Infektion

Schutz vor Denguefieber – Hamburger helfen Brasilien

Forscher wollen vor der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 infizierte Mücken in Sportstätten aufspüren und die Bevölkerung aufklären. Bundesregierung stellt 350.000 Euro zur Verfügung.

Hamburg. Kurz vor dem Endspiel der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien mit einer Infektion im Bett zu liegen und nicht ins Stadion zu dürfen – so könnte ein Albtraum von Fans und Fußballern aussehen. In dem südamerikanischen Land gibt es Mücken, die Dengueviren übertragen. Die häufigsten Symptome einer Infektion sind Fieber, Muskel-, Gelenk- und Knochenschmerzen; in besonders schweren Fällen kann es zu lebensgefährlichen inneren Blutungen kommen.

„Von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Krankheit vergehen nur wenige Tage, die Krankheit kann einen ganz schön lahmlegen, wenn es schlecht läuft“, sagt der Virenexperte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. Eine Impfung gibt es nicht, also müssen Maßnahmen zur Vorsorge getroffen werden: um sich nicht anzustecken und die Mücken zu bekämpfen. Das BNITM kooperiert dazu bereits jetzt mit Forschern und einem Verein in Rio de Janeiro auch mit Blick auf 2016. Denn Brasilien richtet nicht nur die Fußball-Weltmeisterschaft im kommenden Jahr aus, sondern auch die Olympischen Sommerspiele zwei Jahre später.

Das Auswärtige Amt stellt im Rahmen des Deutschen Biosicherheitsprogramms der Bundesregierung rund 350.000 Euro zur Verfügung. Einige Ziele des aktuellen Projekts in Brasilien: Gegenden und Sportstätten identifizieren, in denen besonders viele von Dengueviren befallene Mücken vorkommen; Mücken und Brutstätten bekämpfen und die Bevölkerung sowie Besucher und Athleten aufklären.

Zwei Mücken sind als Überträger von Dengueviren in Brasilien bekannt: Die Tigermücke Aedes albopictus und die Gelbfiebermücke Aedes aegypti. Laut Schmidt-Chanasit gehen Experten davon aus, dass in diesem Jahr bereits 1,4 Millionen Menschen in dem Land mit Dengue infiziert waren (Brasilien hat mehr als 200 Millionen Einwohner). Im Labor bestätigt wurden demnach etwa 385.000 Fälle, mehr als 6500 Menschen erkrankten schwer, und mehr als 450 Menschen starben an den Folgen. Schmidt-Chanasit beruft sich auf aktuelle Zahlen der Internationalen Gesellschaft für Infektionskrankheiten. Die Bundesuniversität Rio de Janeiro (UFRJ) habe im vergangenen Jahr mehr als 180.000 der Virusinfektionen in ihrem Bundesstaat Rio de Janeiro gezählt.

Schmidt-Chanasit war bereits mehrmals in Rio de Janeiro und hat dort UFRJ-Wissenschaftler geschult. Vor einigen Monaten wurden bereits spezielle Geräte zur Diagnostik aufgebaut, um beispielsweise im Blut Antikörper gegen Dengueviren festzustellen – und so die Krankheit innerhalb von Stunden indirekt nachweisen zu können. Darüber hinaus gibt es mittels molekularbiologischer Methoden die Möglichkeit, die Viren direkt im Blut nachzuweisen.

Im Gepäck hatte Schmidt-Chanasit auch Mückenfallen, die Tiger- und Gelbfiebermücken mit Duftstoffen anlocken. Ein Propeller treibe die Insekten dann in ein Netz. Die Mückenfallen werden rund um die Sportstätten aufgestellt – um dann untersuchen zu können, ob und mit welchen Dengueviren die Tierchen infiziert sind. Denn von den Viren gibt es mehrere Unterarten, Serotypen genannt.

Genau diese verschiedenen Formen machen Dengueexperten weltweit verstärkt Kopfzerbrechen. Bislang waren vier davon bekannt, auch DENV 1,2,3 oder 4 genannt. Auf einer Denguekonferenz im thailändischen Bangkok berichteten jedoch Forscher kürzlich über einen fünften Serotyp. Dieser sei bei einem Ausbruch im Jahr 2007 im malaysischen Bundesstaat Sarawak auf der Insel Borneo aufgetreten und nun im Nachhinein identifiziert worden, war in einem Artikel im Wissenschaftsmagazin „Science“ zu lesen. Das Team um Nikos Vasilakis von der Universität von Texas vermute, dass dieser fünfte Typ unter Affen kursiere, die im Dschungel auf Borneo leben.

