt.

In einer der ersten Studien über das Hormon zeigte sich, dass es Vertrauen steigern kann. Die Aufgabe war ein Spiel, entweder mit einem menschlichen Gegenüber oder mit einem Computer, der Entscheidungen getroffen hat. Die Spieler hatten bestimmte Geldbeträge, die sie an ihren Mitspieler weitergeben konnten. Dieser konnte dann mit einem vervielfachten Betrag entscheiden, wie viel er zurückgibt. „Das Spiel läuft für beide Partner ideal, wenn man viel Geld gibt, denn es wird vervielfacht und man erhält dann auch viel zurück. Die Probanden, die Oxytocin bekommen haben, waren gewillt, mehr Geld in ihren Mitspieler zu investieren – und damit vertrauensseliger. Dieser Effekt zeigte sich nicht, wenn sie mit dem Computer als Gegenüber gespielt haben“, sagt der Forscher.

Der andere Effekt, der mittlerweile sehr gut belegt ist, so Gamer: Oxytocin verbessert die Wahrnehmung von Gesichtern. „Das heißt, Menschen, die Oxytocin bekommen haben, sind besser darin, einen Gesichtsausdruck zu interpretieren, können also soziale Signale besser lesen als Menschen, die das Hormon nicht erhalten haben. Auch wenn man zum Beispiel ein neutrales und ein fröhliches Gesicht übereinanderlegt, sodass man nur noch ein bisschen Fröhlichkeit sieht, sind Menschen, die Oxytocin bekommen, besser darin, genau diesen Hauch von Fröhlichkeit zu erkennen.“

Überlegt wird auch, bei welchen psychischen Störungen Oxytocin in der Zukunft möglicherweise hilfreich sein könnte. Man hat dabei vor allem psychische Störungen im Blick, die auch mit tiefgreifenden Problemen im Sozialverhalten verbunden sind. Das sind zum Beispiel autistische Störungen, bei denen sich die Betroffenen in sozialen Situation teilweise unangemessen verhalten, schlechter soziale Signale erkennen und soziale Situationen meiden, weil sie bei ihnen Stress auslösen.

Eine andere Gruppe sind Menschen mit sozialen Angststörungen. Sie haben zum Beispiel Angst, sich zu blamieren, wenn sie mit anderen Menschen zusammen sind und meiden deshalb soziale Situationen. In den Blick geraten sind auch Menschen mit Schizophrenie. Sie haben zwar auch Störungen im Sozialverhalten, aber die Krankheit ist sehr viel komplexer. Eine weitere Gruppe sind Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ. Sie haben ebenfalls Störungen des Sozialverhaltens und verhalten sich sehr wechselhaft in Beziehungen: Einmal sind sie sehr an jemandem interessiert, dann wieder ärgerlich bis aggressiv. Und sie haben große Schwierigkeiten, enge Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten. „Das sind die Störungsbilder, bei denen man gerade beginnt zu versuchen, mit Oxytocin therapeutische Effekte herbeizuführen. Man muss allerdings auch sagen: All das sind kleine Studien mit 20 bis 30 Teilnehmern, keine groß angelegten klinischen Studien“, berichtet Gamer.

Er selbst hat mit seinen Kollegen mehrere Studien mit Borderline-Patientinnen durchgeführt. „Sie neigen dazu, ärgerliche Gesichter stärker zu verarbeiten als gesunde Menschen, und beziehen den Ärger häufig auf sich. Die Gabe von Oxytocin hat dazu geführt, dass sich die Wahrnehmung der Borderline-Patientinnen wieder mehr der von Gesunden angeglichen hat. Die Probandinnen reagierten nicht mehr so empfindlich auf ärgerliche Gesichter, und auch in ihrem Gehirn zeigte sich, dass die Aktivität in der Amygdala der von normalen Probandinnen wieder ähnlicher wurde“, erklärt Gamer.

Bei sozialen Angststörungen will man sich die vertrauensschaffende Komponente von Oxytocin zunutze machen. „Die klassische Behandlung von sozialen Ängsten ist zum Beispiel eine Expositionstherapie, bei der die Menschen in eine soziale Situation gebracht werden, vor der sie Angst haben, und dann mit der Zeit merken sollen, dass es gar nicht so schlimm ist. Die Idee ist: Wenn sie vorher Oxytocin bekommen, haben sie in dieser Situation mehr Vertrauen und weniger Stress, können das Ganze besser durchstehen und speichern die Erfahrung noch viel besser ab – und die therapeutischen Effekte verstärken sich. Bisher gibt es dazu aber nur sehr wenige Studienergebnisse.“ Die Kombination von Oxytocin mit einer Psychotherapie ist ein Ansatz, den der Freiburger Biopsychologe und Psychotherapeut Prof. Markus Heinrichs favorisiert und in Studien testen will.

