Auszeichnung

Hamburger Ernst-Jung-Preis für Spitzenmedizin

Foto: Getty Images

Die mit insgesamt 540.000 Euro dotierte Auszeichnung für herausragende Forschungsleistungen geht an drei Wissenschaftler.

Hamburg. Sie wollen die körpereigene Abwehr gegen schwere Krankheiten stärken, spüren gefährliche Erreger in unserem Organismus auf oder versuchen, Tumorzellen von ihrer Blutversorgung abzuschneiden. Für herausragende Forschungsleistungen auf diesen Gebieten werden jetzt drei Wissenschaftler von der Hamburger Ernst Jung-Stiftung für Wissenschaft und Forschung ausgezeichnet. Heute, am 38. Todestag des Stifters, gibt sie die diesjährigen Empfänger ihrer Preise für Spitzenleistungen in der medizinischen Forschung bekannt, die mit insgesamt 540.000 Euro dotiert sind.

Der Ernst-Jung-Preis für Medizin in Höhe von 300.000 Euro geht an den Immunbiologen Prof. Thomas Boehm, 57, vom Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg. Ausgezeichnet wird seine Forschung zur Entwicklung und Funktion des Immunsystems. Dabei geht er vor allem der Frage nach, warum bei manchen Menschen die Abwehr von Viren und Bakterien nicht richtig funktioniert oder warum sie plötzlich so aus dem Ruder läuft, dass sie sich gegen körpereigenes Gewebe richtet. In seiner Arbeit hat Boehm für verschiedene Immunschwächekrankheiten Fehlfunktionen des Thymus aufgeklärt, des Organs, das eigentlich Zellen für das Abwehrsystem produzieren soll. Zudem konnte er Möglichkeiten für einen zumindest teilweisen Ausgleich dieser Fehlfunktionen aufzeigen. Das könnte zum Beispiel durch die Herstellung von künstlichem Thymusgewebe geschehen, die in Ansätzen bereits gelungen ist.

"Der Immunbiologe von hohem internationalen Rang hat grundlegende Beiträge zum Verständnis der Entwicklung, Differenzierung und Evolution des Immunsystems geleistet", heißt es in der Begründung des Kuratoriums der Stiftung zu der Vergabe des Preises. Seine Erkenntnisse, so die große Hoffnung für die Zukunft, sollen die Entwicklung von neuen Behandlungsansätzen bei Immunschwächekrankheiten ermöglichen.

Der Ernst-Jung-Karriere-Förderpreis für Medizinische Forschung in Höhe von 210.000 Euro geht an Dr. Dr. Thomas Schmidt, 33, von der Klinik für für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie des Universitätsklinikums Heidelberg. Das Preisgeld soll dem Wissenschaftler ermöglichen, nach einem Aufenthalt an der belgischen Universität Leuven seine Forschungen in Deutschland zu intensivieren. In dem ausgezeichneten Projekt geht es darum, wie Tochtergeschwülste (Metastasen) des Darmkrebses über die Neubildung von Blutgefäßen an die Blutversorgung des Körpers angeschlossen werden. Ziel dieser Arbeit ist es, diese Prozesse genauer zu verstehen und so Möglichkeiten zu finden, diese Versorgungswege zu unterbrechen. Dann könnten die Metastasen ausgeschaltet und operativ entfernt werden.

Das Kuratorium begründet seine Preisvergabe damit, dass "das Verständnis dieser bislang wissenschaftlich noch nicht ergründeten Prozesse und Strukturen sowohl für die Diagnostik als auch für die Therapie des Darmkrebses neue Möglichkeiten erschließen kann".

Die Ernst Jung-Medaille für Medizin in Gold für sein Lebenswerk erhält der aus der Schweiz stammende Molekularbiologe Prof. Charles Weissmann, 82, der bis heute am Scripps Research Institute in Jupiter, Florida, tätig ist. Er gilt als einer der Pioniere auf gleich mehreren Gebieten. "Prof. Charles Weissmann erhält die Medaille für seine wissenschaftlichen Leistungen, welche Meilensteine in der Geschichte der Molekularbiologie gesetzt haben", begründetet das Kuratorium seine Wahl. So ist sein Name untrennbar mit den Interferonen verbunden, Gewebshormonen, die zur Bekämpfung von Viren und Tumoren eingesetzt werden. So wurde zum Beispiel ein Interferon zum wichtigsten Medikament zur Behandlung der ansteckenden Leberentzündung Hepatitis C.

Weissmann hat es ermöglicht, dass dieses Mittel in großen Mengen hergestellt werden konnte, indem er ein Verfahren zur Klonierung von Interferonen entdeckte. "Heutzutage ist Biologie ohne Gentechnik genauso undenkbar wie eine Dschungelexpedition ohne Kompass", sagte er in einem Interview, kurz nach dieser Entdeckung.

Nur wenig später lieferte Weissmann Aufsehen erregende Erkenntnisse zur Genetik von sogenannten Retroviren, einer Gruppe von Erregern, zu denen auch die HI-Viren gehören. Als bahnbrechend gelten auch seine Forschungen zum Verständnis der Funktion sogenannter Prionen. Das sind verformte Eiweißstrukturen, die als Auslöser der Rinderseuche BSE und der neuen Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit gelten, auch wenn dies noch nicht eindeutig nachgewiesen ist.

Mit der Auszeichnung wird Weissmann auch ein Stipendium in Höhe von 30.000 Euro zur Verfügung gestellt, das er an einen Nachwuchswissenschaftler seiner Wahl vergeben darf.

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.