„Wir warten alle gespannt auf die Originalpublikation dazu, um Genaueres über diesen neuen Dengue-Serotyp zu erfahren“, sagt Schmidt-Chanasit. „Womöglich finden sich noch mehr Serotypen, wenn man nur genauer sucht.“

Doch warum spielt es überhaupt eine Rolle, an welchen Typ man erkrankt? „Wer an einem Serotyp erkrankt, entwickelt Antikörper dagegen. Die Theorie ist, dass Dengue vor allem dann gefährlich wird, wenn man sich nach einer Infektion noch einmal mit einem anderen Serotyp ansteckt“, erklärt Schmidt-Chanasit. Deshalb sei es wichtig, genau zu beobachten, welche Form an welchem Ort verstärkt vorkomme. „In Rio de Janeiro ist es vor allem der Typ 4, wir müssen im Auge behalten, ob sich da etwas ändert.“

Der Fund in Malaysia könne ein herber Rückschlag für Forscher sein, die an einem Impfstoff gegen Dengue arbeiten. „Das Ziel war, einen Impfstoff gegen alle vier Serotypen zu entwickeln. Gäbe es noch mehr, wird es noch schwieriger“, sagt Schmidt-Chanasit. Erst im vergangenen Jahr wurden Hoffnungen in einen dieser Impfstoffe enttäuscht. Er war an knapp 2700 thailändischen Schulkindern getestet worden. „Er war sicher und gut wirksam, aber eben nicht gegen den Typ 2, der vor allem in asiatischen Ländern vorkommt. Nun muss man schauen, was daraus wird“, sagt Schmidt-Chanasit.

Vor allem aus Ländern wie Thailand oder Indonesien brächten deutsche Urlauber das Denguefieber mit, sagt der Virologe. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts in Berlin sind in diesem Jahr bisher rund 700 Fälle von Dengue in Deutschland gemeldet worden, bei denen die Erkrankung aus dem Ausland mitgebracht wurde. Laut Schmidt-Chanasit waren 25 Patienten zuvor in Brasilien.

Dort beteiligt sich neben der Bundesuniversität auch der Verein IRESO an dem Projekt. Dieser kümmert sich um die Förderung von Kindern und Jugendlichen. Der gebürtige Karlsruher Norbert Lehmann gründete den durch Spenden finanzierten Verein 2012. Jugendliche aus den Armenvierteln in Rio – den Favelas – sollen nun von Wissenschaftlern der Universität in Rio zu „kleinen Dengueexperten“ ausgebildet werden: Wie erkennen sie die Überträgermücken? Wie verläuft eine Dengueinfektion? Wie kann man eine Ansteckung verhindern? Alles das sind Fragen, auf die Lehmann den Jugendlichen Antworten geben will. In der Hoffnung, dass sie ihr Wissen weitertragen.

„Das Denguefieber ist ein großes Problem in den Armenvierteln von Rio“, sagt Lehmann. „Unter anderem, weil es viele unverschlossene Wasserbehälter auf den Dächern, leere Dosen, Plastikfolien und Eimer gibt, in denen sich kleine Mengen Wasser gesammelt haben.“ Diese bilden demnach perfekte Brutstätten für die Stechmücken. Auch die schlechte oder fehlende Wasserkanalisation in den Favelas gilt als Risikofaktor.

Schmidt-Chanasit nennt aber auch noch einen anderen Brutort für die Mückenlarven: Bromelien. „Diese mit der Ananas verwandten Pflanzen finden sich als Zierpflanzen an vielen Orten Brasiliens, ob in Ferienanlagen oder selbst an der Universität in Rio“, sagt Schmidt-Chanasit. Die Blätter formen eine Art Trichter, in dem sich Wasser sammeln kann – und in dem Mücken ihre Eier hineinlegen können. „Wer Sportler und Fans also wirklich schützen will, muss auch diese Pflanzen im Auge behalten.“