Doch bei allen positiven Nachrichten gibt es möglicherweise auch eine ernst zu nehmende Nebenwirkung: „Viele Studien deuten darauf hin, das Oxytocin nur prosoziale Effekte hat, also das Sozialverhalten verbessert, aber nie verschlechtert. Eine Studie aus den Niederlanden hat aber gezeigt, dass Oxytocin auch negative Effekte haben kann, in dem es Gruppenphänomene verstärkt. Das heißt, zum Beispiel, wenn zwei Gruppen im Spiel gegeneinander antreten, zeigen die Probanden in ihrer eigenen Gruppe nach Oxytocin-Gabe eine stärkere prosoziale Haltung, aber die Abgrenzung zur anderen Gruppe war verschärft. Das kann auf negative Effekte hinweisen, wie etwa eine negativere Haltung gegenüber anderen Ethnien, also Rassismus. Und es könnte ein Hinweis auf ein Problem dieser Substanz sein, das man im Blick behalten muss“, mahnt Gamer.

Negative Effekte zeigte auch eine weitere Studie an Präriewühlmäusen, die während ihrer Jugend täglich mit Oxytocin behandelt wurden. Währenddessen zeigte sich bei männlichen Tieren ein positiver Effekt auf das Sozialverhalten. Nach der Therapie jedoch war ein Defizit in der Paarbindung bei jenen männlichen Tieren zu beobachten, die vorher niedrige bis mittlere Dosen Oxytocin erhalten hatten. Sie beschäftigten sich weniger mit ihrem Partner als mit fremden Tieren.

Wegen der offenen Fragen ist die Haltung zu Oxytocin in der Wissenschaft gespalten. „Es gibt die einen, die dafür plädieren, aufgrund der vielen Unklarheiten etwas vorsichtiger zu sein, und andere, die sehr vorgeprescht sind und angefangen haben, Oxytocin als Therapie bei allen möglichen Patientengruppen in Betracht zu ziehen. Ich glaube, man sollte vorsichtig sein. Es ist eine körpereigene Substanz. Deswegen haben auch viele gedacht, es wird keine schweren Nebenwirkungen haben. Aber das weiß man nicht sicher. Und man weiß auch nicht, was passiert, wenn im Gehirn für längere Zeit höhere Level an Oxytocin verfügbar sind, welche Effekte dadurch angestoßen werden, die auch zu Umbauprozessen im Gehirn führen könnten.“

Das große Problem ist, dass es zu Oxytocin nur wenig objektive, systematische Forschung gibt. Es gibt viele kleine Einzelergebnisse, aber es fehlen die ausführlichen wissenschaftlichen Grundlagen, die diese Forschung auf solide Füße stellen. „Es gibt noch so viele Rätsel, die nicht gelöst sind. Das fängt schon bei der Verabreichung von Oxytocin an. Die Standardmethode ist die Verabreichung als Nasenspray. Das hat sich daraus entwickelt, dass man weiß, dass eine andere Substanz, das Vasopressin, in der Struktur dem Oxytocin sehr ähnlich ist und auf diese Weise wirkt. Unklar ist aber bis jetzt, über welchen Mechanismus Oxytocin bei dieser Methode ins Gehirn aufgenommen wird, in welchen Regionen es aufgenommen wird und in welchen nicht“, sagt Gamer. Viele Phänomene seien noch ungeklärt.

„Wir müssen davon wegkommen, dass sich jemand irgendeine experimentelle Aufgabe nimmt, die etwas mit Sozialverhalten zu tun hat, nach Oxytocin-Gabe den Effekt misst und das Ganze publiziert“, betont Gamer. Alles laufe nebeneinander, aber den zugrunde liegenden Mechanismus schaue sich keiner sorgfältig an. Vieles liege noch im Dunkeln. Und bevor das alles nicht geklärt sei, sei es zu früh für große klinische Studien an Patienten, mahnt Gamer. „Denn dadurch entstehen Hoffnungen auf neue Behandlungsmöglichkeiten bei Patienten und Angehörigen. Das sollte man zum jetzigen Zeitpunkt nicht tun, weil man diese Hoffnungen vermutlich nicht einlösen kann.“

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